Kultur

Sibylle Berg schreibt nach dem Buchpreis ein Musical

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Sibylle Berg gewinnt mit ihrem Roman «GRM. Brainfuck» den Schweizer Buchpreis. Im Roman begleitet sie vier englische Jugendliche aus kaputten Familien in den Horror einer digitalen Diktatur. Formal avantgardistisch, inhaltlich dringlich und kompromisslos.

Mit Baldrian hat Sibylle Berg gerade die Preisverleihung überstanden und kommt zum Interviewtermin mit ihrem gelassenen, humorvollen Charme, der verblüffend im Gegensatz steht zu ihrer heftigen Literatur.

Sie leben seit 1996 in der Schweiz, sind seit 2012 Schweizer Bürgerin. Und jetzt der Schweizer Buchpreis. Muss ein grossartiges Gefühl sein.

Sibylle Berg: Das ist ganz grossartig. Es scheint, als bekäme ich in zwei Jahren einen Platz im Nationalrat. Nein, das Gefühl ist wirklich ziemlich grossartig, weil ich ein bisschen kitschig bin. Wie ich vorhin in meinem kurzen Dank auf der Bühne gesagt habe, ich habe das angenehme Gefühl, dass die Schweiz nett zu mir ist, seit ich hier lebe. Ich fühle mich hier aufrichtig umarmt, was auch wieder etwas kitschig klingt. Trotz des kurzen Unterbruches mit der Deutschenfeindlichkeit, was wieder vergessen ist, ist die Schweiz meine Heimat.

Sie haben keine Dankesrede vorbereitet, schienen überrascht über den Preis, obwohl diverse Medien Sie als Favoritin bezeichnet haben.

Ich war mit hundertprozentig sicher, dass ich den Preis nicht gewinne. Ich habe vorher noch Baldrian genommen, weil es immer ein bisschen enttäuschend ist, wenn man den Preis nicht erhält. Ich war so im Verlierermodus, dass es mir weh tat für die anderen, auch weil ich weiss, wie sich das anfühlt. Es ist ungerecht und willkürlich. Ich meine, drückt doch jedem 30000 Franken in die Hand und gut ist.

Ihren Roman «GRM» kann man als Neoliberalismus-Brexit-Metoo-Überwachungs-Dystopie lesen. Wie lange haben Sie für den Roman recherchiert?.

Es ging gut drei Jahre, mit Vorbereitung, Schreiben und Gesprächen. Ich habe mit über fünfzig Wissenschafterinnen und Wissenschaftern geredet und war für Recherchen immer wieder in England, Hinzu kommen noch unzählige Vorträge, und Fachliteratur die ich mir angeschaut oder gelesen habe. Im Buch gibt es wenig, was nicht in der einen oder anderen Art real ist.

Sie haben sich offenbar sehr vertieft in die IT-Welt mit Programmierern und Ingenieuren.

Ja, da habe ich mich sehr wohl gefühlt. Das waren endlich Nerds.

Was interessiert Sie an den Nerds?

Naja, ich bin auch einer. Es sind Menschen, die in aller Regel nicht so gerne reden und die sich mit Tunnelblick in ein Thema vergraben. Das verstehe ich sehr gut und fühlte mich sehr aufgehoben. Ich bin ohnehin so ein Wissenschaftsfreak und habe eine Reihe toller Freunde gefunden, und neue Ansätze, konkret netz-politisch zu arbeiten.

Sie waren kürzlich Gast des «Literarischen Quartetts» des ZDF. Da hatte ich den Eindruck, Sie würden viel lieber wissenschaftliche Bücher als Romane lesen.

Das stimmt so. Es ist zum Teil arbeitsbedingt. Entgegen meiner Erwartung, dass das Arbeitspensum nach vierzig weniger werde, wird es immer mehr. Wie bei uns allen: Mehr Arbeit für weniger Geld. Ich bin mit sehr kurzen Unterbrechungen immer am Arbeiten. Was natürlich toll ist, weil es heisst, dass jemand das kauft, was ich mache. Aber während der Arbeit, während dem Schreiben ertrage ich keine Prosa anderer Menschen. Das bringt mich aus dem Fluss, das lenkt zu sehr von den eigenen Gedanken ab.

Was ist das Problem: Ihren Stil haben Sie ja schon gefunden.

Ich möchte einfach nicht anderer Leute Gedanken stehlen. Wenn stehlen, dann in Reinform jene von Wissenschaftlern oder meine eigenen Beobachtungen. Ich möchte für meinen eigenen Roman von anderen Autorinnen und Autoren keine Ideen klauen, die ich gut finde.

Vorsicht bissiges Buch, hat Ihre Laudatorin Christine Richard gesagt. Einige meiner Bekannten haben diesen Roman nach 150 Seiten weggelegt, weil ihnen die Menge an Gewalt und Verrohung zu viel wurde. Verstehen Sie das?

