Album Release

Sängerin Melody Gardot zu ihrem neuen Album: «Ich schrieb Lieder, die ein bisschen wie Standards klingen»

Melody Gardot: Songschreiberin, Sängerin

Melody Gardot: Songschreiberin, Sängerin

Nach fünf Jahren kommt die US-Sängerin mit einem neuen Album: Blues, Jazz, Pop, Bossa Nova und Fado mit französischer Leichtigkeit.

Die in Philadelphia aufgewachsene, 35-jährige Sängerin und Songschreiberin Melody Gardot hat seit 2017 eine Wohnung in Paris, lebte zuvor jeweils ein gutes halbes Jahr in Rio de Janeiro sowie in Lissabon und spricht vier Sprachen. Auch musikalisch ist Melody Gardot polyglott. Mühelos ignoriert sie sämtliche Barrieren zwischen Jazz, Pop, Blues, Fado, Flamenco, Bossa Nova und R&B. Auf ihrem neuen Album «Sunset In The Blue» spielt Melody nun erneut ihre grossen Stärken aus.

Sie schwebt gesanglich durch die Stile, spielt Piano und Gitarre und lässt sich zudem nicht nur von einer herausragenden Band, sondern auch vom Royal Philharmonic Orchestra unter Leitung von Vince Mendoza unterstützen. Produziert hat einmal mehr Larry Klein (der auch Joni Mitchell und Tracy Chapman produzierte). In zwei Songs hören wir Till Brönner an der Trompete, dazu singt sie mit Sting ein Duett.

Ist das Lied «From Paris With Love» eine Liebeserklärung an Ihre Wahlheimat?

Gardot: In dem Lied singe ich über meine tiefe Liebe zur französischen Cafékultur. Es geht im Text um zwei Menschen, die sich augenblicklich ineinander verlieben, um dann schnell dieser Momentliebe wieder zu entschlüpfen, weil das Leben eben weiterfliesst wie die Seine. Ich mag diese Idee der nicht existenten Dauerhaftigkeit, das Flüchtige und Flirrende empfinde ich als aufregend.

Was gefällt Ihnen sonst noch an Frankreich?

Die französische Poesie, die Musik, die Sprache und die Literatur faszinieren mich. Ich finde speziell auch die Moralvorstellungen hierzulande sympathisch. In Frankreich siehst du nur wenige Frauen mit einem Bikinioberteil am Strand, die Menschen sind insgesamt zwangloser und lockerer.

Was war die Idee zu diesem neuen Album?

Ich sollte zum ersten Mal in meiner Karriere ein Album mit Standards aufnehmen. Dagegen habe ich mich aber gesperrt. Standards kann ich singen, wenn du mich nachts um 4 Uhr aus dem Bett holst. Mein Anspruch an mein erstes Studioalbum seit fünf Jahren war höher. Also verständigten wir uns darauf, dass ich einige Standards aufnehme, zum Beispiel «Moon River» und «I Fall In Love Too Easily». Dazu schrieb ich Lieder, die ein bisschen wie Standards klingen. Das Album sollte einen stärkeren französischen Einschlag haben, dann ist aber automatisch viel von Portugal und von Brasilien eingeflossen.

Im lässigen «C’est Magni- fique» verbinden Sie die französische Sprache elegant mit Ihrem Duettpartner, dem portugiesischen Fado- Sänger Antonio Zambujo.

Ja, ich spreche vier Sprachen, und es macht mir einfach irrsinnig viel Spass, einen Song zusammenzusetzen wie ein Sudokupuzzle. Man muss als Hörer ja auch nicht unbedingt alles verstehen. Es genügen die Melodie und die Silben.

Obwohl das Album stark orchestriert ist, schaffen Sie durch Ihre Stimme eine grosse Intensität und Nähe in den Liedern.

Ich bin sehr froh, dass Sie diesen Eindruck haben. Wenn du mit sehr vielen Elementen arbeitest, passiert es leicht, darunter begraben zu werden. Eines der Referenzalben, das mein Produzent Larry Klein immer wieder nannte, war «Amoroso» des Bossa-Nova-Meisters João Gilberto, ein wundervoll intimes Album voller Seele. Ich hoffe, dass ein Hauch von Gilberto zu uns hinübergeweht ist.

Sie klingen, als ob Sie ein sehr enges Verhältnis zu Ihren Liedern haben. Was bedeutet Ihnen die Musik?

Meine Musik ist der Ausdruck meines grossen Freiheitsbedürfnisses. Die Verarbeitung in der Musik ist immer schon meine natürliche Reaktion auf jeglichen Aufruhr in meinem Leben gewesen. Die Musik ist meine beste und erfolgreichste Therapie. Vor allem war sie es nach diesem lähmenden und schlimmen Velounfall, den ich mit 19 Jahren hatte. Mein Körper war zerbrochen, und ich lag monatelang im Spital. Danach ging ich zehn Jahre lang am Stock. Das Songschreiben war mein Ventil, ähnlich wie es für Frida Kahlo die Malerei gewesen ist. Der erste Song, den ich je schrieb, hiess «Some Lessons» und war ein Tagebuch meiner Traumata nach dem Unfall.

Sind Sie heute vollständig geheilt?

Ja. Ich habe nicht die Ausdauer anderer Menschen meines Alters und muss mir meine Kräfte einteilen. Aber ich bin dank meiner Beharrlichkeit wieder auf die Beine gekommen und ex­trem stolz darauf, dass der Krückstock in meinem Leben der Vergangenheit angehört.

Melody Gardot: Sunset In The Blue (Universal)

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