Zu Besuch in der Schweiz

Stargeiger David Garrett: «Ich bin kein Freund von Plan B»

In der Musik mag er keine Grenzen: Stargeiger und Bandleader David Garrett.

Nach monatelanger Krankheitspause ist Stargeiger David Garrett wieder auf Tour. Mit seiner Jubiläums-Show «Unlimited» macht er Halt in der Schweiz.

Seine millionenteure Stradivari liegt offen auf dem Tisch, als ich den Raum betrete. Doch von David Garrett keine Spur. Er mache eine kurze Pause, erklärt mir die Assistentin. Kein Wunder, bei dem Interview-Marathon, den der 38-jährige Stargeiger absolviert. David Garrett ging schon immer aufs Ganze, wie er im Gespräch erzählt.

Sie haben 3 Millionen Alben verkauft, Ihre neue Tour heisst «Unlimited». Existieren für Sie keine Grenzen?

David Garrett: Bei mir hat musikalisch eine Art Grenzüberschreitung stattgefunden. Wenn man sich die letzten zehn Alben anguckt, die Tourneen, die ich gemacht habe mit Klassik, Crossover, Filmmusik, R ’n’ B, Pop, Rock. Entsprechend fand ich diesen Titel für meine Jubiläumstour s ansprechend. Aber natürlich gibt es im Leben Grenzen, auch körperliche.

Sie sprechen von Ihrem Bandscheibenvorfall.

Ich musste letztes Jahr mehrere Monate pausieren, weil ich keine Operation wollte. Rückblickend war das auch eine schöne Zeit. Ich bin zum ersten Mal seit langem nicht gereist, bin zur Ruhe gekommen, da ich nur Physiotherapie gemacht und Rückenmuskulatur aufgebaut habe.

Ihr Mutter erzählte in einem Interview über Sie, als Kind hätten Sie zum Zirkus gewollt .

Ich wollte viele Sachen als Kind. Nur, dass ich Musiker werden will, habe ich nie gesagt (lacht).

Als Sie den Bandscheibenvorfall hatten, haben Sie sich da einen Plan B überlegt?

Nein, ich bin kein Freund von Plan B, sicher nicht. Weil in dem Moment, wo du einen Plan B hast, bist du nicht mehr mit vollem Herzen bei Plan A.

Helene Fischer möchte mit ihrer Musik den Menschen Liebe und ein gutes Gefühl vermitteln. Was möchten Sie vermitteln?

Emotionen spielen eine ganz grosse Rolle. Dass man als Künstler versucht, die Menschen ihren Alltag, der für viele schwierig ist, vergessen zu lassen. Und dafür gebe ich natürlich alles. Nicht nur in der Musik. Auch die Produktion muss zur Musik passen, damit das Publikum Freude empfindet, Emotionen empfindet .

Damit es abtauchen kann?

Genau. Es muss für die zweieinhalb Stunden eine neue Welt geschaffen werden, die Freude bereitet.

Geht es nur um Freude? Beethovens Musik sucht oft den Weg vom Dunkeln ins Licht, arbeitet sich an schwierigen Themen ab ...

Naja, was heisst schwierige Themen? Zum Leben gehören sicher die dramatischen Momente wie die leichten. Es geht nicht nur um Spass. Es geht auch ums Reflektieren. Vielleicht ist das ein bisschen der klassische Musiker, der bei mir durchscheint. Auch für die Dramaturgie einer Show ist es spannend, die Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit zu finden – gerade bei meinem Instrument.

Paganini hat einmal gesagt, man muss stark empfinden, um bei den Zuhörern auch Empfinden wecken zu können.

Absolut! Du musst das Leben kennen. Du musst eine emotionale Bandbreite aus dem Leben mitbringen und daraus schöpfen. Sonst kannst du nicht eintauchen in etwas, das wahnsinnig traurig oder dramatisch ist – oder im umgekehrten Fall, das Freude ist. Das Leben ist die Basis, aus der du dir die kreative Energie und Emotion holst. Woher sonst?

War das ein Grund, dass Sie mit 19 ausgebrochen sind aus dem Weg, den Ihre Eltern für Sie...

(unterbricht) Ausgebrochen hört sich immer so rebellisch an. Ich bin studieren gegangen nach New York. Wenn Rebellion heisst zu studieren, dann wünsche ich vielen jungen Menschen heute Rebellion.

Sie sind immerhin auf einen anderen Kontinent gezogen.

Klar, ich fand das unheimlich spannend, diese Option, an der Juilliard School, der begehrtesten und berühmtesten Musikschule, zu studieren und noch dazu mit einem der besten Geiger der Welt, Itzhak Perlman, arbeiten zu können. Er hatte gerade zu unterrichten angefangen, ich war einer von nur vier Studenten. Er hatte also richtig viel Zeit für mich. Das war schon eine grosse Ehre.

Was haben Sie damals gelernt?

Es war eine musikalische Entwicklung über das Geigenspiel hinaus, mit Kompositionslehre und mit drei grossartigen Mitstudenten bei Perlman, Jungs wie Ilya Gringolts, die alle hoch talentiert waren. Was ich heute bin, wäre nicht möglich ohne das fundierte Studieren damals.

War New York auch eine Option, Ihr eigenes Leben zu leben?

Ja. Ein Befreiungsschlag von den Eltern, die natürlich sehr intensiv Zeit mit mir verbracht haben – gerade weil die Geige ein Instrument ist, das viel Zeit in Anspruch nimmt. Sich mental und geografisch ein bisschen zu entfernen, war sicher der richtige Schritt.

