Kultur

Selbsthass statt Gay Pride: Der bewegende Roman von James Baldwin erscheint in neuer Übersetzung

Mehr als 30 Jahre nach seinem Tod zählt James Baldwin zu den wichtigsten amerikanischen Schriftstellern.

Mehr als 30 Jahre nach seinem Tod zählt James Baldwin zu den wichtigsten amerikanischen Schriftstellern.

James Baldwins Roman «Giovannis Zimmer» erscheint in neuer deutscher Übersetzung. Ein ermutigendes Werk für Homosexuelle.

David, ein amerikanischer Footballspieler auf der Suche nach sich selbst, ist unterwegs mit Giovanni, dem löwengleichen Barmann eines halbseidenen Etablissements. Hochspannung knistert im Taxi zwischen ihnen. Draussen hängt Dunst über dem Fluss «und klebte wie ein Fluch an den Männern, die unter der Brücke schliefen – von denen einer im Vorbeifahren aufblitzte, sehr schwarz und einsam auf seinem Weg».

Auch der Autor, der auf wenigen Zeilen die Pariser Morgendämmerung in ihrer ganzen Vieldeutigkeit inszeniert, war sehr schwarz und einsam. Obwohl James Baldwin (1924–1987) gemäss Überlieferung nie unter einer Brücke schlief, landete er in seinem ersten Pariser Exil in den 1950er-Jahren doch in der Gosse, sprich: im «Milieu». Wie David, sein Held im Roman «Giovannis Room» (1956), wurde er öfter aus billigen Hotels geworfen, weil er die Rechnung nicht begleichen konnte. Allerdings ist David ein weisser Bohemien, während James Baldwin als Schwarzer vor dem Rassenhass in seiner Geburtsstadt New York nach Europa floh.

Homosexualität als Verbrechen

«Alles, was mir meine Landsleute in jenen 24 Jahren, die ich im Lande zu leben versuchte, anzubieten hatten, war der Tod – ein Tod nach ihrem Geschmack», schrieb Baldwin über die USA, in die er nur vorübergehend zurückkehrte, um sich in der Bürgerrechtsbewegung zu engagieren. Rassismus ist in vielen, aber nicht in allen seinen Büchern das zentrale Thema. «Giovannis Zimmer», von Miriam Mandelkow schnörkellos elegant neu übersetzt, löst als Liebesgeschichte zwischen zwei weissen Männern das Persönliche vom Politischen und in diesem Sinn auch von der Hautfarbe. Natürlich war das bei Erscheinen des Buches ein Skandal: Dass ein schwarzer Schriftsteller sich erdreistete, weissen Männern «abartiges» Verhalten anzudichten und sich dabei gleich selbst outete, war mehr, als das US-Gesetz erlaubte.

Dass Homosexualität in den 1950er-Jahren noch strafbar war, rückt die Lektüre des Romans heutigen Leserinnen und Lesern wieder ins Bewusstsein. Dabei zeigt sich die besondere Stärke Baldwins, innere Kämpfe spürbar zu machen. Er schildert keine äussere Gewalt und nur indirekt homophobe Übergriffe auf Schwule, sondern lässt diese im Pariser Milieu, in der scheinbaren Sicherheit ihrer eigenen Kreise, vorerst unbehelligt.

Sich selbst vergewaltigen

Hinter dem Tresen der Schwulenbar zeigt Giovanni denn auch offen seine Lust auf Männer – dem Katholizismus Italiens und seiner eigenen, dunklen Vergangenheit ist er entflohen. David hingegen, von der protestantischen Doppelmoral der amerikanischen Heimat geprägt, versucht die plötzliche und heftige Liebe zu Giovanni in sich niederzuringen.

Richtig Panik bekommt David, als er merkt, dass das, wovor er Angst hat, «nichts mit dem Körper zu tun hat», sondern Ausdruck seines innersten Wesens ist. Was kann er dagegen tun?

Er schläft mit der nächstbesten Frau. Und als seine Verlobte Hella zu ihm nach Paris kommt, müht er sich mit erbitterter Regelmässigkeit an ihr ab wie an einem Stück Holz. Wie grausam das ist, beschreibt James Baldwin als allwissender Erzähler. Hella, von einem gesunden Selbsterhaltungstrieb erfasst, reist ab. David jedoch, von Selbsthass getrieben, fährt fort, sich seelisch zu vergewaltigen, und nimmt Giovannis Tod in Kauf, um ihn sich dauerhaft vom Leib zu halten.

Fast unvorstellbar ist so etwas im Jahr 2020. Gay-Pride-Paraden gehören zur Agenda europäischer Metropolen, in «Regenbogenfamilien» ziehen gleichgeschlechtliche Paare Kinder auf, und die heranwachsende Generation flirtet mit der fliessenden Geschlechtsidentität. Ist ein Roman wie «Giovannis Zimmer» da noch aktuell? Mit Blick auf den religiösen Fundamentalismus, der parallel zur libertinären Gesellschaft im Westen erstarkt, durchaus. Interessant ist, dass auch James Baldwin einer fanatisch religiösen Familie entstammte. Sein Ziehvater David (!) war Prediger einer Pfingstgemeinde; der Bruch mit ihm zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk des Autors. Wie schwer die Ile de la cité in Paris an der Kathedrale Notre-Dame trägt, weiss er aus eigener Erfahrung.

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