Kunstmuseum Bern und Zürich

Sie wollten schon lange wissen, wie grosse Künstler denken? Wir haben mitgedacht

Johannes Itten «Komposition in Blau» von 1918.

Johannes Itten «Komposition in Blau» von 1918.

Augenschmaus ist schön, Hirnfutter ist besser: Nach diesem Motto zeigt man uns in Bern Johannes Itten und in Zürich Henri Matisse.

Einige wenige Meisterwerke prägen unser Bild eines Künstlers. Gegensteuer zu solcher Reduktion geben Museen mit Übersichtsausstellungen. Sie sind beliebt, reihen sie doch süffig Bild an Bild. Aber irgendwie genügt den Museumsleuten, die ja auch Vermittler und Wissenschafterinnen sind, diese Augenschmaus-Strategie nicht immer. Vor allem nicht, wenn sie eine wenig bekannte Facette oder kaum Erforschtes ausbreiten wollen.

Aktuell ergründen zwei Ausstellungen den Schaffensprozess und die Methoden zweier grosser Künstler der Moderne. Im Kunstmuseum Bern fokussiert man auf die Utopien, Theorien und Lehren des Schweizer Bauhausmeisters Johannes Itten (1888– 1967). Im Kunsthaus Zürich zeigt man den französischen Künstler Henri Matisse (1869– 1954) nicht als den berühmten Maler, sondern als Bildhauer mit eigenwilligen Methoden.

Didaktisch und materialreich sind beide Ausstellungen. Schaue und lerne, vergleiche und lese, heisst das für uns Betrachterinnen. Anspruchsvolle Augen- und Hirnarbeit.

Johannes Itten: Harmonie und Widerspruch

Bern, Stuttgart, Weimar, Herrliberg, Berlin, Krefeld und Amsterdam: Johannes Ittens Arbeitsstationen bis 1938 geben den Takt in der Ausstellung vor. Das ist so klar, wie es das nomadische Leben eines modernen Künstlers spiegelt. Itten lernte in Stuttgart und von Vorbildern wie Cézanne, Kandinsky und Hölzel Abstraktion und Gegenständliches in prächtigen Kompositionen zu verbinden. Seine Hauptarbeit aber wurde der Unterricht, in Wien und vor allem am Bauhaus in Weimar ab 1919. Seine Bücher voller Forschungsnotizen, Vorträge und Lektionen lagern im Depot der Itten-Stiftung in Bern – nun werden sie uns zu Hunderten an Wänden und in Vitrinen präsentiert.

"Einatmen ausatmen" von 1922: Yoga mit Johannes Itten

"Einatmen ausatmen" von 1922: Yoga mit Johannes Itten

Harmonie war Ittens Ziel. Doch wie sehr verstrickte er sich in Widersprüche: Formale Klarheit und esoterische Abgehobenheit, Weltoffenheit und krude Rassentheorien, gegenständliche Malereien und abstrakte Farbtheorien finden sich nebeneinander. Alles zu entschlüsseln: unmöglich. Immerhin dröselt im Katalog der Itten-Kenner Christoph Wagner diese Widersprüche auf und erklärt sie im schwierigen politischen und gesellschaftlichen Umfeld.

Henri Matisse: Metamorphosen

Wo startet ein Bildhauer um 1900 in Paris? Mit den Kraftprotzen von Rodin und Bourdelle und der figürlichen Eleganz von Maillol vor Augen. Mit Prunkstücken dieser Grossmeister beginnt die Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Von ihnen beeinflusst schuf Henri Matisse seinen muskulösen «Leibeigenen», den kraftvollen Panther und neben den üblichen Frauenakten so verblüffende Stücke wie die «Schlangenfrau».

Henri Matisse «Jeannette V» von 1913, Bronze. (Bild:Musée Matisse Nice/Pro Litteris)

Henri Matisse «Jeannette V» von 1913, Bronze. (Bild:Musée Matisse Nice/Pro Litteris)

Afrikanische Stammeskunst und antike Statuen brachten ihm Inspiration – und den Mut zu Reduktion. Ob bei «Jeannette», «Henriette» oder «Madeleine», Matisse merkte, dass er denselben Kopf mehrfach und immer anders darstellen konnte: als klassisches Abbild, geglättetes Volumen oder eindrücklich abstrahiert-expressives Seelenbildnis. Alle Zustände waren für ihn gültige Werke, sodass wir seine Methode der Metamorphose materialisiert sehen. Den Höhepunkt dieser Arbeitsweise bildet das vierteilige Relief mit den lebensgrossen Rückenansichten. Dass es aufgeteilt präsentiert wird, ist ärgerlich, aber der verwirrlichen, offenen Ausstellungsarchitektur geschuldet. Fast zu viel des Guten ist, dass man das Prinzip der Metamorphose auch bei den Zeichnungen und der Malerei von Matisse belegen und das Arbeitsinstrument Fotografie einbeziehen will sowie das Ganze noch mit Musik unterlegt.

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