Sommer
Lieber ans Verbier Festival oder ans Gstaad Menuhin Festival?

Das Gstaad Menuhin Festival und das Verbier Festival trotzen Corona, obwohl das Programm umgestellt, gewisse Konzerte gar abgesagt werden müssen. Der Besuchereinbruch ist in Verbier viel grösser als in Gstaad. Das hat seine Gründe.

Christian Berzins
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Tanz auf dünnem Eis: Sopranistin Maria Bayankina bei der Operngala am Verbier Festival.

Tanz auf dünnem Eis: Sopranistin Maria Bayankina bei der Operngala am Verbier Festival.

Bild: Lucien Grandjean

Was am Verbier Festival dieser Tage geschieht, ist ein warnendes Nebelhorn für andere Festivals, nicht zuletzt für jenes in Luzern, das am 10. August mit dem Auftritt eines russischen Jugendorchesters beginnen soll. Kaum hatten sich vor zwei Wochen im Walliser Skiort die aus aller Welt kommenden, beim Abflug und bei Ankunft getesteten jungen Mitglieder des Festivalorchesters geherzt, schlug das Covid-Pendel aus: Positiv! Einer war am freien Tag nach Zürich gefahren, rasch hatte man 20 Fälle im Orchester. Konnte das Verbier Chamber Orchestra die Eröffnung übernehmen?

Das Ausweichmanöver gelang, aber schon am Dienstag hätte das Festspielorchester grosse Oper spielen sollen. Ein jämmerlicher Flügel stand stellvertretend auf dem Podium, die Opernstars Marcelo Álvarez, Maria Bayankina und Ambrogio Maestri sangen bloss Arien und Duette um die Wette. Das taten sie immerhin so überragend, dass im mässig besetzten Festivalzelt Stimmung aufkam: Maestri brach das Eis mit einem hinreissenden Kabinettstück als Quacksalber Dulcamara.

Marcelo Alvarez schonte seine Stimme nicht.

Marcelo Alvarez schonte seine Stimme nicht.

Bild: Lucien Grandjean

Doch was tun bis 1. August, mit der Wagner-Gala, mit den Sinfoniekonzerten? In Verbier wurde seit je changiert und jongliert, aber der Covid-Sommer 2021 zeigt Intendant Martin Eng­stroem Grenzen auf. Etwas bedrückt oder melancholisch erzählt er, wie er glaubte, die Leute würden im Sommer 21 ­wieder in Konzerte strömen. Aber das internationale Publikum fehlt, Deutsch­schweizer sind in Verbier seit eh und je weniger anzutreffen als in Gstaad.

30 Prozent Karten zurück und das Murren im Zelt

Auch im Berner Oberland musste zu Beginn improvisiert werden. Da wurde ein Chor ersetzt, anstelle eines Londoner Orchesters trat im Festivalzelt ein Trio auf. 30 Prozent der Karten wurden zurückgegeben. Christoph Müller, Artistic Director des Festivals, sagt offen:

«Dieser Sommer ist ein Seiltanz.»
Christoph Müllerkünstlerischer Leiter des Gstaad Menuhin Festival.

Christoph Müller
künstlerischer Leiter des Gstaad Menuhin Festival.

Bild: Raphael Faux

Allerdings glaubt er, dass nach den zwei Änderungen zu Beginn bis zum 4. September alles wie geplant ablaufen werde. Die Bewährungsprobe kommt erst: die Dirigier-Academy und das Zusammentreffen des Gstaader Festspielorchesters. Ein Glück, dass es vor allem aus (geimpften?) Ü40-Berufsmusikern aus der Schweiz gebildet ist.

Trotz Covid kommen die Gäste: 18000 bis 20000 Karten wird man verkaufen, nur 7000 weniger als sonst. In Verbier sind es ähnlich viele, aber das ist trotz 71 Konzerten nur die Hälfte von einst. Engstroem sagt:

«Es wird Geld fehlen, die Gemeinde hat versprochen zu helfen.»
Martin EngstroemGründer und Direktor des Verbier Festival.

Martin Engstroem
Gründer und Direktor des Verbier Festival.

Bild: Jean-Christophe Bott / KEYSTONE

Schriftlich ist das nicht.

In Gstaad wird viel weniger gespielt, aber gewisse Konzerte mit den Stars wie Sol Gabetta oder Andras Schiff doppelt. Auch Artist in Residence Daniel Hope zieht viel Publikum an.

Statt «grüezi» wie in Zürich sagt er hier, klangfarblich genauso radebrechend, «grüessech». Charmant parliert er aber bald durch sein stimmungsvolles Programm und begleitete den fünfköpfigen Amarcord-Chor klug durch englisches Repertoire, dem Festivalthema entsprechend.

