Er ist die Speerspitze des Jazz. Seit den 60er-Jahren hat der amerikanische Saxofonist, Komponist und Arrangeur Wayne Shorter in den Formationen von Art Blakey, Miles Davis, Weather Report und seinen eigenen Bands einige der spannendsten Kapitel der Jazzgeschichte mitgeschrieben. Die «New York Times» nannte ihn «den grössten lebenden Komponisten des Jazz». Eine lebende Legende. Acht Grammys hat der 84-jährige Musiker im Laufe seiner langen Karriere gesammelt und erlangte in diesem Jahr höchste Weihen: Der schwedische König überreichte Wayne Shorter den Polar Music Prize. Der mit einer Million schwedischer Krone dotierte Preis gilt als der inoffizielle Nobelpreis für Musik. Mehr geht nicht.
Der Mann hat alles erreicht. Doch zur Ruhe setzen will er sich nicht. Im Gegenteil: Am nächsten Sonntag schlägt Shorter sogar ein neues Kapitel auf. Mit «Sherwood Forest», seinem Konzert für Klarinette und Orchester, wagt sich der Jazzmusiker ins klassische Fach. Eine Welt-Uraufführung von Wayne Shorter in Aarau! «Revolutionär» nennt argovia philharmonic sein 1. Abo-Konzert. Eine Sensation ist es allemal.

Welt-Uraufführung von London geerbt
Wie ist es dazu gekommen? «Wir sind immer auf der Suche nach speziellen, exklusiven Sachen», sagt Intendant Christian Weidmann. Das entspricht den gesteigerten Ambitionen des Aargauer Orchesters und seinem Ruf, der längst weit über die Kantons- und Landesgrenzen hinausreicht. Die Uraufführung von Wayne Shorters Stück ist über den Klarinettisten Julian Bliss zustande gekommen. Der junge Brite hat schon mit dem Jazz-Superstar gearbeitet und ist der Solist in «Sherwood Forest».
Dabei haben Glück und Zufall auch noch mitgeholfen. Denn die Uraufführung des gut zwanzig-minütigen, einsätzigen Instrumentalwerks war eigentlich für das letzte Jahr geplant gewesen - mit dem London Philharmonic Orchestra. Für Argovia philharmonic war immerhin die Schweizer Erstaufführung vorgesehen. Doch Wayne Shorter wurde krank und musste seine Auftragsarbeit um ein Jahr verschieben. Pech für London, denn das Londoner Philharmonic Orchestra konnte es terminlich nicht mehr einrichten. Argovia philharmonic erbte die Welt-Uraufführung.
Was können wir erwarten? «Das Stück besteht aus einem langen, ausgeschriebenen Satz, einem grossen Spannungsbogen. Er holt aus dem Symphonieorchester viele Farben heraus», sagt Bliss dem Kulturmagazin Aaku. «Es wird einen wunderbaren Mix zwischen klassischen und jazzigen Klängen geben, eine Musik zwischen den Welten», ergänzt der Solist, der klassisch ausgebildet ist, aber auch traditionellen Jazz spielt.

Annäherung an klassische Musik
Wayne Shorter ist zwar ein leidenschaftlicher Improvisator, der mit seinen Bands konsequent das Risiko sucht. Noch wichtiger ist aber seine Bedeutung als Komponist. Dabei hat er schon in den späten 60er-Jahren die konventionelle Jazz-Form (Thema, Improvisation über der Akkordstruktur des Themas, Thema) verlassen. Stattdessen entwickelte er vor allem bei der Jazz-Rock-Formation Weather Report in den 70er-Jahren eine Vorliebe für abenteuerliche Akkordfolgen und mehrstimmig parallel geführte Melodielinien. Epische, mehrdimensionale, komplexe Kompositionen und Motivketten, die wie ein Rankengewächs fortschreiten.
Shorter war schon immer fasziniert von der abstrakten Logik der Mathematik. Sie hat sein Spiel, aber auch seine Kompositionen geprägt. Er ist der Architekt des Jazz. Höhepunkt dieser Entwicklung ist sein Album «High Life» aus dem Jahre 1995, eine Art Elektro-Sinfonie für Band, 30-köpfiges klassisches Orchester und Saxofon. Der Meister näherte sich also schon damals sinfonischen Gebilden und sein Anspruch reichte über den Jazz hinaus.
Shorter hat sich schon immer mit klassischer Musik und deren Kompositionstechniken beschäftigt: Igor Strawinsky, Bela Bartok und Richard Strauss. Auf «Alegria» (2003) hat er ein Stück des brasilianischen Komponisten Heitor Villa-Lobos adapiert und interpretiert, auf seinem Album «Beyond the Sound Barrier» von 2005 war es Felix Mendelssons «On Wings of Song». Shorters Schritt in die Welt der klassischen Welt kommt also nicht überraschend.
Entscheidender ist aber der Einfluss von Miles Davis. «Er war mein bester Freund. Von ihm habe ich gelernt, dass es nicht darum geht, die Reinheit des sogenannten Jazz zu bewahren, sondern um den Abenteuergeist und die Lust am Wandel», sagt Shorter, «man muss die Regeln brechen, um weiterzugehen».

