Sommerserie

Schriftsteller Peter Stamm: «Schreiben heisst, sich treiben lassen»

Wenn er beim Schreiben nicht weiterkommt, geht er in den Wald: Peter Stamm auf der Bäumli-Terrasse.

Wenn er beim Schreiben nicht weiterkommt, geht er in den Wald: Peter Stamm auf der Bäumli-Terrasse.

Inspiration findet Peter Stamm vor allem im Alltag. Ein Treffen mit dem Schriftsteller auf der Bäumli-Terrasse in Winterthur.

Peter Stamm kommt mit dem Velo. Pünktlich zum vereinbarten Termin rollt der Schriftsteller auf dem blitzenden Gefährt aus dem Wald. Wir treffen uns bei der Bäumli-Terrasse auf dem Goldenberg in Winterthur. Per Mail hatte Stamm einen Link geschickt, wo die Geschichte der Aussichtsplattform nachzulesen ist.

Die Höhenluft mache die Gedanken frei, wird dort ein Autor zitiert. Peter Stamm lacht. Das sei vielleicht vor hundert Jahren so gewesen, als es noch mehr Industrie in der Arbeiterstadt gab, sagt er. Er selbst müsse dazu schon höher hinauf, in die «richtigen Berge». Aber einen freien Kopf zu bekommen, ist für ihn gar nicht das Ziel beim Schreiben.

Blick über die «grüne Stadt»

An dem etwas trutzigen Bau des Ausflugsrestaurants vorbei zieht es den Autor auf die Aussichtsterrasse. Kinder spielen auf dem Rasenstück, das von Kieswegen eingefasst ist. Unter den Lindenbäumen stehen Bänke. Von hier kann man den Blick frei über die «grüne Stadt» schweifen lassen. Man sieht den Bahnhof, die Altstadt, die Aussenquartiere und wie diese zwischen den bewaldeten Hügelkuppen den Tälern entlang hinausdrängen. «Wie eine Spinne», sagt Peter Stamm.

Der Schriftsteller zeigt zum gegenüberliegenden Hügel, der fast gänzlich von Wald überzogen ist. Auf dessen Ausläufer wohnt er mit seiner Freundin und seinen zwei Teenager-Söhnen. Und natürlich geht er meist dort spazieren und quert nicht erst die Stadt zur Bäumli-Terrasse. Laufen geht er oft. «Wenn ich beim Schreiben nicht weiterkomme, hilft das fast immer.» Auch Gespräche im Laufen seien anders, als wenn man sich gegenübersitze. «Vermutlich ist man mehr bei sich.» Vielleicht hilft auch der Rhythmus, die Gedanken zu ordnen. Laufen ist für ihn Inspiration.

Die Muse, die den Schriftsteller küsst, dieses Bild stimmt schon. Peter Stamm braucht die Anregungen von aussen – auch wenn seine Texte vor allem von Innerlichkeit handeln. Für ihn ist es gerade nicht so wie für den Protagonisten seines jüngsten Romans, der glaubt, er müsse einen ruhigen Ort finden, um zu schreiben. «Es braucht eine Grundidee, die gar nicht besonders ausgefallen sein muss. Wenn man sie einmal hat, verändert das den Blick auf die Welt.»

Viele weitere Ideen kommen hinzu und lagern sich von aussen an den Text an. «Es geht darum, sich treiben zu lassen, durchlässig zu sein, Dinge aufzunehmen.» Sei es ein Film, den er gesehen hat, eine Begegnung, ein Gedanke, manchmal eine Formulierung in einem Buch oder auch die Lebenserfahrung, die er in sich trägt.

Ein Jäger und Sammler

Gerade eben hat Peter Stamm einen Roman eines japanischen Autors gelesen, den ihm sein Lektor empfohlen hat. Aus diesem Buch hat er sich einen Satz notiert. Er passt zu einem Text, an dem er arbeitet: «Sand ist die Antithese von Form.» Anregungen wie diese ergeben sich aus dem Alltag heraus. «Ich bin wie ein Jäger und Sammler, der in den Wald geht, Dinge sucht und findet.»

Früher allerdings las er sich auch systematisch durch ganze Werke hindurch, um bestimmte Autoren und deren Entwicklung zu verstehen. Er fing an mit Edgar Allan Poe, damals war er 16. Später folgten Henrik Ibsen, Cesare Pavese, Ernest Hemingway, Albert Camus oder der heute vergessene Franzose Henry de Montherlant. Auch Klassiker waren dabei, sagt er, aber bei Gustave Flaubert sei er nicht sehr weit gekommen, im französischen Original seien ihm gewisse Texte zu schwierig gewesen. Und von Robert Walser könne man nicht zu viel aufs Mal aufnehmen.

Peter Stamm lacht. Er habe einmal gelesen, ein Intellektueller sei jemand, der ein Buch mit dem Bleistift in der Hand lese. Das hat er selbst nie gemacht. «Bei uns zu Hause hatte man zu viel Respekt vor Büchern.» Lieber notiert er sich Sätze oder Ideen auf Zettel, um sie sich anzueignen und etwas Eigenes daraus zu machen. Einen Karteikasten, aus dem er sich bei Bedarf bedient, hat Stamm, der gelernte Buchhalter, jedoch nicht.

Auch Textprojekte, aus denen nichts geworden ist, bewahrt er nur auf, weil es weniger schmerzhaft ist, als sie wegzuwerfen. «Das Material muss frisch sein», betont er. «Ein Text muss aus dem Moment heraus entstehen. Er muss lebendig sein.» Das sagt er auch den Schülern, wenn er seine Romane in Schulklassen vorstellt: «Macht euch eigene, frische Gedanken.»

Zentrum und Peripherie

Peter Stamm hat einen Rucksack dabei. Zwischendurch nimmt er einen Schluck aus der wiederverwendeten PET-Flasche. Es ist bekannt: Der heute 55-jährige Autor, der im thurgauischen Weinfelden aufgewachsen ist, hat in seiner Jugend in Paris, New York, Berlin und zuletzt Zürich gelebt, bevor er mit seiner Familie 2003 nach Winterthur gezogen ist.

Vom Dorf mit 9000 Einwohnern in die 9-Millione-Stadt Paris im Alter von 19 Jahren, das war ein grosser Schritt. Einer, den er genossen hat und sich in dem riesigen kulturellen Angebot hat treiben lassen. «Ich ging bis zu achtzigmal ins Kino in jenem Jahr. Hinzu kamen Theater, Oper und anderes.»

Heute zieht er es vor, nicht im Zentrum zu leben. Lieber ist er dort, wo man nicht immer das Gefühl hat, etwas zu verpassen. Und wo er gut arbeiten kann. Schreiben, das hat mit Präsenz, Ehrlichkeit, Entschiedenheit zu tun, versucht Peter Stamm den künstlerischen Prozess zu beschreiben. «Das Wichtigste ist dabei die Haltung, die Konzentration.» Sagt es, schwingt sich wieder auf sein Velo und rollt den Wald hinab. Der Schriftsteller, der seinen Namen regelmässig auf die Wahllisten der Grünen setzen lässt ohne die Ambition, auch selbst gewählt zu werden.

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