«Feuer und Flamme» 5

Regisseurin Anna Thommen und das Bilderbuch

«Meine Mutter hat die Geschichte für meine Kinder und meine Neffen geschrieben», sagt Filmemacherin Anna Thommen.

«Meine Mutter hat die Geschichte für meine Kinder und meine Neffen geschrieben», sagt Filmemacherin Anna Thommen.

Die Baselbieter Filmemacherin Anna Thommen über die Moral der Geschichte, die im Märchen ihrer Mutter steckt.

Es ist nicht einfach, ein Lieblingsobjekt auszuwählen. Natürlich sind mir Briefe, Fotoalben und Erinnerungen wichtig. Aber ich fände es schwierig, etwas herauszupicken – da kommt ein ganzes Leben zusammen. Was für mich aber einen grossen emotionalen Wert hat, ist dieses Kinderbuch, das meine Mutter für meine Kinder und meine Neffen geschrieben hat.

Die Geschichte handelt von Hugo und seiner Katze Miezi, die friedlich zusammen leben. Beim Aufräumen findet Hugo ein Buch mit Zaubersprüchen und sucht ein Mittel, das ihm Glück bringen soll. Stattdessen gibt das Buch nur Anweisungen, wie man das Unglück fern hält. Weil Miezi schwarz ist, sperrt Hugo sie an einem Freitag den 13. in den Keller. Sie entkommt mit Hilfe des Nachbarkaters und trifft im Wald auf ein fröhliches Schwein, das dem Metzger entlaufen ist. Am nächsten Tag kehren alle drei zu Hugo zurück, der sich Vorwürfe macht. So kommt das Glück doch noch zu ihm, ganz ohne Zauberspruch.

Meine Mutter ist eine enorm kreative Frau, sie hat schon immer gemalt und Theater gespielt. Eigentlich wollte sie Grafikerin werden, aber der damalige Leiter der Fachklasse sagte, dass Frauen es schwer hätten in diesem Beruf, also liess sie es auf Anraten ihrer Mutter bleiben.

Das hat sie ein Leben lang bedauert: Ihre berufliche Bestimmung wäre es gewesen, sich künstlerisch auszudrücken. Sie hat mir deshalb auch alles ermöglicht, was sie selber nicht konnte. Ich hatte ihre ganze Unterstützung, damit ich meinen Weg gehen konnte. Dass sie jetzt dieses tolle Buch gemalt hat, berührt mich sehr. Meine Kinder lieben die Geschichte und ihre Moral: «Go with the flow», hab keine Angst. Angst verhindert ganz viel.

Ich habe mich ursprünglich zur Primarlehrerin ausbilden lassen. Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden, aber meine Eltern fanden, ich sollte zuerst etwas Solides machen – mich erden und ruhiger werden, weil ich doch recht chaotisch war. Also habe ich das getan, im Wissen, dass es mein Ticket an die Schule für Gestaltung Basel ist.

Ich bin sehr gerne mit Kindern zusammen, aber das Polizistin-Spielen gefällt mir nicht: Beruflich bin ich keine Erzieherin, obwohl ich gerne Wissen vermittle. Ich unterrichte ab und zu an der Zürcher Hochschule der Künste im Bereich Film, das bereitet mir Freude: Ich kann den Studierenden dabei helfen, eine eigene Haltung zu finden. Es gibt ja kein Rezept fürs Filmemachen. Als Dozentin kann ich nur erzählen, wie ich es selbst erlebe.

Anna Thommen

Früher wollte sie Schauspielerin werden, heute ist sie Filmemacherin.

Früher wollte sie Schauspielerin werden, heute ist sie Filmemacherin.

Während meiner Arbeit bei der Medienkompetenz-Fachstelle MedienFalle Basel habe ich den Protagonisten meines ersten Dokumentar-Langfilms, den Lehrer Christian Zingg, kennen gelernt. Ich hatte gleich Lust, einen Film mit ihm zu drehen. «Neuland» spielt ja eigentlich nur in einem Klassenzimmer, aber es spiegelt sich so viel darin.

Und dann ist da die Beziehung zwischen dem Lehrer und seiner Integrationsklasse. Was mir an Christian Zingg gefällt: Er lässt sich Zeit für seine Antworten und gibt zu, wenn er etwas nicht weiss. Er nimmt sein Gegenüber ernst, was mich fasziniert. Das macht gute Pädagogen aus – dass sie sich auf Augenhöhe mit den Schülerinnen und Schülern begeben.

Bei «Volunteer» war es so, dass Schauspieler und Theaterregisseur Lorenz Nufer ein Theaterstück über das Engagement von Schweizer Flüchtlingshelfern in Griechenland schreiben wollte. Er fragte mich, ob ich ihm dabei helfen könnte. Schon nach den ersten Begegnungen mit den Helferinnen und Helfern fand ich, dass man mit einigen von ihnen einen Film drehen müsste. Zuerst sollte es ein Kurzfilm werden, doch stellte sich bald heraus, dass das Thema zu gross ist. Also drehten wir gemeinsam einen Langfilm.

Ich versuche noch herauszufinden, warum mich das Thema Migration tief drin so beschäftigt. Aber ich sehe nicht ein, warum Menschen aufgrund von Nationalität, Hautfarbe oder Geschlecht verschieden behandelt werden sollten. Da bin ich geprägt durch meine Herkunft aus einem kleinen Dorf, in dem man schnell mal anders ist oder fremd. Ich habe das teils selbst so empfunden, vor allem aber bei Hilfsarbeitern aus dem Balkan beobachtet, die sehr herablassend behandelt wurden.

Schon als Kind fand ich: Das geht gar nicht. Ich hatte ich keine Angst vor «Fremden». Andere Lebensweisen, Familien und Rituale, Essen und Musik – das alles ist doch eine Bereicherung. Und vieles, was man in anderen Ländern entdeckt, haben wir auch hier zu Hause. Das geniesse ich, weil es eine neue Sichtweise auf das eigene Leben ermöglicht.

Seit Jahren arbeite ich an meinem ersten Spielfilm, aber es kommt immer wieder etwas dazwischen. Es ist eine persönliche Geschichte und handelt von einem Drei-Generationen-Haus in einem kleinen Dorf, das voller Leben und Parallelwelten ist. Es geht um Geschlechterrollen, die aufgebrochen werden, aber auch um das Gefühl der Fremdheit in einer Welt, die eigentlich die eigene Heimat ist. Diese Sehnsucht nach einer Idylle, an der man fast erstickt – das ist für mich die Schweiz. Das Projekt dauert deshalb so lange, weil es nicht einfach eine coole Story gibt, an der ich alles aufhänge. Wenn ich einen Film mache, dann möchte ich etwas erforschen und herausfinden.

Meistgesehen

Artboard 1