Beglückt spaziert man nach den zwei pausenlosen Konzertstunden in der märchenschönen Kirche von Saanen, wo die Musik wundersam und einzigartig aufblüht, durch das herausgeputzte Dorf, den Duft von Heu, bald Pinot Noir in der Nase. (Fast) Jeden Abend gibt es ein Konzert – das Glück ist wohldosiert. Doch braucht es mehr als diese eine Ampulle pro Tag? Martin Engstroem, Intendant in Verbier, meint ja – und bietet auch im Sommer 2021 täglich eine Überdosis Klassik an.

Kaum angekommen, sich für das Abendkonzert bereitmachend, hören wir auf dem Hotelbalkon Streichquartettklänge aus einem Gartenkonzert. Wir lassen sie verklingen, sind vorsichtig, am Tag II und III geben wir uns die volle Ladung. Erst mal Luft holen: Um 11 Uhr sitzen wir in der charme- und schmucklosen Kirche, hören Kammermusik mit Musikern, die jedes Orchester zwischen Genf und St. Gallen noch so gern als Solisten hätte. Ein Fest ist das, wenn Augustin Hadelich, Alban Gerhardt und Antoine Tamestit das Streichtrio von Alfred Schnittke spielen, danach Denis Matsuev im Richard-Strauss-Klavierquartett am Flügel sitzt.

James Gaffigan und das Verbier Festival Junior Orchestra.

James Gaffigan und das Verbier Festival Junior Orchestra.

Bild: Janosh Ourtilane

Um 15 Uhr spielen Ex-Luzerner-Sinfonieorchester-Chefdirigent James Gaffigan und das Verbier Festival Junior Orchestra im Festivalzelt zusammen mit Pianist Behzod Abduraimov die Paganini-Variationen von Sergej Rachmaninow, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt. Um 18 Uhr stehen Geigenstar Janine Jansen und Dirigentengrösse Antonio Pappano auf derselben Bühne, und wir fragen uns: Spielt irgendwer auf der Welt Max Bruchs Violinkonzert besser als Jansen?

Denis Matsuev, Alexander Sitkovetsky und Antoine Tamestit kammermusikzaubern schon um 11 Uhr.

Denis Matsuev, Alexander Sitkovetsky und Antoine Tamestit kammermusikzaubern schon um 11 Uhr.

Bild: Lucien Grandjean

Kurz vor 20 Uhr haben wir zwar den steilen Weg zur Konzertkirche erklommen, merken aber: Jetzt braucht es statt eines Geigen/Klavierduos eine Pause. Um 22 Uhr aber heisst es «Secret Concert». Im «Taratata», wo sonst Ski­hasen und Skirammler Party feiern, taucht erneut Meisterbratschist Tamestit auf, spielt Györgi Ligeti, Mozart, Fauré und Bartók. 50 Gäste haben Freude an dem musikalischen Spass, am Folgetag geht es um 11 Uhr weiter.

Janine Jansen und Antonio Pappano im Festivalzelt.

Janine Jansen und Antonio Pappano im Festivalzelt.

Bild: Janosh Ourtilane

Diese Dichte an Konzerten gibt es nicht etwa bloss am Wochenende, sondern täglich – und dazwischen locken drei Gratiskonzerte plus öffentliche Meisterkurse mit Klassiklegenden. Verbier zeigt vor: So geht Festival, so «spielt» man verrückt.

Kleingeister monieren, dass kaum Neue Musik gespielt werde. Doch ist es nicht schon ein Wunder, dass auf 1600 Meter über Meer Mozart aufgeführt und ein, wenn nicht in der Deutschweiz, so doch weltweit bekanntes Stelldichein der Klassik gefeiert wird? Ein «WEF der Klassik» wollte Engstroem einst gründen. 2021 sieht es nicht rosig aus, aber 2022 und spätestens 2023 zum 30. Festivaljubiläum und seinem 70. Geburtstag wird wieder auf die Pauke gehauen.

Peter Brabeck, Ignazio Cassis und Operndirektoren im Saal

Ein abgesagtes oder umgewandeltes Sinfoniekonzert ist bei dieser Fülle verkraftbar, auch wenn es der Moment ist, wo sich die illustre Festivalgemeinde täglich zum Stelldichein trifft. Bei der Operngala suchte Ioan Holender, ehemaliger Direktor der Wiener Staatsoper, seinen Platz, Peter Brabeck, Ex-Nestlé-CEO, in Turnschuhen und das Hemd über der Hose tragend, hat Zeit für einen Schwatz.

Bundesrat Ignazio Cassis ist drei Tage lang hier, und am Mittwoch sitzen die Weltmeistercellisten Mischa Maisky und Steven Isserlis im Saal, derweil Genfs Operndirektor Aviel Cahn um 22 Uhr im «Taratata» auftaucht und sein Covid-Leid klagt: «Ohne Impfpflicht für Orchester und Chor kann ich im Herbst für nichts garantieren.» Eröffnen will er am 13.9. mit Prokofjews «Krieg und Frieden».

Davon werden wir bald sprechen, jetzt aber gilt es, den Festspielsommer zu meistern – und das Glück zu geniessen.

Verbier Festival: Bis 1. August
Menuhin Festival: Bis 4. September

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