Dieses Jahr jubilieren Sie über zehn Jahre Bühnenpräsenz mit Ihrer Band, die aus lauter Jungs besteht. Sogar die Berliner und die Wiener Philharmoniker holen jetzt Frauen an Bord, weshalb Sie nicht?

Um Gottes willen, es ist niemand ausgeschlossen! Ich muss fairerweise sagen, dass sich die Band peu à peu zusammengestellt hat, und ich wollte, dass sie sich untereinander verstehen. Ehrlich: Wenn sich damals eine tolle Gitarristin vorgestellt hätte, würde die mit Sicherheit bei mir spielen. Und wir haben ja auch Mädchen, die auf der Bühne sitzen im Orchester.

Sie haben ein Image wie ein Popstar. Popstars halten Diät, müssen täglich ins Fitness.

Diät halte ich nicht. Aber ich schaue, dass ich Sport mache und vernünftig esse. Diät ist für mich der Verzicht auf etwas. Verzichten tue ich nicht, aber ich entscheide bewusst, was ich esse. Das hat mit körperlichem Wohlbefinden zu tun. Ich versuche sozusagen, meinem Motor Energie zuzufügen, statt ihn träge zu machen.

In einem Interview haben Sie gesagt, dass Sie die Minibar in Ihrem Hotelzimmer ausräumen lassen.

Wir kennen alle den Moment, wo man nachts nicht einschlafen kann, wo man nach dem Konzert mehr Adrenalin im Körper hat. Dann sitzt man da, das Netflix ist an, da lacht einen die Toblerone doch irgendwann an. Um diesem Moment vorzubeugen, lasse ich die Süssigkeiten aus der Minibar räumen.

Stichwort Hotel: Sie sind acht bis neun Monate pro Jahr unterwegs. Fühlt man sich da manchmal wie ein Alien?

Ich weiss nicht, wie Aliens sich fühlen. Da ist der Vergleich schwierig ...

Wie auf einem fremden Planeten?

Es gibt Momente, wo man mit Jetlag irgendwo in Asien oder in Südamerika ankommt, an Orten mit einer grossen Zeitverschiebung, und wo man sich tatsächlich fragt: Wie viel Uhr haben wir jetzt, und in welcher Stadt sind wir? Nur glaube ich nicht, dass das mit Aliens zu vergleichen ist.

Auf der Tour «Unlimited live» spielen Sie fast nur Cover-Versionen. Dabei haben Sie auch Komposition studiert. Sind Covers nicht uninteressant für Sie?

Covers sind ein grosser Teil meines Repertoires. Genauso wie ich Beethoven oder Tschaikowsky spiele, habe ich mich irgendwann entschieden, die Musik, die ich privat höre, auch professionell zu interpretieren. Es ist schön, wenn man Mozart, AC/DC und Led Zeppelin spielen kann. Das ist etwas, was die Leute kennen.

Wirklich kreativ ist das aber nicht.

Das stimmt, es kommt aber auch auf die Interpretation an. Und ich hatte ja auch Projekte wie den Film «Der Teufelsgeiger» (Garrett spielte darin Paganini, Anm. der Red.), wo ich als Komponist tätig war. Die vielen Covers jetzt haben mit dem Jubiläum zu tun. Für mich geht es darum, eine Euphorie zu kreieren, wo das Publikum richtig viel Spass hat – auch, weil es die Stücke kennt. Da geht es weniger um mich.

Lustig, dass Sie das ansprechen. Bei Ihrer Show wird ein riesiger, animierter David Garrett auf die Bühne projiziert, und davor stehen winzig klein Sie. Sind Sie nur noch Rädchen im Getriebe der Marke «David Garrett»?

Klar ist es eine grosse Produktion. Bei so einer Tour beschäftigen wir über 100 Leute. Und klar steht mein Name vorne drauf. Aber ohne die Unterstützung meines Teams, das zusammen mit mir Dinge entwickelt, gäbe es auch mich nicht. Ich bin ein kleines Rädchen von vielen kleinen Rädchen dieser Maschinerie, die alle ihre Arbeit verrichten.

Hatten Sie jemals den Eindruck, etwas opfern zu müssen für die Geige?

Als Kind habe ich sicherlich für einiges keine Zeit gehabt, das als «normal» gilt. Aber ohne den Verzicht damals wäre ich nicht in der Situation, das Leben so zu geniessen und Möglichkeiten zu haben wie jetzt. Insofern ist alles richtig gelaufen. Man darf das nicht so negativ sehen. Verzicht ist ein grosser Anteil des Erfolgs.

Bei Ihnen hören viele Leute klassische Musik, die sonst andere Musik hören. Muss man Klassik einfach anders präsentieren?

Ich will nicht sagen, das müsse man so machen wie ich. Das ist etwas, was ich von allen grossen Musikerkollegen gelernt habe: Man muss seinen eigenen Weg finden, vor allem das finden, wo man sich wohlfühlt. Egal wie erfolgreich man ist oder nicht: Du bist du. Das ist die Hauptsache. Ich versuche meinen Teil dazu beizutragen, dass Menschen die klassische Musik für sich entdecken. Aber es gibt mich nur einmal. Jemand anders kann einen anderen Weg finden. Wenn er sich damit wohlfühlt, ist sein Weg genauso viel wert wie meiner.

Autorin

Anna Kardos

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