«Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.» Diesen Satz von Günter Eich hat sich Urs Bitterli gewiss nicht als Lebensmotto gewählt, aber er hat ihn auf seinem Lebensweg als Lehrer, Professor, Forscher und Schriftsteller begleitet: eigenständig seinen Weg zu gehen.

Das empfand ich schon bei meiner ersten Begegnung mit dem Geschichtslehrer im Seminar Wettingen, einem, der auf seine ganz eigene Weise uns Seminaristen für Geschichte zu begeistern vermochte, klug und faktenreich, und doch mit einem Unterton von Ironie.

Auffällig schon damals seine Formulierungskunst, die didaktische Begabung, der erzählerische Impetus seines Lehrens, der Thomas Mann und Fontane näher war als dem trockenen Gelehrtenton, einem Fontane, dem das, was «marktschreierisch am Wege» stand, ebenso abging wie Urs Bitterli, der sich nie daran orientiert hat, sondern am Eigenen.

Eigenständig ist er auch seinen Weg an der Universität, in Lehre und Forschung gegangen, ganz den eigenen Intentionen und Neigungen folgend, nicht ständig auf den Markt der Meinungen schielend.

Er blieb der Geistesgeschichte verpflichtet, als die modische Sozialgeschichte mit ihren Statistiken, Kurven, Grafiken, der Historie endlich zu jener Wissenschaftlichkeit verhelfen sollte, die objektive Wahrheit verhiess.

Urs Bitterli vertraute auf das genaue Lesen von Texten, betrieb französische und deutsche Geistesgeschichte mit der ihm eigenen Sensibilität der Wahrnehmung, die ihn zu eigenständigen, auch ungewöhnlichen Resultaten führte. Hans Georg Gadamer war ihm näher als die damals modischen Denker der Frankfurter Schule.

Im Fremden das Eigene erkennen

Seine kolonialgeschichtlichen Studien liessen ihn nie vergessen, dass das auch bedeutet, im Fremden das Eigene zu erkennen, als eine Grundbewegung des menschlichen Geistes, der sich selbst nur aus dem Anderssein erfahren kann.

Nur wer über sich selbst Bescheid weiss, vermag den Andern wahrzunehmen. Eine Denkfigur, die, angesichts der Flüchtlingskrise, aktueller nicht sein könnte und anzudeuten vermag, wie sehr Urs Bitterli mit seinem ganz eigenen Weg auch Avantgarde war, in seinem Forschen, Tun und Denken.

Die Eigenständigkeit seines Weges zeigt sich auch darin, und das ist ein Aspekt, der mein Denken entscheidend beeinflusst hat, dass im Zentrum seines historischen Forschens und Lehrens nie eine abstrakte Wahrheitssuche stand, die sich in gängigen Formeln gefiel, sondern der Mensch, der Subjekt und Objekt der Geschichte ist, sie erlebt und erleidet.

Sei es der überseeische Eingeborene oder der fremde Eroberer. Bitterlis historisches Denken ist immer direkt auf den Menschen und seine Situation bezogen. Wenn ein Zeitzeuge wie der französische Auschwitz-Überlebende Georges Hyvernaud in seinem Buch «Haut und Knochen» den Historikern vorwirft, mit Statistiken, Kurven, Grafiken zu operieren und dabei den Menschen aus dem Auge zu verlieren, dann zeigt sich, wie gerade Urs Bitterli nie diesem einstmals modischen Trend verfiel, sondern eben immer den Menschen als in der Geschichte handelndes und leidendes Wesen vor Augen hatte, jenen Einzelnen, der immer gefährdet ist.

Darin ist er mehr Literat als Historiker. Und das ist er auch in seiner sprachlichen Eleganz, die an Golo Mann und J. R. von Salis erinnert. Der Blick auf den Menschen zeigte sich bei ihm nicht nur im Forschen, sondern auch im Umgang mit uns Studenten, er nahm Anteil, fragte nach, verriet Empathie und Menschlichkeit.

Urs Bitterli ist immer, auch an diesem hohen Geburtstag, ein Reisender geblieben, äusserlich und innerlich, im Abenteuer der Gedanken. Er weiss mit Fernando Pessoa: «Nie hat man so sehr gelebt, wie wenn man viel gedacht hat.»

Und er ist, ob bewusst oder unbewusst, dem eingangs schon zitierten Günter Eich gefolgt: «. . . singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet hat.» Er hat es getan, er möge es weiter tun.

Urs Faes ist im Suhrental aufgewachsen, besuchte das Seminar Wettingen, studierte und promovierte bei Urs Bitterli. Er lebt heute als freier Schriftsteller in Zürich. Zuletzt erschienen: «Sommer in Brandenburg», Roman 2014.