Bühne/Literatur

Süsser die Säbel nie rasseln: Warum Weihnachten dieses Jahr fest in den Händen von Räubern ist

Weihnachtszeit, Räuberzeit: Im Theater Basel wird Tomi Ungerers «Die drei Räuber» aufgeführt.

Weihnachtszeit, Räuberzeit: Im Theater Basel wird Tomi Ungerers «Die drei Räuber» aufgeführt.

Diesen Advent wimmelt es in den Kindertheatern, Familienopern und Bilderbüchern von Räubern. Doch was haben die bärtigen Banden mit dem Fest des Friedens zu tun?

Süsser die Glocken nie klingen? Stille Nacht, heilige Nacht? Zum Donnerdrummel! Dieses Jahr klingt die Vorweihnachtszeit anders, nämlich: Süsser die Säbel nie rasseln, die Pistolengürtel nie klirren, als zu der Weihnachtszeit. Weihnachtlich glänzet der Wald zwar – aber nur wegen des vielen geraubten Goldes und Silbers, das sich dort türmt.

Denn der Winterwald wird neuerdings von Räubern heimgesucht. Auch die stille Nacht kann man sich abschminken und sieht sich lieber vor, denn «In der Nacht, wenn es dunkel war, lagen sie am Wegrand auf der Lauer». So schreibt es Tomi Ungerer, und er muss es wissen, schliesslich ist er Autor und Erfinder von «Die drei Räuber».

Räuber statt Nikolaus

Den Klassiker der Kinderliteratur gibt es am Theater Basel als Weihnachtsmärchen zu sehen. Und auch am Zürcher Opernhaus steht die Weihnachtszeit im Zeichen von Räuberbanden – mit der Familienoper «Ronja Räubertochter».

Überhaupt scheinen sich Räuber neben Engeln und dem Nikolaus zu einem bevorzugten Adventsmotiv zu mausern: Im Theater Hechtplatz kann man dem bärbeissigen Räuber Hotzenplotz begegnen, und druckfrisch erschienen ist der Sammelband «Fette Beute» mit alten und neuen Räubergeschichten.

Ruppige Kerle, die andere Menschen gewaltsam um ihr Hab und Gut bringen, und das Fest der Liebe, wie passt das zusammen? «Gut», meint Psychologieprofessor Allan Guggenbühl. «Man darf nicht vergessen: Weihnachten ist auch eine Zeit der Konflikte. Es ist die Zeit, in der wir uns mit dem Menschsein und der Tiefendimension von familiären Beziehungen auseinandersetzen.»

Der Psychologe erklärt: «Auch wenn man die Familien anschaut: Zu keiner Zeit des Jahres wird so viel gestritten wie an Weihnachten.»

Konflikte passen in die Jahreszeit

Man kommt also zusammen, versammelt sich um den Weihnachtsbaum, es wird gesungen, es wird gegessen, und es gibt Krach und Konflikte. Wenn aber Konflikte zu Weihnachten gehören wie Lametta an den Weihnachtsbaum – wie weit vermag dann die lieblich-traditionelle Weihnachtsgeschichte mit dem Kind in der Krippe überhaupt noch, den Menschen heute Weihnachten zu vermitteln?

«Die Weihnachtsgeschichte beginnt zwar mit einem kleinen Kind», gibt Allan Guggenbühl zu bedenken, «aber sie endet mit einem brutalen Mord. Das ist beides präsent. Und natürlich kann man sagen: Diese Geschichte kennt man jetzt mal. Sie ist jedoch eine Grundlage unserer Kultur und drückt deren Kernwerte aus.»

Deshalb werde sie im Rahmen des Weihnachtsrituals immer gleich erzählt oder vorgespielt. «Allerdings», merkt der Psychologieprofessor an, «heisst das nicht, dass es an Weihnachten nicht auch andere Geschichten geben soll.»

Beliebte Räubergeschichten:

Neben dem Bethlehem-Stern dürfen also auch Lagerfeuer leuchten, statt auf dem Feld bei den Hirten dürfen die Geschichten in dunklen Wäldern spielen und Ochs und Esel neuerdings Gesellschaft erhalten von ruppigen Männern, die nichts Gutes im Schilde führen – womit wir schnurstracks wieder bei den Konflikten wären.

