Fangen wir mit der guten Nachricht an: Dass Kunst und Literatur auch von Frauen geschaffen werden kann, ist heute weitgehend akzeptiert. Immerhin. Das war nicht immer so. Damit meine ich nicht das Mittelalter oder das 17., sondern auch das 20. Jahrhundert.

Im 21. Jahrhundert siehts langsam besser aus. Zur diesjährigen Biennale in Venedig lud Chefkurator Ralph Rugoff mehr Künstlerinnen als Künstler ein. Das ist eine Weltpremiere bei einer solchen Grossausstellung! 42 der 79 Eingeladenen sind Frauen.

Ein historischer Moment für die Frauen? Jein. Rugoffs Auswahl steht in der Kunstwelt nämlich singulär da. Zum Vergleich: An den Biennalen 2015 und 2017 betrug der Frauenanteil 33 respektive 35 Prozent. Das wurde nicht etwa als wenig empfunden, sondern entsprach der Norm von Grossanlässen der letzten Jahre.

Generell gilt aber – und jetzt folgt die schlechte Nachricht: Autorinnen und Künstlerinnen, Filmerinnen und Musikerinnen sind im Kulturbetrieb noch immer untervertreten, und sie verdienen im Schnitt auch schlechter als Männer. Die Zahlen der Filmförderung, die Line-ups der Open Airs, die Preise der Swiss Music Awards, die Dirigentenliste beim Lucerne Festival zeigen es.

Der Frauenstreik am 14. Juni kann – wie sein Vorgänger 1991 – einen Schub zu Gleichstellung geben. Wie damals ein Umdenken in Gang kam, welche Vorurteile und Gesetze überwunden werden mussten, ist gerade in der Kultur spannend.

Als ich Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre Germanistik und Kunstgeschichte studierte, waren Professoren, Theorie und die behandelten Werke männlich. Selbstverständlich gab es an der Uni damals Frauen: viele Studentinnen (gefühlt die Hälfte) und einige wenige schlecht bezahlte Lehrbeauftragte. Habe ich in all jenen Jahren je eine Vorlesung über eine Autorin gehört? Je etwas von Malerinnen und Bildhauerinnen gesehen? Nein!

Wie ein Mysterium erscheint mir in der Erinnerung, dass ausgerechnet im Mittelhochdeutsch, in der Literaturgeschichte des Mittelalters, mit den Mystikerinnen Hildegard von Bingen und Regina von Greiffenberg zwei Frauen erwähnt wurden. Die Pflichtlektüre in der neueren deutschen Literatur ab 1700 war (fast) frauenfrei, Schweizer Autorinnen suchte man vergebens.

Ein damals immer noch führendes Standardwerk über die Schweizer Literatur war der «Ermatinger» von 1933. Nur zwei Autorinnen erwähnte er: aus dem 14. Jahrhundert die Mystikerin Elsbeth Stagel und im 19. Jahrhundert die Kinderbuchautorin Johanna Spyri. Andere Frauen hätten nur als Freizeitvergnügen Kindergeschichten oder Briefromane verfasst.

Frauen suchen Frauen

Keine Literatinnen, keine Künstlerinnen? Nein, das wollten wir nicht glauben. In einem feministischen Zirkel (auf privater Basis) und einer einmaligen Vorlesung einer Lehrbeauftragten (von der Uni bezahlt) wurde nach Literatinnen und weiblicher Theorie gesucht. Das war so anregend neu wie aufregend – und anstrengend.

An der Uni Basel resultierten aus einem Nationalfonds-Projekt Arbeiten über schweizerische Schriftstellerinnen und 1994 eine Bibliografie, ein Buch, das 923 Autorinnen mit über 4500 literarischen Veröffentlichungen zwischen 1700 und 1945 auflistete. Was Ermatinger & Co. uns verschwiegen, war nun bewiesen! Erstmals hörten wir von der geistreichen Hortensia von Salis aus dem 17. Jahrhundert, von Ida Bindschedler, Isabella Kaiser, Cécile Ines Loos oder Ruth Blum.

Mit der neuen Frauenbewegung kam in den 70er-Jahren auch Bewegung in die Literatur. Feministische und gesellschaftliche Inhalte wurden darin mit dem Willen verknüpft, dem alles bestimmenden patriarchalischen Literaturkanon eine weibliche Sicht entgegenzuhalten.

