Kultur

Überblick über das Kunstjahr 2020: Berühmte Männer – spannende Frauen

Die Pionierin ist in Bern zu sehen: Lee Krasner, Palingenesis, 1971.

Die Pionierin ist in Bern zu sehen: Lee Krasner, Palingenesis, 1971.

Die Highlights in den Deutschschweizer Museen 2020. Künstlerinnen von gestern und heute garantieren dieses Jahr für Entdeckungen.

Das Kunsthaus Zürich eröffnet nächste Woche mit einem Chlapf das neue Kunstjahr. Mit der weiträumigen Lichtinstallation von Olafur Eliasson, 53, liefert es uns ein bis ins Frühjahr dauerndes Neujahrsfeuerwerk. Für den zweiten Chlapf sorgt die Fondation Beyeler in Riehen: Mit Kunstmarktliebling Edward Hopper (1882–1967) und seinen süffig-melancholischen Landschaften. Dass die ersten Schlagzeilen im Schweizer Kunstjahr diesen beiden Häusern gelten, ist symptomatisch: Sie verbuchen am meisten Besucher und sind zum Erfolg verdammt – vor allem das Zürcher Kunsthaus, das vor der Eröffnung seiner Erweiterung wieder bessere Publikumszahlen generieren muss.

Neue statt Alte Meister

Es passt zum Zeitgeist, dass beide Häuser mit Künstlern aus dem 20. und 21. Jahrhundert punkten wollen. Die Impressionisten wurden in den letzten Jahrzehnten rauf und runter dekliniert, Picasso in allen Facetten gezeigt und die Alten Meister sind kaum mehr ausleihbar... Wobei das Kunstmuseum Basel mit Rembrandts Orient, Beyeler mit Goya und das Kunstmuseum Winterthur mit dem biedermeierlichen Carl Spitzweg 2020 für Glanzlichter sorgen.

Generell zelebriert man gerne grosse Namen. Vor allem männliche. Selbst die Kunsthalle Zürich – eigentlich für Aktuelles bekannt – setzt mit Gilbert & George, dem Urduo der fotografischen Selbstinszenierung, auf Klassiker.

Künstlerinnen aus der Versenkung und der Gegenwart

Es sei hier aber deutlich gesagt: Die Zeiten, als die Museen für die Männer ­reserviert schienen, sind vorbei. Aktuell gelten Künstlerinnen – selbst auf dem Kunstmarkt – als die interessanteren Positionen. Gender-Nachholbedarf gibt es trotzdem: in der Vergangenheit. Das Kunsthaus Zürich holt Ottilie W. Roederstein (1859–1937) aus der Versenkung, die zu Lebzeiten äusserst ­erfolgreich malte, aber – wie so viele Künstlerinnen – schon kurz nach ihrem Tod in die Vergessenheit spediert wurde. Beyeler rückt grosse Porträtistinnen (wieder) ins Bewusstsein, das Kunstmuseum Basel die Collagistin Charmion von Wiegand (1896–1983).

Wird in Zürich aus der Versenkung geholt: Ottilie W. Roederstein, Selbstbildnis, 1917.

Wird in Zürich aus der Versenkung geholt: Ottilie W. Roederstein, Selbstbildnis, 1917.

Welch eine Freude, kann das Zentrum Paul Klee dank einer internationalen Kooperation die grosse Übersicht zu Lee Krasner (1908–1984) zeigen. Die Pionierin des abstrakten Expressionismus erfährt so endlich die ihr gebührende Beachtung. Eine Ausnahmeerscheinung war die Naturheilerin Emma Kunz (1892–1963). Ihre Pendelzeichnungen, gegengeschnitten mit aktueller Kunst im Aargauer Kunsthaus, versprechen neue Erkenntnisse. Im Kunstmuseum St.Gallen ist Geta Brătescu zu sehen: die genuine Zeichnerin und rumänische Konzeptkünstlerin der ersten Stunde, die vor zwei Jahren, 92-jährig, gestorben ist.

Oft muss frau 90 werden

Teruko Yokoi bekommt in Bern, wo sie seit Jahrzehnten wohnt, mit 95 eine Retrospektive, und Erica Pedretti, 90, ist in Chur zu sehen. 91 wird die in ­Rumänien geborene, dann in Israel, Frankreich und nun in Italien lebende Marion Baruch. Das Kunstmuseum Luzern spiegelt entlang ihres Werkes die grossen Themen des 20. Jahrhunderts.

Mit 95 Jahren endlich im Museum ihrer Berner Wahlheimat: Teruko Yokoi, Ohne Titel, 1958.

Mit 95 Jahren endlich im Museum ihrer Berner Wahlheimat: Teruko Yokoi, Ohne Titel, 1958.

All diese Künstlerinnen – endlich – zu würdigen, ist wichtig. Doch ebenso wichtig ist es, gut repräsentierte Künstlerinnen nicht aus den Augen zu verlieren. Das Kunstmuseum Basel fokussiert auf die frühen skulpturalen Arbeiten von Isa Genzken, 72, und das Kunsthaus Baselland auf neue Arbeiten von Marlene McCarty, 62. Ja, auf die mit den frechen feministischen Kugelschreiberzeichnungen.

Jung und Frau ist in

Und wo bleiben die jungen Künstlerinnen? Sind nicht sie en vogue? Doch, und wie! In Bregenz ist Bunny Rogers zu sehen, im Pasquart Biel Kapwangi Kiwanga, in Chur die Fotografin Marianne Engel, in Langenthal Céline Manz mit einer künstlerischen Forschungsarbeit über Frauenkunst und Maëlle Gross mit einem bildnerischen Essay über Motorradfahrerinnen. Gespannt sein darf man, was Siobhán Hapaska in der Lokremise St.Gallen anrichtet, auf Christine Streulis neue ­Malereien in Thun, auf Skulpturen von Ludovica Carbotta in Chur oder was sich die trickreiche Kathrin Sonntag für Solothurn ausdenkt.

Bei den aktuellen Künstlerinnen heisst es: Hinfahren, schauen – denn anders als bei den berühmten Grossen kann man das Werk noch nicht in Büchern oder im Netz sehen. Das entsteht aus dem Heute für uns. Gut möglich also, dass wir Ende Jahr eine von ihnen als den grossen Chlapf von 2020 beurteilen. Oder eine der thematischen Ausstellungen, die stets unberechen­bare Wundertüten sind.

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