#MeToo
Sexuelle Belästigung am Theater: Jetzt melden sich Schweizer Prominente

Die anonymen Stimmen aus der Theaterszene, die dieser Zeitung von ihren Missbrauchserfahrungen berichteten, bewegen die Schweiz. Nun meldet sich auch Schauspielerin Heidi Maria Glössner mit Erinnerungen zu Wort. Und jüngere Kolleginnen fordern: Dieser männliche Regie-Kult gehört endlich abgeschafft.

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Heidi Maria Glössner erlebte Übergriffe zu Beginn ihrer Schauspielkarriere.

Heidi Maria Glössner erlebte Übergriffe zu Beginn ihrer Schauspielkarriere.

Hanspeter Schiess

Die in dieser Zeitung veröffentlichten Vorwürfe sexuellen Missbrauchs haben in der deutschen und Schweizer Theaterszene hohe Wellen geschlagen. Nun melden sich auch prominente Stimmen zu Wort: Auch «Herbstzeitlosen»-Star Heidi Maria Glössner (77) erlebte Belästigung als Stolperstein, weil sie sich aktiv dagegen zur Wehr setzte:

Ich wurde in jungen Jahren von einem übergriffigen Schauspieldirektor angegangen.

«Nach einem Gang ans Hamburger Bühnen-Schiedsgericht hätte ich bis zur Urteilsverkündigung weiterspielen sollen, was ich aber nicht tat. Mir wurde dann auf Ende Saison gekündigt. Ich wäre aber auch freiwillig gegangen», so Glössner. Während ihrer jahrzehntelangen Engagements in Luzern und Bern habe sie glücklicherweise nie mehr etwas Ähnliches erlebt. Sie findet es «erschreckend», dass junge Kolleginnen und Kollegen immer noch mit denselben strukturellen Problemen zu kämpfen haben.

Dieser männliche Regie-Kult muss endlich weg

Autorin Martina Clavadetscher.

Autorin Martina Clavadetscher.

Christian Beutler / KEYSTONE

Die erfolgreiche Schweizer Theaterautorin Martina Clavadetscher (41) umkreist die Theaterhäuser im deutschsprachigen Raum seit vielen Jahren «wie ein Satellit». Schauspielerinnen berichten ihr regelmässig von unangenehmen Situationen, «oft grenzwertig, nicht eindeutig». Und von «Intendanten, die ein Klima der Herrschaft und Angst aufbauen, alte patriarchische Hierarchien aufrechterhalten, aber auf der Bühne das Gegenteil predigen», so Clavadetscher. «Es ist höchste Zeit, dass endlich Konsequenzen gezogen werden», sagt sie. Davon zu wissen und die Fälle zu registrieren, sei das eine – zu handeln, um diese Strukturen grundlegend zu ändern, etwas ganz anders. Clavadetscher sagt:

Das wird schmerzhaft, anstrengend, aber das wäre es sowas von wert.

Die aufstrebende Theaterfrau Julia Haenni hinterfragt in ihren Stücken spielerisch Geschlechterklischees. «Theaterschaffende sollten bereits in der Ausbildung lernen, Grenzen zu setzen», so Haenni. Und:

Viele verkaufen sich unter ihrem Wert und lassen viel zu viel mit sich machen. Das musste auch ich erst lernen.
Julia Haenni

Julia Haenni

Mali Lazell

Die Glorifizierung des Schauspielberufs sei ein weiteres Problem. «Und schliesslich müsste endlich und definitiv dieser leider immer noch meistens männliche Regie-Geniekult abgeschafft werden, diese Idee vom allwissenden und allmächtigen Regisseur, der weiss, wo es langgeht und die anderen folgen ihm blind», findet die Performerin, Regisseurin und Autorin.