«Gehen wir an den See?» Unkompliziert schlägt Christina Daletska nach der Probe im Opernhaus ein Freiluftgespräch vor. Erst auf dem Rückweg fällt ihr auf, dass sie noch in den Schuhen des Kostüms steckt – die Proben waren lang: Am Abend zuvor bis 22 Uhr und dann morgens gleich weiter.

Es ist die strengste Zeit, eine Woche vor der Uraufführung von Michael Pelzls Oper «Last Call» im Opernhaus Zürich und Daletska spricht darüber, als würde sie nicht nur die vertrackte Doppelpartie von Johnny/Tarantino Muff singen, sondern wie eine Regisseurin. «Ich mag Uraufführungen, da können wir als Team kreativ sein – oder müssen manchmal sogar, um ein Stück bühnentauglicher zu machen.»

Wo sie in der ursprünglichen Fassung ein anschmiegsames Kätzchen sein sollte, wurde sie während der Proben zur «topless terrorist» (mit Schnurrbart). «Nein, die Klischee-Sängerin bin ich wohl wirklich kaum», meint sie lachend. Würde sie auch inszenieren wollen? «Ausschliessen kann ich es nicht.» Die Energie und die Ideen dazu hätte sie.

Eine Kopfsache

Der Karrierestart der fünfunddreissigjährigen, in der Ukraine geborenen Aargauerin war fulminant: Gleich Rossinis «Rosina» in der Oper Madrid, dann Auftritte in allen wichtigen Musikzentren. «Meine Agentin sagte ganz klar, erst müsse ich das klassische Repertoire wie Rossini oder Mozart singen, das für einen Mezzo zentral ist – danach könnte ich mich der zeitgenössischen Musik widmen. Das hat mich nämlich immer sehr interessiert.»

Technische Probleme, wie wenn ein Komponist sagt, dass er seine Sängerinnen etwas quälen wolle, wischt sie fast schon beiläufig weg: «90 Prozent der Schwierigkeiten sind im Kopf – und die restlichen 10 Prozent kann man mit dem Kopf bewältigen.»

Der Kopf: Das hört für die Sängerin Daletska nicht beim Kehlkopf und den für den Gesang wichtigen Resonanzräumen auf. «Ich kann und will mich nicht aufteilen in Künstlerin auf der einen und Mensch auf der anderen Seite – das gehört zusammen.

Auf Facebook postet sie immer wieder zu Menschenrechtsthemen oder Foodwaste und nutzt bei möglichst allen Auftritten auch ihr Amt als Botschafterin für Amnesty International: «Zwischen all den Selfies und Ferienfotos und im Kulturbetrieb will ich durchaus penetrant konstant dran erinnern, dass nicht alles gut läuft auf der Welt. Immer wieder, auch wenn es nur Tropfen sind.» Das kann ein Vermerk auf den Programmen sein oder ein Infostand – aber möglichst nie ohne: «Dafür muss ich manchmal sehr kämpfen. Dabei habe ich schon viel Diplomatie gelernt. Manche Veranstalter fürchten um Sponsoren.»

Kunst und Kultur sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern brauchen die Basis der Menschenrechte, davon ist Daletska überzeugt. In der Berliner Philharmonie stellte sie darum den Stand zwischen Anspielprobe und Konzert selber auf und baute ihn nach dem Konzert auch wieder ab. «Beethoven wäre heute bei Amnesty International oder Human Rights Watch – oft waren Künstler ja sensibler für soziale Ungerechtigkeit und gefährliche Veränderungen.»

Warum äussern sich dann aber gerade im Klassik-Bereich wenige zu diesen Themen? Auch Daletska kommen neben Igor Levit und Daniel Barenboim keine Namen in den Sinn, doch sie stellt die Gegenfrage: «Ist der Prozentsatz engagierter Leute in Büros höher?»

Endzeit-Oper

Dann anders: Könnte gesellschaftliches oder politisches Engagement die Karrieren beeinflussen? Daletska hatte nie diesen Eindruck. «Viele Kolleginnen und Kollegen kennen fast nur Proben, weitere Projekte und vielleicht noch ihre Familie. Das finde ich zu wenig: Wir bewegen uns doch gemeinsam in dieser Welt, die zwar langsam immer besser wird, aber doch noch weit weg ist davon, wie sie sein könnte.»

Die Endzeitoper «Last Call», die Daletska am Donnerstag mituraufführt, passt thematisch durchaus dazu. Das Ende hat sich in den Proben geändert: Vom Ausrufe- zum Fragezeichen. Die Menschheit flüchtet darin auf den Planeten Elipsonia. Würde Daletska ihr AI-Engagement dorthin mitnehmen? «Unsere Menschenrechtsprobleme gäbe es vielleicht dort nicht mehr – aber das Thema präsent halten ist sicher auf jedem Planeten gut.»

Opernhaus Zürich Uraufführung «Last Call» von Michael Pelzl, Do, 28. Juni, 19 Uhr.