Aber nur keine Berührungsängste! Denn laut Allan Guggenbühl sind Dilemmas ohnehin eines der wichtigsten Bestandteile von kindlichem Spiel – und genauso von Kinderliteratur. Es stimmt: Ohne die böse Königin wäre Schneewittchen lediglich eine hübsche Haushälterin von sieben Zwergen.

Robin Hood ohne den Sheriff von Nottingham ein idealistischer Waldbewohner in Strumpfhosen, und selbst die Räuberkinder Ronja und Birk würden ohne die Feindschaft ihrer Väter in der Mattisburg Eile mit Weile spielen, statt im Wald mit Druden und Unterirdischen Abenteuer zu erleben.

Dilemmas sind also das Öl im Getriebe der Geschichten, sie sind die Funken, welche die Geschichten erst zünden. Dabei stecken sie oft ein Spannungsfeld von Gut bis Böse ab, das die Kinder durch die Geschichten erleben und erproben.

Auf der einen Seite des Spannungsfeldes reihen sich adrett Polizisten, Eltern und Grossmütter, als Vertreter von Anstand und Sitte. Am anderen Ende der Skala tummeln sich die Räuber. Ob es sich um den rüpelhaft-komischen Hotzenplotz von Otfried Preussler handelt, den sagenumwobenen Robin Hood, die schwarzbehüteten drei Räuber von Tomi Ungerer oder die mutigen Naturkinder Ronja und Dirk. Sie alle sind seit den 1970er-Jahren beliebte Figuren der Kinderliteratur.

Vielleicht weil sie sich nehmen, was sie wollen; auf Regeln pfeifen; dreinhauen, sobald sie nicht einverstanden sind, Fluchen und vor allem ihren körperlichen Vorgängen geräuschvoll freien Lauf lassen.

Man könnte sie als Horrorszenario jedes Erziehungsversuches bezeichnen – oder als Personifikationen des kleinkindlichen, triebgesteuerten Zustandes. Allan Guggenbühl erklärt: «Erziehung heisst ja Anpassung an Werte und Umgangsformen, die man internalisiert. Aber dadurch verschwinden andere Vorstellungen natürlich nicht.»

Das Unanständige ausleben

Wenn also in den Kindergeschichten ein Räuber pistolenschüttelnd hinter dem Gebüsch hervorspringt, mag er zwar Reisende und Reiche ausrauben, aber – har! har! – den Kindern, die gebannt der Geschichte lauschen, schenkt er dafür etwas: Eine Freikarte in sein Reich, wo Seife und Shampoo niemals Zugang haben und sowieso andere Regeln gelten – wenn es denn überhaupt welche gibt.

«Es ist schön, einfach mal tun zu können, was man will», erklärt Allan Guggenbühl. «Dass man rülpst, dass man doof tut; sich Sachen nimmt, ohne zu fragen.» Das seien Wünsche, die trotz der Erziehung latent vorhanden sind, befindet er. Und ein Räuber repräsentiere diese Wünsche. Guggenbühl fügt hinzu: «Es ist eine grosse Leistung, dass man sie fiktiv auslebt und nicht in der Realität. Das ist eine grossartige Eigenschaft des Menschen: Er kann seine Schattenseiten in der Fiktion ausleben, damit er es in seinem realen Verhalten nicht tun muss.»

Das ist der Grund dafür, dass auch Erwachsene gern Krimis lesen und man schon den kleinsten Kindern ohne schlechtes Gewissen Räubergeschichten erzählt. Erst recht, weil darin ein Sieg des Guten am Ende so sicher ist wie das Amen in der Kirche beziehungsweise das Himmelarschundzwirn in der Räuberhöhle.

Deshalb schaffen Räubergeschichten keine Identifikation mit dem Bösen, sondern sind letzten Endes moralische Geschichten – selbst «wenn man sich für dieses Erleben zunächst ein Stück weit mit dem Räuber identifizieren muss», so Allan Guggenbühl.

Dass sie in Kindergeschichten klammheimlich die Erzieherrolle untergejubelt bekommen – darob würde sich wohl manch ein Räuberhauptmann fluchend die Barthaare raufen. Aber immer schön locker bleiben, Herr Räuber! Schliesslich sind Sie selbst gerade dabei, dem Samichlaus seine Rolle als weihnachtlicher Vertreter für Erziehungsfragen zu stehlen.

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