Musik
Seun Kuti treibt den Afrobeat voran

Der nigerianische Musiker Seun Kuti nimmt das Erbe des berühmten Kuti-Clans auf. Wer ist dieser jüngste Spross des Afrobeat?

Stefan Franzen
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Bringt das Vermächtnis seines Vaters nach Basel: Seun Kuti. HO

Bringt das Vermächtnis seines Vaters nach Basel: Seun Kuti. HO

Kuti: Diese vier Buchstaben stehen für den bekanntesten Musikerclan Afrikas. Genauso einprägsam sind die Vornamen der drei Hauptvertreter: der Vater Fela, der erstgeborene Femi, der jüngste Spross Seun (sprich Schä-un). In ihnen spiegelt sich die Geschichte des erfolgreichsten afrikanischen Musikgenres.

Als der nigerianische Bandleader Fela Kuti mit seinem Drummer Tony Allen Ende der 1960er Highlife aus Ghana und die Rhythmen des Yoruba-Volkes mit dem Funk à la James Brown zusammenfügte und das Afrobeat nannte, wollte er vor allem für die «Suffer- heads», die kleinen Leute, eine scharfe Waffe aus Musik bauen. Seine epischen Stücke von zehn bis dreissig Minuten thematisierten mal unverblümt, mal metaphorisch die Lähmung des Volkes und die Korruption der Regierung, prangerten Verfilzung von Militär und Politik und die neuen Ausbeuter aus Europa und den USA an.

Und sie setzten soziale Normen ausser Kraft, sprachen offen über Marihuanakonsum, schilderten drastisch sexuelle Freuden. Fela Kutis Leben glich einem Katz-und-Maus-Spiel mit den Autoritäten. Unzählige Gefängnisaufenthalte und Folterungen musste er erdulden, wiederholt überfiel die Polizei das Gelände seiner Kalakuta Republic, auf dem er mit seinen 27 Ehefrauen und seinen Anhängern als selbst ernannter «Black President» residierte. Seine Bedeutung ist bis heute unumstritten: Seit einigen Jahren läuft eine schrittweise Wiederveröffentlichung seines Gesamtwerkes von fast 50 LPs.

Ungleiche Brüder

Zwanzig Jahre nach Felas Tod ist Afrobeat weltweit ein Thema, das in den meisten Fällen auf seine musikalische, nicht seine politische Substanz abgeklopft wird. Afrobeat wird von Bands aus Island und Israel gespielt, von Combos in Sydney, Berlin und Toronto, präziser, detailverliebter, geschliffener als bei Fela. Ein schickes Stilmittel, selten aber eine Lebenshaltung. Schuld daran ist die Retrobewegung, die sich auf die alten funky Sounds aus Afrika stürzt.

Den wahren zeitgenössischen Afrobeat zu spielen, den, der noch politische Inhalte hat, das reklamieren beide Söhne Fela Kutis für sich – und sie sind sich deshalb auch nicht besonders grün.

Ein soghaftes Erlebnis

Femi trat bereits in den 1980ern in Erscheinung, modernisierte das Genre mit kürzeren Stücken, mit mehr Tempo, genauso bissig, genauso freizügig. Doch seine Beziehung zum Vater war problematisch, wurde nicht akzeptiert, da das Familienoberhaupt wohl insgeheim spürte, dass er dem Nachwuchs musikalisch eines Tages nicht mehr das Wasser reichen könnte.

Der mehr als zwanzig Jahre jüngere Seun hingegen identifiziert sich mit dem Vater. Femi bezeichnet ihn als Traditionalisten, der am Erbe kleben bleibt. Schliesslich hat Seun bereits als Teenager Felas letzte Band Egypt 80 übernommen, in der noch die ein oder andere alte Legende von früher mitspielt.

Seuns Studiosound unterscheidet sich aber merklich von den väterlichen Vorgaben: Für frühere Alben holte er Koryphäen wie den Ambient-Erfinder Brian Eno oder den U2-Mixer John Reynolds ans Pult. Das Afro-Vokabular wurde durch westliche Produktionsfinessen zu einem packenden, konzentrierten, soghaften Erlebnis.

Auf der anderen Seite macht er keinerlei Abstriche bei der politischen Färbung seiner Musik: Er entlädt seinen Zorn über afrikanische Machthaber, prangert mit Namen die Ölkonzerne an, die Nigeria ausbeuten, tritt wie der Patriarch für die Legalisierung von Gras ein. Mit dem Eröffnungsstück «The Last Revolutionary» aus dem aktuellen Werk «Black Times» will Seun Kuti unmissverständlich zeigen, wer der letzte Aufrechte im Afrobeat ist.

Engagiert und kämpferisch

Wütend und engagiert gegen den Machtmissbrauch der Eliten und für die Ideen schwarzer Freiheitskämpfer wie Thomas Sankara aus Burkina Faso treibt er seine 14 Musiker starke Bigband durch ungestüme Afrobeat-Epen. Die Perspektive geht über Nigeria hinaus, auch, wenn er sich in den Texten mit den Arbeitern in den USA und Südafrika solidarisiert.

Und als Gast auf dem Album ist sogar Carlos Santana geladen, der allerdings wie ein Fremdkörper wirkt. Der Gitarrenheld aus Kalifornien wird beim Liveauftritt von Seun und seinem Egypt 80-Orchester in der Kaserne nicht dabei sein. Muss er auch nicht, denn eine Live-Performance der aktuellen Besetzung benötigt keine prominenten Seitenleute. Krachende Bläsersätze, trancehafte Klick-Gitarren und Seuns fordernde, dunkle Stimme gepaart mit dem Feuer seiner Saxsoli lassen den Afrobeat 50 Jahre nach seiner Entstehung weiterhin wie eine Urgewalt klingen.

Sieun Kuti in der Kaserne Basel: Dienstag, 6. März, 20 Uhr.