Einen Monat wollten wir Cornwall erkunden, und das zu einer Zeit, als es noch kein Internet gab und man deshalb nicht nach Reisezielen surfen konnte. Deswegen wurden viele Reiseführer gekauft, doch etwas fehlte uns noch. Dann kam ein Anruf von einer Buchhändlerfreundin: «Nehmt unbedingt ‹The Shell Seekers› von Rosamunde Pilcher mit; das passt zu eurer Reise.» Ich hatte den Namen dieser Autorin noch nie gehört, aber neugierig geworden, bestellte ich das Werk. Wenige Tage vor der Abreise hielt ich die englische Taschenbuchausgabe mit ihrem blass-blauen Titelbild in den Händen: Muscheln suchende Kinder am Strand – eben: «The Shell Seekers».

Was mir das dicke, als Familiensaga angekündigte Werk der Autorin wohl bringen würde? Überraschend viel, denn Rosamunde Pilcher erwies sich als die beste Reiseführerin, die man sich nur denken kann. Sie kannte eben Cornwall, diese ebenso schroffe wie sanfte Landschaft, in- und auswendig, schliesslich war sie dort aufgewachsen und konnte deshalb ihre Figuren mit einer Selbstverständlichkeit leben und handeln lassen, dass man gar nicht anders konnte, als die von ihr beschriebenen Schauplätze unverzüglich aufzusuchen. Nicht die Geschichte von Penelope, die nach einem Herzinfarkt nach Cornwall zurückkehrt, begeisterte mich damals in erster Linie, sondern die in jeder Beschreibung aufscheinende Liebe zu diesem südwestlichsten Landesteil von England. Jeder Tag unserer Reise barg deswegen eine Fülle von Unerwartetem – gerade in Fischerdörfern wie etwa St Ives, Mousehole, Truro oder Boscastle. Trelissick Garden ohne Rosamunde Pilcher? Bloss das halbe Vergnügen. Kurzum: Cornwall gewann dank «The Shell Seekers» noch mehr an Reiz.

Immer ein Happy End

Mit diesem, ihrem ersten grossen Roman hatte die Autorin ihren Durchbruch erreicht – da war sie bereits 63 Jahre alt. Die Ingredienzien – Liebe, Gefühle, Kummer, einfache oder schwierige Beziehungen, Freundschaften und Familienidylle – kamen beim Publikum an. Millionen verschlangen ihre Bücher; Millionen warteten sehnsüchtig auf neue Romane, die nicht primär in den Feuilletons, sondern in Hochglanzmagazinen besprochen wurden. Und Rosamunde Pilcher schrieb immer weiter: Kein Roman von ihr, der nicht augenblicklich zum weltweiten Bestseller wurde; kaum einer, der nicht als Vorlage fürs Kino («The Shell Seekers» mit Vanessa Redgrave) oder fürs Fernsehen genutzt wurde. Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) verfilmte mehr als 100 ihrer Erzählungen und Romane – und erreichte damit Spitzenwerte: Durchschnittlich sahen sieben Millionen Zuschauer Geschichten, die bei allen Turbulenzen stets in ein Happy End mündeten.

An kritischen Einordnungen von Rosamunde Pilchers Werken hat es nie gefehlt: Ihre Bücher werden – da sie eine weitgehend romantisierende, heile Welt vorgaukeln – der Trivialliteratur zugeordnet; das Wort Kitsch fällt oft. Aber: Diese Autorin, die mit ihrer Familie seit 1947 in Schottland lebte, zählt mit über 60 Millionen verkaufter Bücher zu den erfolgreichsten Autorinnen der Gegenwart.

Bis Ende 2018 hat sich Pilcher in sehr guter Verfassung befunden. Am Sonntagabend hat sie aber einen Schlaganfall erlitten und seitdem nicht mehr das Bewusstsein erlangt. In der Nacht auf Donnerstag ist sie im Alter von 94 Jahren gestorben. Die britische Tageszeitung «The Guardian» zitiert den Sohn, Robin Pilcher, mit diesen Worten: «Sie war eine wundervolle, eher alternative Mutter.»

Nachtrag: Jene Rosamunde Pilcher, die ich in «The Shell Seekers» entdeckt habe, habe ich nie mehr gefunden. Somit bleibt es bei der ersten und zugleich letzten Begegnung in Cornwall. Kürzlich habe ich die mittlerweile vergilbte Taschenbuchausgabe in eine Kartonbox gelegt: «Entsorgen», steht darauf. Seit gestern weiss ich: Nein, noch nicht. Ich werde «Die Muschelsucher» hervorholen und wieder lesen.