Kunst

Provozieren im 21. Jahrhundert: Statt nackter Haut gelten andere Tabuzonen

Für Provokation muss man nicht originell sein: Christian Meiers Halbmond auf dem Appenzeller Berg «Freiheit». Christian Meier

Für Provokation muss man nicht originell sein: Christian Meiers Halbmond auf dem Appenzeller Berg «Freiheit». Christian Meier

Früher bekam die Öffentlichkeit beim Anblick eines weiblichen Genitals rote Ohren. Heute sind Kinder, Tiere und religiöse Symbole die Tabuzonen der Gegenwartskunst.

An die Konsumwelt im Ausstellungsraum sind wir seit Andy Warhol gewöhnt. Die Kehr(icht)seiten von Konsum – den Müll – hat ein Dieter Roth für uns zusammengekehrt. Seit Jeff Koons trifft der Geschlechtsakt in der Kunst keinen sittlichen Nerv mehr, und weil Künstler ab den 1960ern mit Selbstverstümmelungen ihren Körper Grenzsituationen aussetzten, hält sich die Verstörung in Grenzen, wenn sich der russische Künstler Pyotr Pavlensky aus Solidarität mit den Mitgliedern von Pussy Riot den Mund zunäht.

1968 hatten die Wiener Aktionisten noch auf einem Lesepult der Universität Wien ihre Notdurft verrichtet. Die 80 Tonnen Klärschlamm, die an der Manifesta in Zürich in ästhetische Blöcke gepresst wurden, wirken dagegen geradezu subtil.

Die Toleranz ist gewachsen

Über Günter Brus, einen der Wiener Aktionisten, zeigte das Kunsthaus Zug 2004 eine Retrospektive («Günter Brus, Werkumkreisung»). Die Qualität der Arbeiten habe die Besucher so tief beeindruckt, auch verstört und aufgewühlt, dass es zu keinen negativen Reaktionen gekommen sei, erinnert sich Kunsthausdirektor Matthias Haldemann.

Trotz gewachsener Toleranz ist in Ausstellungsbeschrieben immer noch auffällig oft von «Grenzüberschreitungen» die Rede. Doch welche Tabuzonen sind damit gemeint? Eine Nachfrage unter Schweizer Kunstmuseumsdirektoren zeigt erstaunliche Einigkeit bei der Benennung derselben: Für die Luzerner Kunstmuseumsdirektorin Fanni Fetzer sind es Kinder, Tiere und Religion. Auch für ihre Kollegin aus Aarau, Madeleine Schuppli, ist klar: «Darstellungen von Kindern in Verbindung mit Nacktheit und Sexualität» sind besonders heikel. Wo Künstler um die Jahrhundertwende Kinderakte malten, zieht man heute bereits bei subtileren Darstellungen die Handbremse.

Den Menschen des 21. Jahrhunderts mehr herauszufordern als nackte Haut scheint politische Kunst mit religiöser Symbolik. Seit Jahren arbeitet der Zuger Kunsthausdirektor Matthias Haldemann an einer Ausstellung über das Verhältnis von Kunst und Humor. Dabei wurde er von den Veränderungen der Weltlage überrumpelt. «Wir fragten uns plötzlich: Welchen Gefahren setzen wir uns und die Besucher aus, wenn wir Mohammed-Karikaturen zeigen?»

Nicht einschränken lassen bei religiösen Themen will sich Fanni Fetzer. Während ihrer Zeit am Kunsthaus Langenthal stellte der Künstler Gianni Motti ein Minarett aufs Dach des Gebäudes. «Uns war aber wichtig, vorher das Gespräch mit der islamischen Gemeinde zu suchen», so Fetzer. Trotz Unmut aus der Bevölkerung und der Politik durfte das Minarett während der Ausstellung auf dem Dach bleiben. Doch die Reaktionen darauf nahmen das Abstimmungsergebnis der Minarettinitiative bereits vorweg.

Explosiv: Religion und Politik

Dass wir in einer Zeit, in der Religion für viele als Wertesystem nicht mehr relevant ist, solche Aktionen immer noch als Tabubruch empfinden, macht Provokation in diesem Bereich recht einfach. Als Christian Meier vor einigen Wochen auf dem Appenzeller Berg «Freiheit» als Antwort auf die vielen Gipfelkreuze einen Halbmond platzierte, hatte er die empörten Rufe aus dem Tal bestimmt schon im Ohr.

Die Juristen Peter Mosimann und Felix Uhlmann stellen in ihrer Publikation «Kultur, Kunst, Recht» fest, dass «der Schutz der öffentlichen Sittlichkeit – früher ein öffentliches Interesse par excellence – heute nur noch eine sehr untergeordnete Rolle» spiele, wenn es um Fragen der Kunstfreiheit geht. In den 1950ern war das noch anders. Als Kurt Fahrner auf dem Basler Barfüsserplatz das Bild einer nackten Madonna am Kreuz ausstellte, wurde dieses von der Basler Staatsanwaltschaft konfisziert.

Viel eher scheint es, die Betonung der Political Correctness habe für die Kunst neue Tabuzonen geschaffen. «Wir sind übersensibel geworden», meint auch Barbara Zürcher, Leiterin des Hauses für Kunst Uri. Gerade, wenn es um Kunst über benachteiligte Gruppierungen in der Gesellschaft gehe, überlasse man nichts mehr dem Zufall. So sagt auch Fanni Fetzer: «Meine Institution befindet sich auf der Seite der Schwächeren.» Für sie sei das eine Frage der Sorgfalt. Kunst, die zynische Aussagen über Krankheit oder Armut mache, habe in ihrem Haus keinen Platz.

Die Leere als letztes Tabu

Mit Blick auf die Deutschschweiz sieht ihr Kollege Matthias Haldemann noch ein weiteres nicht erwünschtes Thema des 21. Jahrhunderts: «Der Horror vacui, die Angst vor der Leere, könnte zu den letzten Tabus unserer Gesellschaft gehören», vermutet er. Als der Künstler Olafur Eliasson 2007 sechzig Tonnen Lava in den Räumen des Zuger Kunsthauses verteilte, habe das mehr negative Rückmeldungen provoziert als Günter Brus.

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