Sexuelle Übergriffe sind keine Kavaliersdelikte und antisemitische Rap-Texte keine Bubenstreiche. Langsam, aber sicher setzt sich diese Erkenntnis durch. Nicht zuletzt angestachelt durch «falsche Kavaliere» in kulturellen und politischen Machtpositionen und fremdenfeindliche Sprüche von dummen, aber nicht harmlosen «Buben».

So kam es zum personellen Desaster im Komitee des Literaturnobelpreises, Protesten beim Echo wegen Antisemitismus und Diskussionen über die Diskriminierung von weiblichen und nicht-weissen Filmschaffenden bei den Oscars.

Die Entrüstung nach der Verleihung des Echo an die Rapper Kollegah und Farid Bang mit ihren abwegigen Liedzeilen über Auschwitz und den Holocaust war gross. Zum Glück erstaunlich gross. Sie sind nicht die ersten Rapper, die sexistische, antisemitische, fremdenfeindliche oder homophobe Texte verbreiten.

Aber dass die beiden dafür einen der renommiertesten Musikpreise bekamen, ausgerechnet in Deutschland und am Holocaust-Gedenktag, das war für viele Menschen endgültig zu viel. Erst brach ein Proteststurm los und dann gaben frühere Preisträger – vom Notos-Quartett über Marius Müller-Westernhagen bis Daniel Barenboim – ihren Echo zurück. Mit Kollegah und Farid Bang im selben Preisboot sitzen: nein, das wollen sie nicht, das ertragen sie nicht.

Die Organisatoren des Echo, der deutsche Musikverband wie das Plattenlabel der beiden Rapper, die Bertelsmann Music Group (BMG), brauchten länger für die richtige Reaktion. Diesen Mittwoch folgten endlich Klartext und Taten. BMG trennt sich von den beiden Rappern. Und vor allem: Der Deutsche Musikverband schafft den Echo in dieser Form und mit diesem Namen ab, weil «die Marke Echo so stark beschädigt» worden sei.

Aber der Verband will wieder einen deutschen Musikpreis schaffen, mit neuem Namen und nach neuen Kriterien. Das ist konsequent – und eine Chance. Der Preis soll künftig nicht mehr nur nach Verkaufszahlen, sondern mit mehr Mitsprache einer Jury vergeben werden. Analog zum Echo Klassik und Echo Jazz. Auch beim Swiss Music Award wollen die Organisatoren nun das Reglement überprüfen und anpassen.

Eine Jury ist gut, aber ...

Ob man beim Literaturnobelpreis die Stärkung der Jury eine gute Idee findet? Beim renommiertesten und höchstdotierten literarischen Preis kracht es gewaltig – gerade wegen der Jury. Gegen den Ehemann einer Jury-Frau wurden Vorwürfe wegen grober sexueller Belästigung erhoben und das Ehepaar der Bereicherung auf Kosten des Komitees bezichtigt.

Das wurde jahrelang unter dem Deckel gehalten, weil das Paar Frostenson/Arnault zu den einflussreichsten Kulturvermittlern Stockholms gehörte. Die Vorsitzende des Komitees, Sara Danius, liess das untersuchen – mit dem Effekt, dass ausgerechnet sie vor zwei Wochen abgesetzt wurde. Drei gewichtige Mitglieder traten zurück, weil sie nicht mehr in einem korrumpierten Gremium mittun wollten.

Kazuo Ishiguro wird im Dezember 2017 der Literaturnobelpreis vom schwedischen König Carl Gustav überreicht. Im Komitee brodelte es schon damals wegen Vorwürfen von sexueller Belästigung, Bereicherung und Verschleierung.

Kazuo Ishiguro wird im Dezember 2017 der Literaturnobelpreis vom schwedischen König Carl Gustav überreicht. Im Komitee brodelte es schon damals wegen Vorwürfen von sexueller Belästigung, Bereicherung und Verschleierung.

Was sie aber gar nicht können, da sie laut Reglement auf Lebenszeit gewählt sind. Zurück bleibt eine Jury, die nicht mehr beschluss- und handlungsfähig ist. Worauf weltweit eine Debatte über Sinn und Unsinn, Abschaffen oder Beibehalten des Literaturnobelpreises entbrannte. Dann – erst dann – gab König Carl Gustav von Schweden bekannt, dass er prüfen wolle, wie und ob er das Komitee reformieren könne.

Von den gesellschaftlichen Realitäten und Vorstellungen überholt wurde auch der Oscar. Männlich, weiss und alt sind die Mehrzahl der Preisträger wie die 7000-köpfige Academy. Mit der Ernennung von jungen, weiblichen, nicht-weissen Mitgliedern für diese Jury gibt man nun Gegensteuer. Ein langwieriger, aber hoffentlich nachhaltiger Prozess.

Preise und Proteste sind wichtig

Wenn Auszeichnungen wegen Skandalen einmal nicht vergeben werden können, schadet das nicht. Verheerend wäre, die Preise ganz abzuschaffen. Das wäre erstens eine Kapitulation vor Hass-Rappern und fehlbaren Jurys und zweitens der Verzicht auf ein wunderbares Instrument.

Denn ob es «nur» Ehre (Echo, Oscar) oder auch viel Geld gibt (Nobelpreis): Preise sind für Kulturschaffende der verdiente Lohn für grossartige Leistungen, und sie rücken Bücher, Filme oder Musik ins Rampenlicht. Der Literaturnobelpreis ehrt seit 1901 mal grosse Bekannte oder empfiehlt potenziellen Leserinnen ihnen unbekannte Autoren. Darauf möchten wir wegen des Fehlverhaltens einzelner Komitee-Mitglieder nicht für immer verzichten.

Die Abschaffung der Preise wäre auch eine Überreaktion. Denn der Kontroll- und Korrekturmechanismus funktioniert. Fehler können passieren, wichtig ist aber, dass sie erkannt, benannt und korrigiert werden. Dass sogenannte Kavaliersdelikte und Dumme-Junge-Sprüche nicht mehr verharmlosend so benannt oder gar toleriert werden.

Voraussetzung dafür sind Zivilcourage und demokratische Strukturen. Es braucht Menschen, die sexuelle Übergriffe, Machtmissbrauch, Antisemitismus, Korruption oder Fremdenhass öffentlich benennen und anklagen. Die nicht aus Angst vor Nachteilen oder Ächtung schweigen (müssen).

Nur so bleibt unsere Gesellschaft eine zivilisierte und menschliche. Die engagierten Diskussionen um den Echo, #MeToo, den Literaturnobelpreis oder die Oscars zeigen: Diese Zivilcourage existiert, und die Proteste wirken. Das stimmt zuversichtlich.