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Die Literaturwissenschafterin Beatrice von Matt diagnostizierte später: «Der eigentliche Elan kam aus der eigenen Gegenwart, die sich eine andere Zukunft erträumte. Man rang um eine Subjektivität, die nicht von Männern definiert worden war. Dieser anderen Subjektivität stand noch keine Sprache zur Verfügung.» Autorinnen wie Gertrud Leutenegger, Erika Burkart und Gertrud Wilker fanden sie.

Starke Schwestern – so nannte frau das damals tatsächlich – fanden die Schweizerinnen in der DDR: Christa Wolf, Irmtraud Morgner und Sarah Kirsch wurden zu feministischen Leitfiguren. Die Bewunderung machte ihre Leserinnen aber schnell suspekt. Emanze zu sein, reichte schon für einen Ficheneintrag und die damit verbundenen Nachstellungen.

Ab den 80er-Jahren fanden Helen Meier, Erica Pedretti, Eveline Hasler, Adelheid Duvanel, Claudia Storz, Maja Beutler oder Laure Wyss und weitere Autorinnen begeisterte Leserinnen. Und sorgten mit ihrem Können für Anerkennung.

Für Frauen verboten

In der bildenden Kunst galt die Lehrmeinung, Künstlerinnen habe es eigentlich nicht gegeben. Das wäre ja nicht weiter verwunderlich, durften Frauen doch bis gegen 1900 keine Kunst-Akademien besuchen, das Aktzeichnen blieb ihnen teilweise bis in die 1930er-Jahre verwehrt.

Privatunterricht oder sogenannte Damenklassen waren die einzige Möglichkeit, das Handwerk zu lernen. Und doch kam die Kunstgeschichte nicht darum herum, in Nebensätzen einige herausragende Künstlerinnen zu verzeichnen: Artemisia Gentileschi (1593– 1652) in Florenz, Elisabeth Vigée-Lebrun und Adélaide Labille-Guiard im 18. Jahrhundert in Frankreich oder die europaweit berühmte Angelica Kauffmann, geboren 1741 in Chur.

In der Schweiz war den Frauen sogar die Aufnahme in Künstlerverbände verwehrt. Ferdinand Hodler, von 1912 bis 1918 Präsident der GSMBA (Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten), sagte dezidiert: «Mir wei kener Wiiber». Das Verdikt galt bis 1972.

Muse und Mutter

Den Frauen wiesen die Künstler und Kunstwissenschafter andere Rollen zu: Muse und Modell, Ehefrau und Mutter. Frauen mussten sich selber helfen. Sie gründeten 1907 die Gesellschaft Schweizerischer Malerinnen, Bildhauerinnen und Kunstgewerblerinnen (GSMBK). Margrit Gsell-Heer, Gertrud Merz oder Dora Fanny Rittmeyer waren frühe Mitglieder. Wer kennt sie heute noch? Ihre Offenheit zwischen Kunst und Kunstgewerbe war zu fortschrittlich für das männliche Beurteilungs-Schema.

Die Verbände waren nur eine Instanz, um Künstler zu portieren. Die andere Stelle ist der Bund mit seiner Kunstförderung. 1988 feierte man das 100-Jahr-Jubiläum. Beim Durchforsten des dicken Katalogs wird klar: Frauen bekamen fast kein Geld, ihre Werke wurden nur sehr selten angekauft, und die langen Teilnehmerlisten der Biennalen von Venedig und São Paulo sind fast frauenfrei. Zu finden sind darin einzig vier Künstlerinnen unter den über 300 Männern. Alice Bailly, Sophie Taeuber-Arp, Marguerite Frey-Surbek und Miriam Cahn.

Wurden Frauen in den ersten Jahrzehnten vom Bund gar nicht gefördert, so galten später auch für sie die männlichen Biografiemuster. Nur wer unter 40 Jahre alt war, durfte sich um ein Stipendium bewerben. Frauen, die beispielsweise nach einer Kinderpause wieder mit der künstlerischen Arbeit starteten, waren deshalb ausgeschlossen. Das wurde erst 2012 geändert.

