THEATER
Theater zu, Film ab: Das Theater Marie revolutioniert das Theatermachen in Zeiten der Pandemie

Das Theater Marie hat mit «Schleifpunkt» den Mehrwert einer Nichtaufführung erkannt: Entstanden ist aus dem Stück der Hausautorin des Theater St. Gallen, Maria Ursprung, eine Inszenierung in Form eines Films. Er kann nun bis Ende Mai über die Plattform Spectyou gestreamt werden.

Flavia Bonanomi
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Theater als Filmexperiment in der Winkelwiese Zürich.

Theater als Filmexperiment in der Winkelwiese Zürich.

Bild: Jos Schmid

Es fällt sofort auf: Die digitale Inszenierung «Schleifpunkt» in Koproduktion mit dem Theater St. Gallen, der Bühne Aarau und dem Theater Winkelwiese Zürich büsst gegenüber der Liveaufführung nichts an Intensität und Unmittelbarkeit ein. Ohne dass eine Bühne und ein Publikumsraum physisch vorhanden sind, erzählen Regisseur Olivier Keller und das Theater Marie eine Geschichte über einen Unfall, der ganz ungeahnte Folgen hat.

Obwohl das Stück «Schleifpunkt», geschrieben von er Hausautorin des Theater St. Gallen, Maria Ursprung, als Film umgesetzt ist, wurde nicht schlichtweg eine Theateraufführung abgefilmt, sondern ein gänzlich neuer Raum entdeckt, geformt und eröffnet. Dabei ist unabdingbar, den bekannten Raum nicht einfach zu imitieren, sondern bewusst mit dem neuen Raum zu spielen.

Die Kontaktaufnahme mit dem Publikum gelingt

Für die Spielerinnen und Spieler bedeutet das etwa, direkt in die Kamera zu blicken, anstatt sich gegenseitig anzuschauen, um die direkte Verbindung zwischen Publikum und Schauspielenden herzustellen. Dadurch sind die Schauspielerinnen und Schauspieler im Schnitt auch mal alleine zu sehen, obwohl sie sich in einer Konversation be­finden, oder sprechen zwar, machen aber im Bild etwas anderes.

Die erzählte Geschichte hat dagegen sehr viel mit direktem Körperkontakt zu tun: Die Fahrlehrerin Renate (Diana Dengler) fährt eine Frau (Judith Cuénod) an, als sie mit ihrer erwachsenen Tochter (Tabea Buser) im Auto unterwegs ist. Die Entscheidung, die sie daraufhin trifft, verändert ihr sonst unaufgeregtes und kontrolliertes Leben: Die Frau scheint sie bis in jede Ecke ihres Lebens zu verfolgen und stellt die Beziehungen zu ihrer Tochter und dem Polizisten (Matthias Albold), welcher schon lange gerne mit ihr ausgehen würde, auf die Probe.

Trotz der physischen Distanz ist man den Darstellerinnen und Darstellern dabei beinahe näher als im Theaterraum. Das liegt einerseits an der Intimität des eigenen Wohnzimmers – andererseits an der Tatsache, dass man die einzige Person ist, die angeschaut wird, wenn die Darstellerinnen und Darsteller direkt in die Kamera schauen. Es wirkt so, als wäre dieses Spiel für einen selbst aufgenommen, dieser Film für einen höchstpersönlich gedreht worden.

Das Theater geht einen einzigartigen Weg

Nicht nur der Film zeugt von den herrschenden Umständen, auch das Begleitprogramm ist ganz darauf angepasst: Vor der Premiere findet live ein digitaler Salon statt, in welchem über den einzigartigen Weg, den das Stück unter den gegenwärtigen Umständen gehen musste, diskutiert wird. Auch ältere Salon-Aufzeichnungen kann man sich auf der Website anschauen; so erhält man Einblicke in die Probenarbeit oder kann an einem Gespräch mit der Autorin des Stücks, Maria Ursprung, welche ab 2022 Teil des Leitungsteams des Theater Marie sein wird, teilhaben. Das Bonusmaterial ist auf einer ansprechenden Seite geordnet dargestellt. Den Film kann man sich dort einen Monat lang anschauen, wann es einem passt – und nicht «nur» an einigen bestimmten Abenden zu einer bestimmten Zeit. Trotzdem: Ins Theater zu gehen, ist natürlich etwas anderes. Aber dem Theater Marie gelingt es, statt einer Trostlösung aus der Not eine Tugend zu machen.

«Schleifpunkt». Theaterstück von Maria Ursprung, erzählt für Bildschirm und Kopfhörer. Regie. Olivier Keller. Der Stream kann via spectyou.com zwischen dem 21.4.–21.5. abgerufen werden. Die Dernière mit Publikumsgespräch findet am 21.5. live in der Bühne Aarau statt.