Kennzeichen eines gelungenen Gesprächs: Nichts ist mehr so, wie es war.*

Die Sorge, er könnte sich als Aphoristiker zu knapp ausdrücken, erweist sich als unbegründet. Wir treffen uns morgens zum Kaffee im Unternehmen Mitte, verlängern den Kaffee zum Mittagessen, das Mittagessen zum nächsten Kaffee – und noch ist nicht alles Wichtige besprochen. Philip Kovce redet gern, viel – und gut.

Ein wenig unheimlich kann einem dieser 28-Jährige werden, der sich schon als 17-Jähriger intensiv mit Schillers ästhetischen Briefen auseinandersetzte. Mit 18 wünschte er sich von seinen Eltern einen Aphorismen-Band des Philosophen Stefan Brotbeck – heute ist er Mitwirkender bei dessen Philosophicum in Basel. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis; eine seiner zwei Bachelorarbeiten gliederte er in Form von sieben Sätzen, wie Wittgensteins «Tractatus». Der Deutsche ist Mitglied des Think Tanks 30 des Club of Rome. Er schrieb für die FAZ, die Süddeutsche, die Zeit; war Chefredaktor des Journals «360 Grad». Dieses Jahr kommt sein siebtes Buch heraus. Sein kürzlich im Basler Futurum-Verlag erschienener Aphorismenband «Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall» ist nur eines von vielen.

Er ist anders begeistert. Vielen ist er verrückt.

In der Mitte der «Mitte» schreien mittwochs die Kinder, Kovce spricht ruhig weiter. Das Kaffeehaus ist seit November sein Zuhause. Er wohnt im vierten Stock beim Mitte-Mitbegründer Daniel Häni. Zusammen schreiben sie ein Sachbuch über das bedingungslose Grundeinkommen. Denn die Schweiz ist das erste Land, das demnächst über dessen Einführung abstimmen wird. Sein Buch zur Volksabstimmung erscheint im Herbst bei Orell Füssli. Im Verlag, dessen grösster Aktionär die Schweizerische Nationalbank ist, im Verlag, dessen Konzern auch den Schweizer Franken druckt.

Fragen ohne Antwort fand er uninteressant. Warum, wusste er nicht zu sagen.

Anderthalb Monate lang hätten Häni und er sich jeden Tag eine Frage zum Grundeinkommen gestellt. Abends gaben sie sich die Antworten. Dieses Frage-Antwort-Spiel lieferte den Rohstoff für das Buch. Es soll rhetorisch überzeugen und sprachlich glänzen, sagt Kovce: «Ein erfolgreiches Sachbuch darf sich an keiner Stelle erlauben, nicht interessant zu sein.»

Das bedingungslose Grundeinkommen würde das Existenzminimum jedes Menschen sichern. Somit wäre jeder frei, das zu tun, was er will. «Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?» Kovce und Häni planen, diese «grösste Frage der Welt» auf dem grössten Plakat der Welt drucken zu lassen – und damit ins Guinness-Buch der Rekorde zu gelangen.

Gute Autoren bringen ihre Verlegenheit treffender zu Papier als schlechte ihre Überzeugung.

Wie würde man sich verhalten, wenn man das Grundeinkommen bekäme? 90 Prozent der Befragten einer Studie antworteten, sie würden in etwa so weitermachen wie bisher; 10 Prozent sagten, sie nähmen eine Auszeit. Was würden die Mitmenschen tun, wenn sie das Grundeinkommen bekämen? 80 Prozent der Befragten vermuteten, die anderen würden in der Hängematte liegen, nur 20 Prozent trauten ihren Mitmenschen zu, damit umgehen zu können. «Unser doppeltes Menschenbild lässt sich nicht besser auf den Punkt bringen», sagt Kovce: «Jeder traut es sich selbst zu, aber den anderen nicht.»

Und wer zahlt’s? Das wird Kovce immer zuerst gefragt. «Man kann alles finanzieren, wenn man es denn will», hält er dagegen. Die Frage laute vielmehr: Können wir es leisten, ist der Mensch dazu in der Lage? Die Unsterblichkeit wäre finanzierbar, doch leisten könnten wir sie nicht. Das Grundeinkommen könnten wir laut Kovce finanzieren und leisten. Aber zuerst gelte es abzuklären, «ob wir das bedingungslose Grundeinkommen wirklich wollen – also auch wollen, dass die anderen es erhalten».

Natürlich sei ihm klar, dass die Grundeinkommens-Initiative vorerst keine Mehrheit erreichen werde. Doch allein schon, dass man hier «diesen Diskurs in dieser Ernsthaftigkeit führt, ist eine Dienstleistung für das Weltgeschehen». Darum sei jeder Tag, um den der Abstimmungstermin sich verzögere, ein gewonnener Tag für die Sache. «Es kann gar nicht genug Tage vorher geben, denn sie bereiten das Nachher vor.»

Freiheit ist möglich - und ihr Vermögen wirklich.

Kovce mag nicht zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden, beides sei Lebenszeit. Er liest, schreibt, unterhält sich mit interessanten Menschen. Solche gehen in Hänis Wohnung ein und aus. «Vom Topmodel bis zum Wirtschaftsexperten», sagt Kovce. Als wir zwischen zwei Kaffees die Wohnung betreten, begegnet uns ein blonder Mann, der ein Model sein könnte, aber ein Mitarbeiter des Zürcher Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisanwärters Bruno Frey ist. Mehrere Gästezimmer gehen von einem grossen Wohnraum mit einem langen Esstisch ab. Kovce macht eine Armbewegung: «Der Umschlagplatz des Weltgeistes!» Hier im vierten Stock werde die Gesellschaft der Zukunft vorgedacht. Eine freie Gesellschaft. Auch eine Badewanne steht mitten in diesem Wohnzimmer-Flur. Wie weit geht hier die Freizügigkeit? «Es gibt auch ein separates Badezimmer», sagt er.

Wo alles gesagt ist, bleibt nichts mehr zu fragen.

In seinem Gästezimmer steht eine Flasche Wein, «Esperanza»; ein Geschenk nach einer Lesung, aber nicht für ihn, Kovce trinkt keinen Alkohol. Der Raum ist klein, aber hell. Kovce hat nicht viel und braucht nicht viel. «Ich leiste mir den Luxus, mit wenig Geld ein reiches Leben zu führen», sagt er.

Später wird er der Kellnerin mit einem tiefen Blick zwei Cappuccino mit einem Kaffeegutschein entlocken. Sie lacht. Im Treppenaufgang der Mitte leuchten Kovces Aphorismen auf einem Glühlampenbildschirm. «Das Wesen des Aphorismus ist, dass er sich anmasst, nur so viel oder gerade so viel zu sagen, dass es darüber hinaus unendlich viel zu sagen gibt», sagt Kovce. Es klingt tröstlich.