Kolumne

Sprachliche Moden und Marotten: Wie Veganer unsere Sprache manipulieren

Ernährungsfragen werden mit dem Eifer geführt, der in religiösen Debatten verloren ging.(Symbolbild)

Ernährungsfragen werden mit dem Eifer geführt, der in religiösen Debatten verloren ging.(Symbolbild)

Unser Kolumnist Pedro Lenz erklärt, weshalb Ernährungsfragen heute mit dem Eifer geführt werden, der in religiösen Debatten verloren ging.

Es gehört zu den sinnreichen Eigenarten der menschlichen Sprache, dass sie uns die Möglichkeit schenkt, die Wirklichkeit nach unseren Wünschen abzubilden. Dank der reichhaltigen Auswahl an Begriffen sind wir zum Beispiel nicht gezwungen, die Scheisse jedes Mal Scheisse zu nennen. Wir können feinere Wörter wie Kot verwenden und so tun, als gehe es beim Stuhlgang um eine mehr oder weniger geruchsneutrale Angelegenheit.

In früheren Zeiten gab es jede Menge Umschreibungen für problematische Begriffe des religiösen Sprachgebrauchs. Denen, die sich etwa davor fürchteten, den Teufel bei seinem Namen zu nennen, standen Dutzende Ausweichnamen zur Verfügung. Heute, da die Furcht vor dem Teufel und der Ekel vor Fäkalsprache abgenommen haben, muss die Sprache in anderen Lebensbereichen beschönigend eingreifen. Etwa in der Ernährung. Ernährungsfragen werden mit dem Eifer geführt, der in religiösen Debatten verloren ging.

Nehmen wir beispielsweise die Milch, die während Jahrhunderten von Säugetieren für Säugetiere produziert wurde. Lange durfte Milch als etwas Gesundes angesehen werden. Milch bedurfte keiner sprachlichen Nachbesserung. Milch war einfach Milch. Komplizierter wurde es erst, als immer mehr Menschen mit Lust auf Milch begannen, sich vegan zu ernähren.

Selbst die frischeste, gesündeste und natürlichste Alpwiesenmilch ist per Definition nicht vegan. Also geraten Leute, die in ihrem Morgenkaffee oder in ihrem Haferflockenfrühstück nicht auf Milch verzichten, aber gleichzeitig keine tierischen Produkte zu sich nehmen mögen, ins Dilemma. Das ist durch die Sprache zu lösen. Dem veganen Milchdilemma begegnet die Sprache der Gegenwart, indem sie jede weisse Flüssigkeit, die über komplizierte chemische Prozesse einer beliebigen Pflanze entnommen und abgefüllt wird, als Milch bezeichnet.

Es ist ein bisschen wie bei Kindern, die sich darauf einigen, ihr Dorfbach sei der Mississippi. Man macht einfach ab, jeden weissen Saft pflanzlichen Ursprungs Milch zu nennen und so zu tun, als sei es wirklich Milch. Diese Säfte heissen im Einzelfall Reismilch oder Mandelmilch. Ihre einzige Ähnlichkeit mit dem, was man früher Milch nannte, ist die Farbe.

Würde man auf eine Reismilchflasche schreiben: «Inhalt dieser Flasche ist ein durch energieverschwendende chemische Prozesse in komplizierten industriellen Verfahren aus Reiskörnern gewonnener Saft milchweisser Farbe und milchähnlicher Konsistenz», käme kein Mensch auf die Idee, so etwas zu trinken.

Mit dem gleichen Willen zur Beschönigung werden heute Schuhe, deren Obermaterial aus plastifizierten vietnamesischen Hightech-Kunstfasern besteht, nicht mehr Kunstlederschuhe genannt. Die aufgeklärte Menschheit nennt Kunstleder inzwischen veganes Leder.

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