«Once Upon a Time in Hollywood»
Quentin Tarantino über seinen neunten Streifen: «In diesem Film steckt meine Karriere»

Mit «Once Upon a Time in Hollywood» verneigt sich Quentin Tarantino vor der Kraft des Kinos. Wir haben den Starregisseur in Cannes zum Gespräch getroffen.

Marlène von Arx
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Auf dem absteigenden Ast: Der Stuntmann Cliff Booth (Brad Pitt) und der Western-Star Rick Dalton (Leonardo Di Caprio) in «Once Upon a Time in Hollywood». Links: Star-Regisseur Quentin Tarantino in Cannes.

Auf dem absteigenden Ast: Der Stuntmann Cliff Booth (Brad Pitt) und der Western-Star Rick Dalton (Leonardo Di Caprio) in «Once Upon a Time in Hollywood». Links: Star-Regisseur Quentin Tarantino in Cannes.

Sony/Reuters/Montage_CH Media

Chaos in Cannes. Die Schlangen vor dem Grand Palais sind gigantisch. Produzenten und andere Grössen aus der Filmbranche sind verzweifelt, viele von ihnen schaffen es – trotz Ticket – nicht rein. Ganz Cannes will den neuen Film von Quentin Tarantino sehen. Denn mit «Once Upon a Time in Hollywood« ist der 56-jährige US-Kultregisseur dorthin zurückgekehrt, wo er einst seine internationale Karriere lanciert hat.

Vor 25 Jahren präsentierten Sie «Pulp Fiction» in Cannes. Jetzt sind Sie mit «Once Upon a Time in Hollywood» zurück. Wer ist Quentin Tarantino heute im Vergleich zu damals?

Quentin Tarantino: Ein routinierterer Filmemacher. Damals war ich jung und wütend. Heute bin weder das eine noch das andere (lacht).

Wie hat sich Ihre Wut gelegt?

Ich bin heute sehr zufrieden und muss mir nichts mehr beweisen. Dies ist mein neunter Film. Und ich habe letztes Jahr geheiratet. Zum ersten Mal. Es ist das erste Mal, dass ich an einem Film gearbeitet habe und gleichzeitig in einer ernsthaften Beziehung war. Daniela (Model und Sängerin aus Israel, Anm. d. Red.) hat ein schönes Zuhause geschaffen, in das ich jeden Abend zurückkehren konnte. Ich wusste nicht, was ich bis dahin verpasst hatte, aber ich bin auch froh, habe ich es verpasst, denn ich wartete offenbar auf die richtige Frau.

«Once Upon a Time in Hollywood» ist eine Hommage an das Hollywood Ihrer Kindheit.

Ja, aber ich meine damit nicht nur die Filmindustrie, sondern auch die Stadt. 1969 war ich sechs Jahre alt und ich erinnere mich gut daran, was im Fernseher lief und welche Radiostation man damals hörte. Ich bin alt genug, um dabei gewesen zu sein, aber noch nicht zu alt, um keinen lebendigen Film darüber machen zu können. Der Film ist eine Erinnerung – wie es «Roma» für Alfonso Cuarón war.

Was ist denn besonders an 1969?

1969 explodierte die Hippie-Kultur in Hollywood. Mark Harris schreibt in seinem Buch «Pictures at a Revolution», dass nach der Oscar-Verleihung von 1968, als «Bonnie and Clyde» und «The Graduate» drei Oscars abholten, dem alten Hollywood noch nicht klar war, dass es vorbei war und dem neuen nicht, dass es angekommen war. 1969 war es dann offensichtlich: Das neue Hippie-Hollywood war das Hollywood. Doch was 1969 ausgedacht wurde, fühlte sich Ende 1970 schon wieder veraltet an. Ich betrachte hier also nur ein ganz kleines Zeitfenster – und das aus einer eher anthropologischen als aus einer nostalgischen Perspektive.

Hollywood hat in den 27 Jahren, seit Sie Ihren ersten Spielfilm ins Kino brachten, grosse Veränderungen durchgemacht. Was vermissen Sie?

Was ich am meisten vermisse, ist, dass heute nicht mehr auf Film gedreht wird. Und: Ich habe als Indie-Filmemacher angefangen. In den Neunzigerjahren gab es für uns mehr als nur einen Nischenmarkt. Die Filme wurden nicht nur in Kunstkinos in New York und Los Angeles gezeigt. Ich machte eine ganze Welttour mit «Reservoir Dogs». Dieser Markt existiert nicht mehr. Klar kann man Filme heute streamen, aber das ist nicht das Gleiche, wie wenn es eine lebhafte Filmbewegung gibt, die mehr als nur das Cineasten-Publikum anspricht. Aber ich will mich nicht beklagen: Wir Filmemacher haben es besser als die Musiker. Die machen heute nur noch Alben als Werbemittel für ihre Konzerte.

Quentin Tarantino in Cannes.

Quentin Tarantino in Cannes.

REUTERS

Stimmt es, dass «Once Upon a Time in Hollywood» zuerst als Roman gedacht war?

Ja, ich schrieb ein Jahr lange an zwei Kapiteln: eines über den Stuntman Cliff, der von Brad Pitt gespielt wird, und eines über die Karriere von Schauspieler Rick, im Film dargestellt von Leonardo Di Caprio. Dann kam der Hollywood-Agent Marvin dazu, worauf ich anderthalb Jahre lang Konversationen zwischen Rick und Marvin aufschrieb, einfach um ein Gefühl für die Figuren zu bekommen. Dann musste ich mir überlegen, was die Geschichte sein sollte. Zuerst dachte ich, ich stecke sie in einen melodramatischen Plot. Aber dann fand ich, diese Figuren haben das gar nicht nötig. Es reicht, sie einfach ein paar Tage zu begleiten.

