Erinnern Sie sich? Rockmusik war mal eine Jugendrevolte! Ein Aufstand gegen die Konventionen der Elterngeneration. Eine Rebellion, die im Kampfschrei von The Who gipfelte: «I hope I die, before I get old.»

Das Konzeptalbum «Too Old To Rock’n’Roll: Too Young To Die» von Jethro Tull über einen alternden Rockmusiker löste 1976 erstmals eine Debatte um das passende Alter aus. Wie lang darf ein Rockmusiker rocken? Wem gehört die Rockmusik? Viele Jahre und Jahrzehnte sind seither vergangen, doch die Helden von einst stehen immer noch auf der Bühne. Rock’n’Roll ist längst etabliert, hat längst seine revolutionäre Kraft verloren. Er gehört nicht mehr der Jugend, er gehört allen.

Wenn die Rolling Stones, alle zwischen 70 und 76 Jahre alt, heute das Letzistadion rocken, wird die Frage nach dem Alter wieder einmal diskutiert. Es ist die falsche Frage. Die richtige lautet: Wo sind die Jungen? Wo sind die jungen Musiker, die den alten Säcken in den Arsch treten wollen und ihnen die Vorherrschaft streitig machen? Wo sind die aufstrebenden Bands, die Jagger & Co. vom Thron stossen wollen?

Ein Klassiker: Rolling Stones mit «(I Can’t Get No) Satisfaction»

Akutes Nachwuchsproblem

Es sind ja nicht nur die Stones. Die Oldies haben auch in diesem Jahr die grossen Konzerte dominiert: Deep Purple, im Mai die Arena in Genf, tingeln schon lange als Rentnerband durch die Lande. Als rüstiger 72-Jähriger präsentierte sich auch John Fogerty am Rock the Ring in Hinwil, der 77-jährige Tiger Tom Jones zeigte Montreux seine Krallen, und die Konzerte des 75-jährigen Brian Wilson und der 69-jährigen Grace Jones wurden zu überraschenden Höhepunkten des Festivals. Aber auch Steven Tyler (70) von Aerosmith beglückte das Hallenstadion mit «old shit», wie er es selbst nannte. Nicht viel jünger sind Sting (66) und Zucchero (62). Sie waren ebenso sichere Publikumsmagnete wie die 55-jährigen Axl Rose (Guns’n’Roses), Campino (Tote Hosen), Dave Gahan (Depeche Mode), Anthony Kiddis und Flea (Red Hot Chili Peppers). Und ja, Robbie Williams ist auch schon 43.

Und die Jungen? Fehlanzeige! Der 23-jährige Justin Bieber ist der Einzige der unter 40-Jährigen, der in diesem Sommer die Massen in die Stadien locken konnte. Der Teenieschwarm ist der einzige Vertreter einer jüngeren Generation, du meine Güte! Was zum Kuckuck ist mit den jungen Rock- und Popmusikern los?

Dabei dürstet das Pop- und Rockbusiness nach neuen Helden und Heldinnen. Doch schon seit Jahren stossen kaum junge Bands und Musiker mehr nach, die das Potenzial haben, Stadien zu füllen. Die alten Helden sterben weg, gehen in Rente oder treten kürzer, und es rücken zu wenige nach. Der brave Ed Sheeran, der immerhin den Durst der Massen nach Melodien und Songs stillt, ist da nur die grosse Ausnahme, die die Regel bestätigt. Pop und Rock haben auf der höchsten Ebene ein akutes Nachwuchsproblem.

Dabei machen es die alten Bands den Jungen eigentlich denkbar einfach. Neues kommt von ihnen nicht mehr. Seit Jahren rezyklieren sie ihr eigenes Repertoire, werden zu Verwaltern des eigenen Nachlasses. Doch niemand aus der jüngeren Generation schafft es, das Vakuum mit neuen Ideen und Inhalten zu füllen. Es herrscht eine erschreckende Kreativitäts- und Innovationsarmut.

Konservative Jugend

«Die Schweiz am Wochenende» hat die «50 bedeutendsten Alben von 50 Jahre Rock- und Popgeschichte» eruiert. Das Ergebnis ist erschreckend: In den letzten zwanzig Jahren sind kaum noch Alben entstanden, die die Musik geprägt oder gar in eine neue Richtung gelenkt hätten. «Seit Mitte der Neunziger ist nichts Aufregendes mehr passiert», bestätigt auch Steven Wilson gegenüber dieser Zeitung. Der britische Prog-Rocker hat mit «To The Bone» gerade ein wunderbares Album veröffentlicht. Aber auch er wird im nächsten Jahr schon 50. Die Leute zwischen 20 und 30 nennt er «die Konservativsten» und fragt: «Was ist bloss falsch gelaufen?»

Die Jugend hat das Privileg, dass sie auch mal über das Ziel hinausschiessen und provozieren darf. Aber wo ist die juvenile Anmassung, die Unverfrorenheit, Überheblichkeit und Aufmüpfigkeit? Die Lust am Risiko und Abenteuer? Der Hunger nach Neuem und Unerhörtem? Wo das Feuer einer Generation, die die Welt im Sturm erobern und verändern will?
Stattdessen vernehmen wir nur Selbstgenügsamkeit – oder Resignation. Wir nehmen eine Jugend wahr, die schweigt, statt schreit, kapituliert, bevor sie probiert. So scheint es bezeichnend für diese Generation der Angepassten, dass Justin Bieber und Ed Sheeran ihre Aushängeschilder sind. Sie haben nichts Besseres verdient.

Übrigens: Auch Jethro Tull sind, 41 Jahre nach «Too Old to Rock’n’Roll: Too Young to Die», immer noch unterwegs und machen dabei gar keine schlechte Figur. Frontmann Ian Anderson ist gerade 70 geworden. Und ja, wir freuen uns auf das kommende Album (im Oktober) des inzwischen 79-jährigen Ex-Zeppelin-Sängers Robert Plant. «Ooh yeah»!

Das erste Konzert der Rolling Stones in Zürich: