Ausstellung
Raphaela Vogel in der Kunsthalle Basel: Was für eine Wucht!

Die deutsche Künstlerin Raphaela Vogel zeigt in der Kunsthalle mächtige Installationen. Hingehen!

Naomi Gregoris
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Raphaela Vogel

Raphaela Vogel

Philipp Hänger

Man muss jetzt sofort da rein. Ein zirpender Chor schallt durch den Eingangsbereich der Kunsthalle und lockt. Komm her, komm. Es klingt nach Sommerabend, nach weichen Wiesen, menschlicher Wärme. Perfektem Organismus. Bis man drin ist.

Ein Karussellpferd steht aufgebäumt am Ende des Raumes, rote Kabel quellen aus seiner Stirn heraus – oder strahlen? Sieht auf jeden Fall aus wie Gedärme. Dabei sind es die Kabel, aus denen das schöne Grillengezirpe kommt – aus den Boxen, die wie riesige Organe an den Enden der roten Stränge hängen. Das Summen fliesst durch dieses Pferd hindurch, es kommt aus seinem zerfetzten Innern. Es fühlt sich an, als würde man einem festgefrorenen Todesmoment beiwohnen: Da ist Starre, aber auch Bewegung, ein kollektives Bewusstsein und Einsamkeit, Poesie und Grauen. Der perfekte Auftakt zur Kunst von Raphaela Vogel.

Skulpturale Männlichkeit

Die 29-jährige Deutsche passt hervorragend ins Programm der Kunsthalle: Vogel ist kurz vor dem Sprung aufs grosse Parkett, bis jetzt hat sie vorwiegend in Deutschland ausgestellt. Ihre Werke sind stark und eigensinnig, wenn es Protagonisten gibt, dann spielt sie Vogel selbst. Es geht um Weiblichkeit und Kraft, aber statt sich in Ermächtigungsfloskeln zu verlieren, schafft sich die Künstlerin ein neues Vokabular – eins, das männliche Symbole zu skulpturalen Elementen macht.

Das Urinal ist so ein Beispiel. Vogel hat dafür vier gebrauchte Plastik- pissoirs, wie man sie von Musikfestivals kennt, zu einer Art Monument zusammengestellt und mit dem Kopf nach vorne an die Wand gehängt. In den Ausflüssen ist statt Urin ein Video zu sehen, in dem Vogel mit einem Plastikbaby im Arm eine Wasserrutsche hinabrutscht.

Die noch mächtigere Skulptur steht im letzten Raum der Ausstellung, sie nimmt fast den ganzen Platz ein. Aluminium-Traversen, die normalerweise Scheinwerfer halten, sind zu einem stromgenerator-artigen Gerüst aufgetürmt, aus Boxen sind Judas Priest und Karaoke-Aufnahmen zu hören, so laut, dass einem nur das Zuhören bleibt. Die Videoprojektion an der gegenüberliegenden Wand zeigt den gespiegelten Schatten von Vogels Haaren, der als Rorschachtest über das weisse Deck eines Fährschiffes flattert. Es kreischt und hämmert und zuckt und wenn das Pferd der eingefrorene Todesmoment war, dann ist das hier der ewige Lebensfluss. Keine einfachen Schichten, die Vogel da ineinander verkeilt, aber sie gehen alle auf. Und das Versprechen hält sich doch: Das hier ist ein perfekter Organismus.

Raphaela Vogel. Ultranackt Kunsthalle Basel, 18. Mai bis 12. August.

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