Ist es nur ein Traum, oder ist ­dieser nackte Wahnsinn doch die Realität? Im Berner Stadttheater weiss man das zum Schluss nicht so genau. Und das ist gut so.

James Matthew Barrie verfasste «Peter Pan oder der Junge, der nicht erwachsen werden wollte» 1904 fürs Theater – eine Ode an die kindliche Fantasie und an die Sehnsucht nach Geborgenheit zugleich.

Die erfolgreiche Geschichte erschien bald als Buch, wurde mehr als ein dutzend Mal verfilmt. Gut, ist «Peter Pan» zurück im Theater. Denn welcher Ort eignet sich schon besser für das Säbelrasseln von Piraten und das Hantieren mit Feenstaub?

Gesucht: Eine Mutter

Regisseur Michael Lippold erzählt die Geschichte in seiner Textfassung aus der Perspektive des Mädchens Wendy Darling (Deleila Piasko), das im Krankenbett liegt. Unter der Decke verschlingt Wendy heimlich die Abenteuer des Peter Pan. Die Krankenschwester bellt Wendy deswegen an. Sie ist, wegen der Kostenexplosion im Gesundheitswesen, auch wirklich ein Hund.

Der Arzt verordnet strikte Bettruhe. Doch weit gefehlt: In der Nacht tritt Peter Pan durchs Fenster. Er kommt aus Nimmerland, dem tollen Ort, an dem die Kinder machen, was ihnen beliebt, doch leider fehlt dort eine Mutter, die Geschichten erzählt. Wendy, beeindruckt von Pans Flugkünsten, beseelt vom Feenstaub und auch ein bisschen verliebt, folgt ihrem Helden.

Die Flugszene auf einer lichtdurchfluteten Bühne entlockt dem Publikum an der Vorpremiere Ahs und Ohs. Fantastisch! Ebenso märchenhaft ist die Szene auf dem Piratenschiff, in der wir Captain Hook und seine viertelschlaue Crew kennen lernen.

Auch Hook fehlt eine geschichtenerzählende Mutter, allerdings auch eine Hand, die ihm bei einem Rencontre mit Peter Pan verlustig ging. Er trägt – Nomen est Omen – einen scharfen Haken, mit dem er Pan aufschlitzen will.

Weiter geht es in den Dschungel und zur Totenkopfinsel. Dieses Nimmerland hat gruselige Ecken – und für jeden Spielort hält Konzert Theater Bern ein Bühnenbild zum Niederknien bereit (Bühne: Iris Kraft).

Wendy will nach Hause

Die wildeste Kreatur in Peter Pans Freundeskreis ist Tiger Lily, Fee Tinker Bell spricht in einer schwer verständlichen Glöckleinsprache und sorgt für Missverständnisse. Weitere Lost Boys haben sich Peter Pan angeschlossen.

Und jetzt haben sie in Wendy endlich eine «Mutter», die ihnen Geschichten erzählt. Die kommandiert aber auch herum, ­verknurrt sie zum Abwasch und verabreicht bittere Medizin.

­Alles wunderbar? Mitnichten: Wendy will nach Hause, bei all den Abenteuern sehnt sie sich nach Normalität. Doch auf dem Heimweg kommt ihr Captain Hook in die Quere, es kommt zum Showdown inklusive einer Fechtszene, die es in sich hat.

Sichtlich mit Spass am Werk ist das Schauspielensemble. Sebastian Schneider ist ein toller Peter Pan, Deleila Piasko überzeugt als Wendy. In den Nebenrollen als Hook und Arzt glänzt Jürg Wisbach.

Verzaubert ist verzaubert

Zwischen den Szenen gibt es viel Musik: Die Basler Band The bianca Story entpuppt sich im erhöhten Orchestergraben als sehr taugliche Theaterband. Leider sind die meisten Songs in Englisch und erschliessen sich den Kindern nicht.

Doch die Band doppelt mit ihrer Musik die schön-schaurige Atmosphäre der Bühne. Sie sorgt für den Gänsehautmoment des Abends, der hier nicht verraten sei. Sänger Elia Rediger amtet auch noch als Erzähler – insgesamt verschränken sich Schauspiel und Musik bestens.

Nach gut zwei Stunden ist der Zauber vorbei. Ist das zu lang für das junge Publikum? Vielleicht. Die Musik nimmt viel Platz ein, kürzere Songs wären dem Erzählfluss entgegengekommen. Aber verzaubert ist verzaubert. «Peter Pan» ist ein Erlebnis mit Bildern, die bleiben.

Vorstellungen bis 17. Februar, Stadttheater Bern. www.konzerttheaterbern.ch