Schiblis Kopfsalat
Ein bisschen Bestechung

Gerade in der Kultur gilt: Was nicht in der Zeitung steht, hat nicht stattgefunden. Wie stark darf man Journalistinnen und Journalisten umgarnen? Wo beginnt die Korruption?

Sigfried Schibli
Sigfried Schibli
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Der Komiker Karl Valentin meinte einst: «Ich wundere mich jeden Morgen, dass auf der ganzen Welt genau so viel passiert ist, wie in die Zeitung hineinpasst!» Das war natürlich ein Scherz, der allerdings auf einer Tatsache basiert: Unsere Medien spiegeln nur eine Auswahl der Ereignisse in der Welt. Kein Medium könnte diese vollumfänglich abbilden, kein Mensch sie integral konsumieren.

Nach welchen Kriterien eine Redaktion entscheidet, worüber sie berichtet, ist stets eine Frage, manchmal sogar ein Streitpunkt – auch in der Kultur. Die früher häufig zu hörende Antwort, Inserenten würden grundsätzlich Nicht-Inserenten vorgezogen, verfängt nicht mehr. In Wahrheit fallen Entscheidungen zur Berichterstattung über kulturelle Anlässe aus einer diffusen Mischung von kultureller Relevanz, subjektiven Vor­lieben und angenommenem Leserinteresse. Daher haftet jeder redaktionellen Auswahl eine gewisse Willkür an.

Eine kleine Selbstüberschätzung

In Redaktionen hört man manchmal die Formulierung, diese oder jene Theaterpremiere oder Konzertaufführung lasse man «ausfallen». Gemeint ist, dass man nicht darüber berichtet, aber es klingt tatsächlich so, als ob sie dann gar nicht stattfände. Eine kleine Selbstüberschätzung von Kulturjournalistinnen und -journalisten, die durch die Gier nach Aufmerksamkeit seitens der Kulturveranstalter genährt wird.

Denn auch wenn Redaktionen einen Event nicht verhindern können, gilt doch: Nur was in der Zeitung steht, hat wirklich stattgefunden. Das wissen jene Kreise, deren kulturelles Wirken auf Subventionen angewiesen ist. Für Unterstützungsanträge braucht man Referenzen in Form von Presseberichten, und um solche zu bekommen, greifen Veranstalter bisweilen zu fragwürdigen Mitteln.

Anreise- und Übernachtungskosten

So fand kürzlich im Rahmen des subventionierten Festivals «ZeitRäume» eine Opern-Uraufführung im Musikzentrum Don Bosco statt. Die Einladung an potenzielle Berichterstatter hatte es in sich. Sie wurden nicht nur über den Stoff, den Komponisten, das ausführende Team und die Termine informiert, sondern erhielten ein Zückerchen: «Wir laden Sie und Kolleg*innen aus der Redaktion herzlich zur Uraufführung am 10. September im Don Bosco, Basel ein. Wir freuen uns, dass wir für Sie die Anreise- und Übernachtungskosten übernehmen können und hoffen auf Ihre positive Rückmeldung!»

Ich weiss nicht, ob Zeitungen in Flensburg oder Neapel sich dadurch motivieren liessen, über besagte Musiktheater­produktion zu berichten. Erstaunlicherweise störte es die Festivalmacher nicht, dass sie sich in einen problematischen Grenzbereich begaben.

Couvert mit ein paar Geldscheinen

Mir fiel ein Satz ein, den mein früherer Chef Reinhardt Stumm einem Veranstalter schrieb, nachdem ihn dieser mit einem Essen in einem guten Restaurant ködern wollte: «Ich glaube nicht, dass ich mir Ihre Einladung leisten kann!»

Der nächste Schritt nach den «Anreise- und Übernachtungskosten» wäre dann, dass der Bericht erstattenden Person ein Couvert mit ein paar Geldscheinen in die Hand gedrückt wird. Oder dass der Veranstalter die Kritik gleich selbst schreibt. So oder so: Mediale Unabhängigkeit sieht anders aus. Das Zückerchen ist vergiftet.

Sigfried Schibli ist Musikkritiker und Publizist, Hobbymusiker, Grossvater und Querbeet-Leser. Er nutzt seine Zeit für die Erholung vom Nachdenken.

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