Theater
In Basel parodiert das Theater die Kunstwelt – ein Wagnis mit Fallhöhe

Mit «The Square» knüpft sich das neue Ensemble des Theater Basel die Kunstwelt vor. Herausgekommen sind überraschende Bilder und ein Theaterabend, der unter diskursivem Übergewicht leidet.

Mathias Balzer
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«The Square» Inszenierung von Tom Kühnel, Theater Basel.

«The Square» Inszenierung von Tom Kühnel, Theater Basel.

Maurice Korbel / bz Zeitung für die Region

Eigentlich eine gute Idee zum Start einer neuen Theaterära in Basel: Das Scheinwerferlicht auf die Kunst richten. Sie kommt in Basel, was die Ausstrahlung der Stadt anbelangt, gleich nach der Chemie. Die Museen sind weltbekannt, das Mäzenatentum ebenso. Und dann ist da noch die Art Basel, Mutter aller globalisierten Kunstevents, die Jahr für Jahr das bunt-schräge Gefolge des Kunstzirkusses in die Stadt spült.

Regisseur Tom Kühnel, die Dramaturgin Angela Osthoff und die Bühnenbildnerin Constanze Kümmel haben als Grundlage für ihre Kunstrecherche den Film «The Square» gewählt. 2017 gewann der schwedische Regisseur Ruben Östlund damit die Goldene Palme in Cannes. Die Story um den tiefen Fall des Chefkurators Christian begeisterte die Filmkritik. Die NZZ etwa schrieb: «Die kompromisslose Radikalität im Blick auf den Kunstbetrieb und dessen Akteure offenbart das brüchige Fundament unseres westlichen Wertekanons.»

Kurator Christian lanciert ein vielversprechendes Projekt: «The Square», ein auf einen öffentlichen Platz gemaltes Quadrat, soll der Kunst ihre Relevanz in der Öffentlichkeit zurückgeben. Jeder, der das Quadrat betritt, soll dort soziale Verantwortung übernehmen. Das Kunstwerk wird zur Zufluchtsstätte, wo Achtsamkeit und Vertrauen herrschen sollen.

Das Quadrat ist Bild und Bühne zugleich.

Das Quadrat ist Bild und Bühne zugleich.

Maurice Korbel / bz Zeitung für die Region

Das Experiment läuft jedoch aus dem Ruder. Eine missglückte PR-Aktion sorgt für einen Shitstorm und die Entlassung des Kurators. Gleichzeitig verstrickt sich dieser in seine rassistischen Vorurteile, als ihm von Migranten Portemonnaie und Handy geklaut werden. Er, der sich mit humanistischen Idealen der Kunst schmückt, ist selbst nur ein allzumenschlicher Mann, der sich kaum mehr an die Namen seiner zahllosen Geliebten erinnern kann. Eine Figur, an der sich die Widersprüche zwischen kulturellen Idealen und der Wirklichkeit trefflich aufzeigen lassen. Das Theaterstück «The Square» will aber mehr als das.

Diskurs und Parodie anstelle echter Sehnsucht

Das neonumrandete Quadrat, mal als Bild- und Projektionsfläche, mal als Bühne eingesetzt, ist die Plattform, auf und vor der die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler zu einem gewagten Experiment starten. Beinah jede der Szenen, entlang derer die Geschichte von Kurator Christian nur sehr bruchstückhaft erzählt wird, ist ein Zitat aus der Kunst- und Performancegeschichte: Becketts «Square», Marina Abramovics «The Artist is present», Bruce Naumanns sexbessesene Neonfiguren, Jenny Holzers monumentale Schriftzüge, Hugo Balls Dada-Rüstung, Yves Kleins Body Paintings, Pipilotti Rists Videowelt, Gilbert & Georges Tanzeinlagen, Jospeh Beuys' Endlosdiskussionen: Dies alles und mehr verweben Regisseur Kühnel und sein Ensemble zum Hintergrund, vor dem sich das Drama des Kurators abspielt.

Eingestreut in diesen Reigen sind Versatzstücke aus dem aktuellen Kunstdiskurs: Postkolonialismus, das Prinzip des Readymades, die Unmöglichkeit echter Politisierung der Kunst, Cancel Culture und – ganz ortsspezifisch – Basels Bettler-Debatte. Die Diskurse werden teilweise als Originalzitate historischer Aufnahmen eingespielt, die Schauspieler mimen Play-back. Die zentrale These: Längst haben im Kunstbetrieb die Marketingfachfrauen übernommen.

Figuren aus der Kunstgeschichte führen Debatten über die Kunst.

Figuren aus der Kunstgeschichte führen Debatten über die Kunst.

Maurice Korbel / bz Zeitung für die Region

Der Reigen skizziert eine steile These: Künstlerinnen und Künstler und mit ihnen das ganze Personal im Kunstbetrieb wollen vor allem eines: Aufmerksamkeit um jeden Preis. Wirklich politische Kunst gibt es nicht, weil es das Echte im Falschen nicht gibt. Am Ende ist Kunst nur noch schriller Karneval.

Wer regelmässig Museen besucht, weiss, dass dem glücklicherweise nicht so ist. Kühnel entwirft zum Schluss ein Bild der Sehnsucht nach Gefühl und Wahrhaftigkeit: Kurator Christian singt Schuberts «An die Musik». Dazu senkt sich Caspar David Friedrichs «Mönch am Meer» über die Szene. Vielleicht wäre diese Sehnsucht die interessantere Grundlage für einen Theaterabend über Kunst als die diskursive Parodie.

«The Square», bis 20. Juni, www.theater-basel.ch.

Auch Marina Abramovics «The Arist is present» wird zitiert.

Auch Marina Abramovics «The Arist is present» wird zitiert.

Maurice Korbel / bz Zeitung für die Region