Für die Basler «Tages-Woche» hatte sich Slampoetin Hazel Brugger einmal selbst interviewt. Mit desaströsem Ausgang. Keine ihrer selbst erfundenen, sehr elaborierten Journalisten-Fragen wusste sie zu beantworten. Wir haben der «bösesten Frau der Schweiz», wie man sie auch schon genannt hat, eine zweite Chance gegeben.

Hazel Brugger, mit welcher Interviewfrage würden Sie bei Ihrer heutigen Tagesverfassung ins Gespräch einsteigen?

Hazel Brugger: Ich würde mich fragen: Was für einen Sinn hat meine Arbeit überhaupt?

Und welche Antwort würden Sie darauf geben?

Wahrscheinlich würde ich aufstehen und gehen wollen. Aber das ginge ja nicht. Denn ich wäre als Fragenstellende so baff über das Temperament der Antwortgebenden, dass ich erst mal sitzen bleiben müsste.

Sie würden sich also schon wieder eine Frage stellen, auf die Sie keine Antwort wüssten?

Genau. Um zu testen, ob ich die Stille zwischen Ihnen und mir – wir haben ja beide keine Antwort parat – irgendwie aushalten kann. Eine gute Beziehung erkennt man ja gerade daran, dass man zusammen schweigt. Wer allein sein kann, ohne etwas dabei zu tun, der ist glücklich.

Können Sie das denn überhaupt, nichts tun? Ihr Kalender ist randvoll: Sie haben Auftritte in Berlin, Frankfurt . . .

Es klappt noch nicht so gut, wie ich es gerne hätte. Wenn es mir mal gelingen sollte, kann ich mich dann aber gleich pensionieren lassen.

Wir sind uns mal an einem Poetry Slam begegnet, einem dieser Dichterwettbewerbe, für die Sie so bekannt sind. Sie wurden gerade 18 und durften nach Mitternacht ganz legal aus der Whisky-Flasche trinken, die der Gewinner eines solchen Wettbewerbs traditionellerweise geschenkt bekommt. Schon damals waren Sie furchtbar abgeklärt . . .

Auch ich habe eine kindliche Seite! Aber ich frage mich schon, warum es Menschen gibt, die sich über alles auf dieser Welt freuen können. Es gibt vierzigjährige Frauen, die haben schon drei Kinder und sind immer noch nicht desillusioniert. Beneidenswert. Das sind dann solche Leute, die sich Tassen mit Katzenmotiven kaufen, weil sie sie schön finden. Wenn ich das tun würde, dann nur als ironisches Statement.

Also kann man bei Ihnen davon ausgehen, dass nichts ironiefrei ist?

Ich möchte dieses Jahr eine Weihnachtskarte verschicken. Mit einem Foto, auf dem ich einen Samichlaus-Hut trage. Darunter wünsche ich den Adressaten in fetter «Comic Sans»-Schriftart frohe Weihnachten und 1 – als Ziffer! – gutes neues Jahr. Wenn ich das meiner Verwandtschaft schicke, dann denken sich viele: Oh, wie herzig, die Hazel schickt uns eine Weihnachtskarte. Meine Freunde und die engere Familie kennen mich besser und denken sich: so ein Spasti.

Sie sind Anfang zwanzig, haben eine eigene Talkshow, eine Kolumne im «Tagi-Magi», und deutsche Feuilletons wollen wissen, wie Sie über die Schweiz denken. Wo werden Sie stehen, wenn die ersten grauen Haare kommen?

Ich wäre dann gerne eine verlässliche Konstante im Bühnenbetrieb. Zu der die Leute kommen und es ihnen egal ist, ob ich ihnen einen Film zeige, ihnen etwas vorlese oder etwas erzähle.

Ihre Karriere startete mit Poetry Slams. Wann sind Sie zum ersten Mal an einem solchen aufgetreten?

Mit 17 in Winterthur. Ich hatte mehrere Poetry Slams gesehen und mir gedacht: Das könnte ich doch eigentlich mal ausprobieren. Ich hatte schon immer gerne geschrieben. An einem einzigen Tag bereitete ich also drei Texte vor.

Waren Sie nervös?

So sehr, dass ich auf der Bühne einfach nur stur runtergelesen habe. Ganz ohne Mimik gab ich recht krasse Dinge von mir. Und das fanden die Leute dann so witzig, dass ich meinen ersten Poetry Slam gleich gewonnen habe.

