Vor der Kulisse altehrwürdiger Bauernhäuser aus Richterswil ZH und Uesslingen TG bekommen die Zuschauerinnen und Zuschauer einen Mix aus Alt und Neu zu sehen. Ein Teil der Schauspieler trägt Kleider aus dem 19. Jahrhundert, in dem Gottfried Keller seine zum Zyklus "Die Leute von Seldwyla" gehörende Novelle schrieb.

Es gibt auch zahlreiche Szenen, in denen man sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlt. Etwa dann, wenn die zwei in einen erbitterten Streit geratenen Bauern Manz und Marti einander mit Gabeln Mist aufs Grundstück werfen.

Anderseits tritt ein Teil der Schauspieler in modernen Kleidern auf und fährt auf einem Chilbiwagen zu elektronischer Musik herum. Und wenn Keller den verarmten Manz in Seldwyla im Originaltext eine kleine Wirtschaft übernehmen lässt, zieht der alternde Bauer auf dem Ballenberg am Steuer eines VW Golf einen fahrbaren Imbissstand aufs Spielgelände.

Viel stärker als im Original fokussiert Autor Heinz Stalder in seiner Adaptation der Keller-Novelle zudem auf all die Figuren, welche Manz und Marti vollends in den Ruin treiben: ein Anwalt, ein Immobilienmakler, eine Anlageberaterin und ein Viehhändler.

Ein Stück auch über Abzocker

Zum Jubiläum der 25. Inszenierung entschieden sich die Ballenberger Theaterleute, dasselbe Stück wie anlässlich der ersten Aufführung von 1991 zu wählen, eben "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Die Idee dazu hatte einer der Gründer des Vereins Landschaftstheater Ballenberg, Paul Eggenschwiler.

Der 72-jährige Brienzer Theaterfan sagt in einem Gespräch mit Keystone-SDA, genau in den Figuren, die die Bauern bedrängen, zeige sich die auch heute noch vorhandene Aktualität des Keller-Stücks. "Das sind Abzocker und Spekulanten. Gutsituierte betrügen Minderbemittelte - und unter der Not leiden die Kinder."

Die diesjährige "Romeo und Julia"-Inszenierung sei "komplett anders" als jene des Jahrs 1991, sagt der gelernte Zimmermann und frühere Flugplatzangestellte weiter. Damals seien die gut 300 Zuschauer mit den Schauspielern noch von einem Spielort zum anderen gezogen. "Heute, bei gut 700 Zuschauern, ist das nicht mehr möglich."

Eggenschwiler spielt zum 18. Mal auf dem Ballenberg mit und war auch 1991 dabei. In der aktuellen Inszenierung gibt er den Bauern Manz, den Vater von Salomon (Sali). Sali und die Tochter des mit Manz verfeindeten Marti, das Vreneli, verlieben sich ineinander und sehen am Schluss den Ausweg nur noch im Tod - wie bei Shakespeare.

Herausfordernd an seiner Rolle sei, den Manz auch als Mann zu zeigen, der nicht nur tobt und zürnt, sagt Eggenschwiler. Manz sei einer, der auch seine gute Seiten hätte. Dass das Landschaftstheater Ballenberg ein Keller-Stück zeigt, liegt auch daran, dass sich am 19. Juli der Geburtstag des Zürcher Autors zum 200. Mal jährt.

Zwei Profis und fast 40 Laien

Das Publikum verdankte am Mittwochabend die aktualisierte Keller-Inszenierung unter der Regie von Andreas Zimmermann mit einem starken Applaus.

Wie immer sind die meisten der rund 40 Schauspieler Laien - so wie Eggenschwiler, der allerdings auf eine lange Theaterkarriere zurückblicken kann, auch schon selber Regie führte und im Schweizer Film "Das Fähnlein der sieben Aufrechten" auftrat.

Zwei Profis treten auf: Aline Beetschen als Vreneli und Saladin Dellers als Sali. Bis zum 17. August wird das Stück noch 26 Mal gespielt.

http://www.landschaftstheater-ballenberg.ch