Zu den fiktiven Figuren kamen noch die reale Schauspielerin Sharon Tate, gespielt von Margot Robbie, ihr Mann Roman Polanski, Charles Manson und Bruce Lee dazu. Von ihnen lebt nur noch Polanski. Hatten Sie mit ihm Kontakt?

Ich habe Roman nicht gesehen, seit das Drehbuch fertig ist, aber als er hörte, dass ich diesen Film mache, hat er sich bei einem gemeinsamen Freund danach erkundigt. So habe ich diesen gemeinsamen Freund das Drehbuch lesen lassen. Er weiss also, was Sache ist. Die Figuren sind alle einfach Teil der Atmosphäre der Zeit. Es ist alles metaphorisch zu verstehen. Der Film fasst in gewisser Weise auch meine Karriere zusammen. Es war nicht die Absicht, aber von allen bisherigen Filmen ist ein bisschen etwas drin. Nachdem er das Drehbuch gelesen hatte, sagte mein Regie-Assistent, es sei, wie wenn man alle meine Filme in einen zusammengerollt habe. So ist es nicht ganz, aber ich weiss, was er meint.

Gehören Leonardo DiCaprio und Brad Pitt zu einer aussterbenden Spezies von Filmstars?

Wenn es noch mehr gibt, sollen sie sich bitte melden! Julia Roberts kann man wohl noch dazu zählen. Denn es stimmt: Wir haben heute eher Promis als Filmstars. Manchmal ist die Rolle der Star und nicht der Schauspieler. Zum Glück bin ich in der privilegierten Situation, dass ich einen Film machen kann, der sich zwei der besten Schauspieler ihrer Generation leisten kann.

«Once Upon a Time in Hollywood» ist Ihr neunter Film. Sie sagten einmal, nach dem zehnten Film hören Sie auf. Gilt das noch?

Ja, ich habe gemacht, was ich machen wollte und sollte. Jetzt ist dann Zeit, die Pferde in den Stall zu holen.

«Once Upon a Time in Hollywood»: Ja nicht den Schluss verraten!

Mit einer dringenden Bitte richtete sich Quentin Tarantino an die Premierengäste in Cannes: «Bitte verraten Sie den Filmschluss nicht weiter! Jeder zukünftige Zuschauer soll den Film so erleben können, wie Sie ihn heute erleben.» Ein seltsamer Appell, denn das Ende des Films ist ja historisch vorgegeben. Doch als drei Stunden später der Abspann läuft, verstehen wir Tarantinos Absicht.

Halten wir uns also an das, was im Vorfeld bereits bekannt war: «Once Upon a Time in Hollywood» spielt im Jahr 1969 und beruht auf wahren Begebenheiten. Roman Polanski war damals dank seines Hits «Rosemary’s Baby» gerade der «heisseste Regisseur» der Stadt und lebte in einer schicken Villa. Zusammen mit seiner hochschwangeren Frau, der Schauspielerin Sharon Tate – die am 9. August 1969 von Mitgliedern des Manson Clans brutal ermordet wurde.

In die Rolle von Sharon Tate schlüpft im Film die oscarnominierte Schauspielerin Margot Robbie. Doch lange dreht sich «Once Upon a Time in Hollywood» gar nicht um sie, sondern um Tates Nachbarn: den Western-Schauspieler Rick Dalton (gespielt von Leonardo Di Caprio) und dessen Stuntman und besten Freund Cliff Booth (Brad Pitt). Dalton hat seine besten Tage längst hinter sich. Wenn überhaupt wird er nur noch als Bösewicht in zweitklassigen Fernsehserien gecastet. Ein Trick der Fernsehstationen, um ihm gegenüber einen jüngeren Schauspieler besser aussehen zu lassen. Derweil ringt Booth damit, dass er als Stuntman kaum mehr gefragt ist. Völlig zurecht, lernen wir kurz darauf. In einer dieser grossartigen Tarantino-Rückblenden, in der sich Booth auf einem Filmset ausgerechnet mit dem grossen Bruce Lee anlegt.

«Once Upon a Time in Hollywood» ist vollgespickt mit solchen skurrilen Episoden, die Tarantino aus dem Effeff beherrscht, und auch mit lebhaften Anspielungen an jene Hollywood-Ära, in der das von Westernhelden zelebrierte Männlichkeitsbild gerade in sich zusammenfiel. Eine Ära, die zweifellos auch die Kindheit von Tarantino (Jahrgang 1963) geprägt hat.

Leonardo Di Caprio und Brad Pitt spielen herausragend, doch die Geschichte eines verblassenden Cowboys ist nicht gerade neu. Lange fragt man sich als Zuschauer, was Tarantino damit wirklich zum Ausdruck bringen möchte. Sein Film ist fast drei Stunden lang, und das spürt man. Doch sitzenbleiben lohnt sich. Denn mit dem Schluss, der hier nicht verraten wird, macht schlagartig alles Sinn. Tarantino verneigt sich vor der erzählerischen Kraft des Kinos – und tobt sich auf der Leinwand aus wie zu seinen besten Zeiten.

Lory Roebuck, Cannes

Once Upon A Time In Hollywood (USA 2019) 159 Min. Regie: Quentin Tarantino. Schweizer Kinostart: 15. August.