Dieses emotionslose Hazel-Brugger-Gesicht, für das Sie bekannt sind, ist also gar keine Maske, sondern ein Abbild Ihrer Angst?

Genau! Und es ist ja auch gar nicht schlecht, so ein Markenzeichen zu besitzen. Was mich stört, sind diese Kabarettisten-Poster, auf denen jemand grinst so à la «Hey, ich bin lustig, falls ihrs noch nicht bemerkt habt!» (Brugger verzieht das Gesicht zu einer Grimasse) So würdest du im Alltag nie aussehen. Warum sich also so auf eine Bühne stellen?

Sie spannen in Ihren Geschichten oft einen weiten Bogen vom Geburtskanal bis in den Tod. Warum?

Es ist nun mal das Einzige, was wir Menschen wirklich miteinander gemein haben: Wir wurden geboren, und wir sterben. Philosophisch betrachtet finde ich das sehr spannend. Wenn du ein Ego besitzt, dann ist alles, was du tust, ja im Grunde dazu da, dass sich nach dem Tod noch jemand an dich erinnert. So lässt sich auch zum Beispiel Patriotismus erklären: Als Patriot setzt du dich ein für etwas, das auch nach deinem Tod noch Bestand haben soll.

Können Sie mit Patriotismus etwas anfangen?

Ich finde es seltsam, auf etwas stolz zu sein, das man nicht selbst getan hat. Deshalb mache ich lieber selbst Dinge. Auf die kann ich dann auch stolz sein.

Hat Ihnen dieses astreine Bühnendeutsch Ihre Mutter beigebracht?

Ja. Ich bin froh, dass man in Deutschland nicht sofort merkt, dass ich Schweizerin bin. Und ich verstehe auch nicht, warum ich extra so tun sollte, als könne ich kein Deutsch.

Künstler wie Emil haben gerade mit diesem Schweizersein kokettiert . . .

Ich finde die Schweiz ziemlich unwitzig. Ich würde auch nicht einen ganzen Abend lang über die Schweiz reden wollen. Auch wenn ich gerne hier bin, kann ich ja nichts dafür, Schweizerin zu sein und rede lieber über Dinge, die alle betreffen.

Ihr neues Programm heisst «Hazel Brugger passiert». «Passiert» klingt passiv und nicht gerade nach Gestaltungswillen. Als sei das Programm ein Versehen.

Genau auf so etwas wird es wohl hinauslaufen. (Lacht.) «Hazel Brugger passiert» klingt wie «Shit happens!» «Passieren» bezeichnet aber auch den Vorgang in der Küche, wenn du mit einem Sieb grobe Brocken rausfischst, etwa aus Tomaten. Diese Tomatensamen sind dann aber tatsächlich das Wertvollste an den Tomaten überhaupt. So etwas Ähnliches versuche ich in meinem Programm zu machen: zwischen Geburt und Tod das Gröbste im Passiersieb festzuhalten.

Und dann steckt in dem Wort auch noch ein bisschen Vergänglichkeit drin. Was ja wiederum zu Ihrem morbiden Humor passt . . .

Genau! Der Hype um mich geht auch wieder vorüber. (Lacht.) Jetzt redet die «Nordwestschweiz» noch mit mir. Aber was ist in zwei Jahren? Dann kann ich wenigstens sagen: «Ich war dabei, als es passierte.»

Ärgern Sie sich im Alltag eigentlich genauso so oft wie auf der Bühne?

Rege ich mich so auf?

Nach dem zu urteilen, was Sie auf der Bühne erzählen, denkt man: Die Frau ist ein Pulverfass, da steckt ganz schön viel Aggression drin.

Ja, meine Arbeit hat schon auch eine therapeutische Funktion.

Geht es Ihnen darum, mit dieser Bühnen-Verärgerung zu hinterfragen, warum wir manche Dinge unreflektiert toll finden?

Genau darum gehts mir! Man regt sich ja normalerweise über jede Menge klitzekleinen Bullshit auf. Es sind aber genau diese dummen, kleinen Dinge, die sofort durchs Sieb fallen würden, wenn man auf dem Sterbebett liegen würde. Dann würdest du auch nicht mehr an die Kellnerin denken, die dir einst den Kaffee über die Hose gekippt hat.