Mit Mut und Wut

Künstlerinnen und Kunstwissenschafterinnen suchten in der Geschichte die vergessenen, ignorierten, totgeschwiegenen Kolleginnen. Unter dem Titel «Angelica, Anna und andere Schwestern von gestern» richtete Angela Thomas 1987 im Kunsthaus Zürich im Auftrag des Künstlerinnenverbandes GSMBK eine Ausstellung ein mit Künstlerinnen, die sie im Depot des Hauses fand.

Anna Waser entpuppte sich als eine der berühmtesten Porträtistinnen um 1700, Angelica Kauffmann als die grosse Zeitgenossin Goethes. Man sah Werke von Meret Oppenheim, Alice Bailly, Verena Loewensberg … und konnte Unbekannte entdecken, Alis Guggenheim, Marie Ellenrieder, Gertrud Escher. Einen Katalog leistete sich das Kunsthaus ausgerechnet bei dieser Ausstellung nicht.

Der Aufbruch der Künstlerinnen fand zuerst ausserhalb der Kunsthäuser statt. Diese waren in den 1980er-Jahren fest in Männerhand. Ausnahmepionierinnen waren: Erika Billeter (Lausanne), Marie-Louise Lienhard (Helmhaus Zürich), Tina Grütter (Schaffhausen) und Elisabeth Grossmann (Kunstmuseum Thurgau).

Mir als Kunstjournalistin platzte 1989 der Kragen. So belegte ich in Artikeln, dass von 1987 bis 1989 in den Museen der Deutschschweiz nur zwischen 9,4 und 13,3 Prozent der Ausstellungen Künstlerinnen galten. Andere Frauen initiierten Podien, Diskussionen und Frauenausstellungen. Die Frage nach einer weiblichen Ästhetik oder der Nutzen von Frauenausstellungen polarisierten. Sind Abgrenzungen richtig? Schaffen sie nicht wieder ein Frauenghetto?

Die grösste Arbeit leisteten die Künstlerinnen. Sie machten in den 1980er-Jahren vorwärts. Vor allem in den Neuen Medien fanden sie ein noch nicht von den Männern besetztes Terrain. Pipilotti Rist mit Videos, Hannah Villiger mit fotografischen Körperskulpturen oder Manon mit Performances sorgten für Furore.

Klaudia Schifferle spielte in der Punkband Kleenex und applizierte ihre wilde Malerei auf alles, was Farbe annahm, Miriam Cahn schuf riesige Kohlezeichnungen. Allen gemeinsam war, dass sie ihr Frausein reflektierten, ihren eigenen Körper als Material nutzten. Schonungslos, nackt, neu und grandios.

Es änderte sich, aber sehr langsam, sehr träge … Das war die Stimmung, die Wut – in der Kultur wie in der Gesellschaft –, die 1991 zum Frauenstreik führte. Die Arbeit ging danach weiter. Weltweit. Die Guerilla Girls fragten noch 1995: «Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?» Dort waren 5 Prozent der ausgestellten Künstler Frauen, aber 85 Prozent der Aktbilder stellten Frauen dar.

Beim Geld hört die Gleichheit auf

Zeigt die Biennale von Rugoff, dass die Gleichstellung erreicht ist? Theoretisch ja, praktisch nein. Viele Museen werden heute von Frauen geleitet. Und wie oft liest man: Die besten Bücher schreiben heute Frauen, die interessantesten Ausstellungen bestreiten Künstlerinnen.

Und doch, noch immer bekommen sie weniger Aufmerksamkeit und Geld, haben weniger Macht. Unter den Top Ten der einflussreichsten Kunstmenschen (ArtReview 2018) sind nur zwei Frauen, plus die #Metoo-Bewegung. Und der Unterschied in der monetären Wertschätzung ist so gross wie eh und je.

Das teuerste Werk eines lebenden Künstlers, Jeff Koons’ aufgeblasener Pudel, kostete über 90 Millionen, Jenny Savilles fantastisches Selbstbildnis «Propped», nur 12,5 Millionen Franken. Das sind die Fakten, die nur einen Schluss zulassen: Der Kampf um Gleichstellung muss im 21. Jahrhundert weitergehen.