1. Abo-Konzert argovia philharmonic: Revolutionär! Martin Jaggi, Ludwig van Beethoven und Wayne Shorter (Welt-Uraufführung) So 17. 9., 17 Uhr und Di 19. 9., 19.30 Uhr. Kultur & Kongresshaus, Saal 1, Aarau; Fr 22. 9., 19.30 Uhr, Trafo-Halle Baden.

«Wir brauchen mehr Robin Hoods und mehr Mariannes»

Mr. Shorter, Sie sind Jazzmusiker. Wie viel Jazz ist in ihrem Werk «Sherwood Forest»? Hat es Raum für Improvisation und Interaktion?
Nein, nein. Da ist keine Improvisation, kein Jazz. Alles im Klarinettenkonzert ist streng notiert.

Sie beschreiben Musik oft mit nicht-musikalischen Ausdrücken. Wie klingt Ihr «Sherwood Forest»?
Sie können das Zittern und Rauschen der Bäume hören. Majestätisch. Die Klarinette trillert, trifft auf Hindernisse und durchbricht sie. Als ich das Stück mit Julian besprochen habe, sagte er: Ich will einfach Spass daran haben.

Ich assoziiere Sherwood Forest mit Robin Hood. Spielt er eine Rolle?
Das Stück ist ein Fingerzeig auf die heutige Menschheit. Wir brauchen mehr Robin Hoods und mehr Mariannes. Leute, Individuen, die den Mut haben gegen den Strom zu schwimmen und für ihre Überzeugung einzustehen und zu kämpfen. Die Solo-Klarinette verkörpert dieses Individuum.

Klassische Musik hat Sie immer wieder für Ihre Jazz-Kompositionen inspiriert. Ist «Sherwood Forest» das erste klassische Werk, das sie geschrieben haben?
Nein, nein. «Sherwood Forest» ist das erste Werk, das aufgeführt wird. Aber ich habe schon viele Werke geschrieben, die nie aufgenommen wurden und auch solche, die noch gar niemand gehört hat. Ich bin gerade daran, diese Ideen zu sammeln und arbeite an einer Oper mit der Sängerin und Bassistin Esperanza Spalding und der Philadelphia Opera Company. Es ist sehr intensiv und wird mich die nächsten anderthalb Jahre beschäftigen.

Was bedeutet Ihnen klassische Musik?
Ich bin mit Jazz aufgewachsen, habe mich aber erst mit 16 entschieden, Musiker zu werden. Dabei habe ich immer versucht, die Musik, die Kunst, die Kultur der Welt in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Ich ging in die Bibliotheken und habe mich vom 16. Jahrhundert hochgearbeitet. Ich bin Jazzmusiker, aber es wäre ein Fehler, sich gegenüber anderem zu verschliessen. Es ist eine Falle. Als Künstler muss man seine Neugierde bewahren, sich von allem Möglichen inspirieren lassen.

Was ist wichtiger für Sie? Die Komposition oder die Improvisation?
Das kann ich nicht sagen. Beide sind gleichwertig, ebenbürtig. Auch als Improvisator komponiere ich. Und auch als Komponist improvisiere ich. Ich kann das nicht trennen.

Üben Sie noch täglich auf Ihrem Saxofon?
Ich wohne in Hollywood Hills, um mich herum sind Bäume und es ist es sehr ruhig. Deshalb übe ich nicht wie damals, als ich 16, 17 Jahre alt war. Ich brauche meine Instrumente, um beim Komponieren meine Ideen abzurufen. Manchmal spiele und komponiere ich, währendem der Fernseher läuft und spiele gegen das an, was sie reden. Das ist lustig.

Sie sind 84. Ist es in Ihrem Alter schwieriger, Saxofon zu spielen?
Ich bin daran, 1000 Jahre alt zu werden (lacht), habe einfach nicht mehr die Luft wie früher. Und im Frühling brauche ich manchmal einen Inhalator. Heute spiele ich einfach kürzere und ruhigere Phrasen.

Haben Sie schon einmal von Aarau und argovia philharmonic gehört?
Nein, erst jetzt. Julian hat mir alles erzählt. Leider kann ich an der Ur-Aufführung aber nicht teilnehmen. Ich bin viel zu beschäftigt.