Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine vor zwei Wochen ist das Thema grad brandaktuell: Was geht in einem Mensch vor, der zum Suizid bereit ist? Für einen gesunden Menschen ist es wohl kaum nachvollziehbar. Doch die Sterbehilfe-Debatte lehrt, es gibt auch rationale Gründe, die den Freitod (selbstverständlich ohne andere dabei zu schädigen) rechtfertigen. Selbstbestimmt aus dem Leben zu gehen wird da als Errungenschaft gewertet.

In der Literatur hat das Topos des Freitods bereits eine lange Geschichte, man denke nur an Shakespeares «Romeo und Julia» oder Goethes «Werther». Kompliziert sind die Geschichten immer, so auch in Stefan Zweigs einzigem vollendeten Roman «Ungeduld des Herzens», der dem Musik-Theaterkollektiv Teekesselchen als Vorlage diente. Nach einer wahren Geschichte beschreibt Zweig, wie ein gelähmtes Mädchen falsches Mitleid satt hat und sich an einen jungen Offizier klammert, der ihr scheinbar echte, einfühlsame Aufmerksamkeit entgegenbringt und ihre Hoffnung auf Genesung weckt. In Wirklichkeit berauscht sich der Offizier aber nur an seiner Machtposition und zerstört die Hoffnungen des Mädchens, woraufhin sie tief enttäuscht in den Freitod geht.

Collagenartiges Libretto

Schwere Kost, die in dem Musik-Theater «Ungeduld» durch ein subtiles Zusammenspiel aus Sprache und Klängen in ein allgemeines Sinnieren über Identität, Selbstbestimmung und Abhängigkeit übersetzt wird. Die grosse dramatische Geste lassen die jungen Künstler wohlüberlegt in der Mottenkiste. Mit- hilfe eines collagenartigen Librettos, dem Gina Mattiello Teile aus Texten von Elisabeth von Samsinow und Elfriede Jelinek beigemischt hat, machen sie den Roman-Stoff gegenwartstauglich. Der Kopf der Truppe, der Komponist und Medienkünstler Leo Hofmann, sah genau das als Ziel: «Ich wollte nicht einfach zeitgenössische Lyrik mit zeitgenössischen musikalischen Mitteln vertonen. Das wäre, als würde man einen Scheinwerfer mit einem Scheinwerfer anleuchten. Ich habe bewusst die Fallhöhe zu diesem vielleicht etwas altbackenen Buch von 1939 gesucht.»

Die elektronischen Klänge, die er gemeinsam mit den Komponisten Lukas Huber und Jannik Giger dafür gefunden hat, sind metallisch-geräuschhaft und meist sehr fein im Hintergrund. Im ersten Drittel gibt es eine längere, rein musikalische Passage, die mit dichten, atmosphärischen Klangflächen eine melancholische, unsichere Stimmung erzeugt. Gemeinsam mit Huber steuert Hofmann die Elektronik live auf der Bühne. Die Klänge wirken wie ein unscharfes Schwarz-Weiss-Foto, wie ein Nebel, hinter dem undeutliche Umrisse hervortreten: sonderbar und experimentell, aber stimmungsvoll. Im Vordergrund des einstündigen Stücks steht jedoch das Spiel mit Stimme und Sprache, das die beiden Protagonisten Gina Mattiello und Oliver Stein ausführen. Im Wechsel von akustischen und verstärkten Stimmen, scheinen sie mal von fern zu schreien, mal von ganz nah zu flüstern.

Existenzielle Fragen

Die Bühne ist erbarmungslos. Das gelähmte Mädchen in einen Apparat eingespannt, der ihre Beine über dem Boden baumeln lässt. Sie wirkt meist naiv oder verzweifelt; der Offizier hingegen linkisch. Der Ausgang der Handlung ist von Anfang an klar, die Entwicklung der dramatischen Figuren scheint weniger wichtig. Vielmehr steht die musikalische und szenische Interpretation der Stimmen im Vordergrund, die das Stück zu einem gelungenen, unaufdringlichen Musik-Theater-Abend macht mit existenzialistischen Fragestellungen à la «Wieso bin das ich?». Die Antwort muss wohl jeder selbst herausfinden.