Literatur

Schuld ist der Mirabellenkompott

Werner Rohner: «Was möglich ist». Roman. Lenos Verlag, Basel. 384 S.

Werner Rohner: «Was möglich ist». Roman. Lenos Verlag, Basel. 384 S.

Werner Rohners zweiter Roman liefert ein unterhaltsames Panoptikum zeitgenössischer Paarbindung.

Die Liebesbeziehung in ihrer Komplexität und ihren Folgen für die Nachkommen: Das scheint das zentrale Thema des 1975 in Zürich geborenen Werner Rohner zu sein. Als 68er-Kind wuchs er mit drei Vätern auf und schickte im späten Erstling «Das Ende der Schonzeit» 2014 einen Sohn auf die Suche nach seinen Eltern und deren wahrer Identität. Im zweiten Roman legt Rohner unter dem sprechenden Titel «Was möglich ist» nun Varianten dessen vor, was nach der Diskreditierung fast aller moralischen, religiösen oder juristischen Vorgaben unter dem Stichwort Liebe denkbar ist. Das Buch handelt zu je einem Drittel von Edith, Vera und Lena. Sie gehören verschiedenen Generationen an, verkehren aber alle im Zürcher Café Üetli, sodass man mit etwas Goodwill von einem Roman sprechen kann.

Edith, 61, Mutter eines Sohnes, ist Kellnerin in jenem Café und verliebt in den 30 Jahre jüngeren Bademeister Chris. Dem Alters- und Bildungsunterschied zum Trotz funktioniert die Liaison, sie haben viermal Sex pro Woche, und bald eröffnen sie in Marokko eine Pension. «Die Verliebtheit macht den Altersunterschied belanglos», sagen sie. Und doch lässt Edith Chris in Marokko sitzen. Vielleicht hat er sich ja nicht in sie, sondern in ihr feines «Mirabellenkompott mit Löffelbiskuits» verliebt, und wenn sie an Sex denkt, kommt ihr immer der Vergleich mit Velofahren in den Sinn.

Mutter und Mutter

Ganz anders in der zweiten Geschichte, «Vera». Hier wird punkto Sexualität ultimativ ausgelotet, «was möglich ist». Vera aus Zürich lebt mit Gregor, ihrem Mann, in Berlin und erwartet ihr erstes Kind, als sie sich in die von ihrem Mann getrennt lebende Nathalie verliebt, die eben daran ist, trotz zwei kleinen Kindern ihren Master zu machen. All die erotischen Verrücktheiten und Exzesse, die bislang in Liebesromanen zwischen Mann und Frau zu finden waren, spielen die zwei Frauen durch, und man kann es kaum glauben, dass das alles von einem Mann geschrieben worden ist. Nach einem Aufenthalt in New York, bei dem Vera, statt an ihren Kongress zu gehen, mit Nathalie erotische Orgien feiert, kühlt sich die Beziehung ab, und als ihr Sohn geboren ist, kann Vera sich kaum vorstellen, Gregor zu Gunsten einer Frau zu verlassen. Die lesbische Verliebtheit ist nicht ganz weg, aber es wird wohl damit enden, dass Nathalie brav die Patin von Veras Sohn wird.

Beste Freunde

Im Zentrum der letzten Geschichte steht Lena, eine Mutter zweier Kinder, die Lorenz, ihren Mann, zu Gunsten von Carlos verlässt, mit dem sie in Genua wilde Zeiten erlebt. Das ist die Stunde von Michael, ihres «besten Freundes», der im Auftrag von Lorenz nach Genua fährt und die Flüchtige nach Zürich zurückholt, wo sie mit ihren zwei Kindern eine Zeitlang in seiner Obhut verbleibt, bis die Beziehung zu Lorenz wieder klappt und sie nach Hause zurückkehrt. Die Beziehung «bester Freund/beste Freundin» ist die unspektakulärste in diesem Buch, das einen manchmal an eine gewisse US-Fernsehserie erinnert. Aber gerade da entwickelt Rohner seine psychologischen Fähigkeiten und sein Können in Sachen Charakterbeschreibung am subtilsten.

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