Klassik

Unterricht bei Prof. Dr. Kumpel

Dieter Ammann erklärt dem Cellisten, dass es nicht immer auf Genauigkeit ankommt.Stefan Deuber / LUCERNE FESTIVAL

Dieter Ammann erklärt dem Cellisten, dass es nicht immer auf Genauigkeit ankommt.Stefan Deuber / LUCERNE FESTIVAL

An der Lucerne Festival Academy coacht Dieter Ammann junge Musiker – mit allen Mitteln der Freundschaft

Der Flipflop am Fuss des Cellisten wippt im Takt. Wie als Gummi gewordene Erinnerung an den sonnigen Spätsommer samt Vierwaldstättersee vor dem Fenster. Denn drinnen, im Pavillon der Musikhochschule, herrscht Hochkonzentration – und das grosse Zählen, das bei Neuer Musik unumgänglich ist, da ein fühlbares Metrum oft fehlt. Stattdessen schlägt Vincent Kozlowskys Dirigierstab in Präzisionsarbeit Tempokoordinaten in die Luft. Die Schläge kommen an: Geigen und Bratsche beginnen fast unhörbar gläserne Flageoletts zu tupfen, und die Cellistin wiederholt in eisigem Ponticelloklang den immer selben Tonschritt. Er klingt wie aufgeregtes Herzklopfen.

Ob es sich mit dem Herzklopfen der hier versammelten jungen Musiker, jungen Dirigenten und ebenso jungen Komponisten deckt? Sie sind aus der ganzen Welt angereist zur Lucerne Festival Academy, einem einzigartigen Format, gegründet von Komponistenlegende Pierre Boulez. Ein Format, das Neue Musik in sämtlichen Facetten ihrer Entstehung begleitet: von der Arbeit an der Komposition über die adäquate Interpretation durch einen Dirigenten und deren klingendem Ergebnis durch hervorragende Instrumentalisten.

Begleitet und betreut wird dieser Entstehungsprozess von der Generation derer, die wissen, wie Komponieren heute geht: Wolfgang Rihm, Dieter Ammann und Michel van der Aa. Es sind grosse Namen einer zeitgenössischen Musik, die von einem breiteren Publikum auch gehört wird. Bessere Aushängeschilder für «brandneue Musik» (O-Ton Dieter Ammann) gibt es kaum. Und so verwundert nicht, dass die Festival Academy in Sachen Street Credibility die Nase vorn hat.

«Hey guys», unterbricht Dieter Ammann gerade drei räumlich weit voneinander entfernt im Saal spielende Blechbläser. «Ich weiss, wie doof es für Bläser ist, abzubrechen, aber hört mal aufeinander, ob euer Glissando zusammen endet.» «Sorry», kontert Posaunist Kevin sichtlich gereizt durch den Luzerner Saal des KKL. «Aber solange ich spiele, kann ich die andern auf diese Distanz nicht hören.» «Du hast recht», lenkt Dieter Ammann kollegial ein. «Wie wär’s, wenn du zu ihnen rüber schaust und wartest, bis du siehst, dass sie fertig sind?» «Gute Idee», lenkt Kevin nun sichtlich versöhnlicher ein.

Proben unter Hochdruck

Dennoch. Der Druck, der auf den jungen Musikern lastet, ist fast mit Händen greifbar. Die Probezeit ist eng getaktet, der nächste Tag bereits Konzerttag – und am Lucerne Festival tritt man schliesslich Tür an Tür mit Klassikstars wie den Berliner und Wiener Philharmonikern oder Altmeister Maurizio Pollini auf. «Spielen wir jetzt nur herum, oder proben wir richtig?», fragt Posaunist Kevin nach einigen Takten.

Und als Dieter Ammann einige Minuten später anmerkt: «Yeah, das wird richtig gut», spürt man, wie das musikalische Hochdruckgebiet merklich nachlässt. Die Atmosphäre entspannt sich. «Das Festival schafft hervorragende Bedingungen für die jungen Musiker», erzählt Ammann während eines Kurzstreckensprints von einem Probelokal zum nächsten zum Luzerner Saal des KKL Und meint damit nicht nur den coolen Backstagebereich im KKL, der den Musikern als inoffizielle Lounge dient, sondern auch, dass die Kompositionsseminare heuer zum ersten Mal ihre Tore fürs Publikum öffneten.

Wolfgang Rihm erkrankt

Selbst wenn Wolfgang Rihm nach der ersten Woche wegen einer akuten Erkrankung notfallmässig abreisen musste und Komponistenkollege Dieter Ammann die Instrumental-Proben nun im Alleingang bestreitet. Wobei von «Streiten» keine Rede sein kann: «Schön!», «Cool!», «Yeah», konstatiert er mitten ins Spiel der Musiker, so selbstverständlich, als sässe er in einem Jazzclub.

Ein gestandener Komponist als Kumpel. Was kann einem jungen Musiker Besseres passieren? «Heavy stuff hast du da geschrieben», raunt er gerade über seine Schulter zurück zum Komponisten Leander Ruprecht. «Es gibt nicht viele Trompeter, die das so hinkriegen würden.» Leander lächelt. Trotz seiner 17 Jahre scheint er schon ziemlich genau zu wissen, was er will. Ammann sieht das ein wenig anders: «Als Musiker fände ich es merkwürdig, dass dieses Stück den gesamten Raum einfordert, aber nur am Anfang etwas damit macht. Überleg dir, wie du Raum und Musik miteinander in Bezug setzen kannst.»

Mit flacher Hierarchie hoch hinaus

Derart substanzielle Kritik ist nichts Ungewöhnliches. Denn so flach Dieter Ammann in Sachen Hierarchie denkt, so hoch hinaus will er musikalisch. Und das nicht nur, was die Komposition, sondern auch, was die Interpretation angeht: «Hey Guys, zählt an dieser Stelle nicht, hört einfach aufeinander», ruft er den Instrumentalisten zu. «Für die musikalische Aussage ist es egal, ob ihr auf den fünften Schlag spielt oder den sechsten. Nicht egal ist aber, ob ihr zusammen seid.» Genau darum geht es nämlich in dieser Lucerne Festival Academy. Dass von unzähligen gezählten Schlägen, lange diskutierten Kompositionsideen und kaum spielbaren, kniffligen Griffen zum Schluss nur noch etwas übrig bleibt: gute Musik.

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