Sagen wir so: Ich akzeptiere es. Jeder sucht in der Kunst etwas anderes. Manche suchen Bestätigung, andere Ablenkung oder eine Idee von heiler Welt oder Flucht. Das hat mich aber nie interessiert. Wenn Romane, dann bitte über Sachen, die jetzt passieren, die sich mit der Gegenwart auseinandersetzen, Romane also, die mir bei der Einordnung helfen. Ich würde mein Buch gerne lesen, weil man so schön viel dabei lernt. Es ist auch eine Frage, wie sehr man wissen möchte, was passiert. Das ist zunächst nicht mal wertend. Die Welt ist in weiten Teilen ein schrecklicher Ort, ob wir das nun wissen oder nicht. Und wir können es nicht beeinflussen. Ich weiss einfach gerne, was passiert, was auf uns zukommen kann und was woanders schon stattfindet. Was ich geschildert habe an Gewalt und Brutalität oder an Hoffnungslosigkeit, existiert ja. Ich habe es mir nicht ausgedacht.

Das ist auch das Grossartige an Ihrem Buch: Es wirkt wie eine Apokalypse in der Zukunft, ist aber gesättigt mit Themen, die wir überall schon entdecken können. Ist das Ihr Selbstverständnis beim Schreiben, das der pickelharten, seismografischen, prophetischen Warnerin?

Überhaupt nicht. Das wäre blöd, wenn ich so rumlaufe und denken würde, was für eine tolle Warnerin bin ich heute wieder. Was ich tue und wie, ist vornehmlich von Empathie getrieben. Ich identifiziere mich eigentlich eher mit Randständigen. Mir ist aber klar, dass das irgendwie auch bullshit ist, weil ich hier in der Schweiz sehr angenehm mit Heizung und Badewanne lebe. Mir ist trotzdem alles näher, was wir als Aussenseiter bezeichnen. Mir ist Armut näher als Reichtum, mir sind Freaks näher als Banker. Und ich möchte einfach mehr darüber wissen, wie Leute wie ich leben würden, wenn ich nicht so ein Glück gehabt hätte. Das ist dann auch schon alles. Ich schaue genau hin und es schmerzt mich. Was ich schreibe, ist weder bitter noch zynisch, sondern mitfühlend und schmerzvoll.

Wie lebt es sich beim jahrelangen Schreiben über diese anderen, diese verrohten Figuren, den Tätern, Vergewaltigern, Verprüglern?

Es ist halt alles Realität. Gerade wenn Sie die vergewaltigenden, schlagenden Männer ansprechen. Da müssen wir gar nicht nach England oder Indien schauen, sondern man kann sich auch hier in der Schweiz die Frage stellen, warum es hier so viel Gewalt gibt, warum so viele Männer ihre Frauen töten. Da hat man auch hier viel zu tun. Wichtiger ist mir was anderes. Ich habe bei meinen Recherchen in England so viele entzückende, tolle junge Menschen kennen gelernt.

Stimmt es, dass Sie Ihren Roman zu einem Musical umschreiben?

Ja, das ist richtig. Ein bisschen ist das egoistisch, weil ich wieder irrsinnig gerne nach England möchte, um mit diesen Jugendlichen etwas zu machen. Ich habe dort Ruffsqwardt Art Foundation kennengelernt, zwei Grime-Artists, die sich zur Aufgabe gemacht haben, den Jugendlichen und Kindern aus den Falling Estates Selbstbewusstsein zu lehren. Und Stolz. Sie lernen Hip-Hop-Texte zu schreiben, zu produzieren, Videos zu machen. Und ich habe sie sehr lieb gewonnen.

Warum spielt das Buch in England?

Weil das Land ein sehr grosses Vorbild für vieles ist. Unter den westlichen, wohlhabenden Ländern ist England führend, was Überwachungstechnik betrifft. Seit den 1990er Jahren wird der öffentliche Raum vollkommen mit Überwachungskameras bestückt. Die Engländer arbeiten nun an sogenannten Karmapunkten, schöner Name eigentlich. Darin sind sie uns überlegen. Auch was den ultraharten Kapitalismus angeht, sind die Engländer ganz weit vorne. Diese Gnadenlosigkeit finde ich hier in der Schweiz nicht. Aber an vielen Orten der Welt.

Die Schweiz wäre für einen solchen Roman zu harmlos?

Uns geht es immer noch sehr gut. Aber es wird auch mühsamer für viele. Alleinerziehende, Arbeitslose, Ü-50-Jährige, Kranke…

Sie haben sich letztes Jahr politisch gegen Sozialdetektive engagiert. Wie enttäuscht sind Sie über Ihren Misserfolg?

Überhaupt nicht. Wir hatten sehr wenig Geld und hätten viel mehr aufklären müssen. Bei allen Fehlschlägen, die ich habe, suche ich den Fehler zuerst bei mir. Denn mich kann ich ändern. Aber es hat gezeigt, dass wir dringend wieder an der Schweiz als Solidargemeinschaft arbeiten, und mehr in WIR denken sollten. Das ist doch immer die Qualität des Landes gewesen.

Gibt es ein Rezept gegen das digitale Monster, das uns gemäss Ihrem Roman droht?

Es gibt ein Rezept und das heisst informieren, informieren, informieren. Man muss die Menschen, die in unserem Land sehr gebildet und klug sind, erreichen und ihnen sagen, was das grenzenlose Vertrauen in Technik und Staat für sie bedeuten kann. Bei Digitalisierungsthemen ist das schwierig, weil wir zu wenig verstehen, weil es unfassbar ist. Und dann scheint auch noch alles so bequem. Mein Tipp: Sich bei Vereinen wie Digitalcourage beim CCC und pEp informieren. Die wissen viel mehr als wir.

Sibylle Berg: GRM.Brainfuck. Roman, Kiepenheuer&Witsch, 640 Seiten.

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