Literatur

Vergewaltigung, Sadismus und Mord – Neuer Roman zeigt, wieso Schweigen falsch ist

Inès Bayard inszeniert in ihrem Roman ein menschliches Inferno.

Inès Bayard inszeniert in ihrem Roman ein menschliches Inferno.

Nicht jede ist so mutig wie die Aargauerin Morena Diaz, die ihre Vergewaltigung öffentlich macht. «Scham», das Romandebüt der ­Französin Inès Bayard, erzählt aus radikal weiblicher Perspektive vom Irrweg des Schweigens.

Vielleicht wird dieser Roman einmal zum Kanon der #MeToo-Bewegung. gehören. Denn er ist auch ein radikaler Akt der Aufklärung, geschrieben wie eine atemlos grausame Reportage. «Scham» lehrt, man kann es nicht genug wiederholen: Verschweigen ermöglicht es Tätern, weitere Opfer zu quälen, unterschätzt das Empathievermögen und die Loyalität der Freunde und zerfrisst in der Isolation die Opfer innerlich.

Die in dem Roman vergewaltigte Marie macht alles falsch. Sie wirft sich sogar Feigheit vor – als sie realisiert, dass ihr Peiniger wegen ihrem Schweigen ungeschoren weiter vergewaltigen wird. Ein hoch aktuelles Thema, das in den letzten Tagen gerade durch den Fall der mutigen Aargauerin Morena Diaz Aufmerksamkeit erhielt.

Schonungslos – so liest sich der hellsichtige und unbarmherzige Roman. Die 27-jährige Schriftstellerin Inès Bayard macht gleich auf den ersten zwei Seiten klar, worauf die Geschichte hinausläuft: Drei Leichen liegen auf und neben dem Esstisch. Ein Ehepaar und ihr Sohn. Rattengift.

In die sezierende Beschreibung des Todeskampfs mischt sich der schockierende Satz, die angestaute Verbitterung der ebenfalls toten Mörderin.

Denn ihr kleiner Thomas ist der Sohn ihres Vergewaltigers, des Direktors ihrer Bank. Davon war sie überzeugt. Jeden Tag wollte sie den kleinen Jungen umbringen, sie sieht in ihm nur den kleinen Doppelgänger ihres Peinigers. Ihr Ekel geht so weit, dass sie den Minipenis ihres Säuglings nicht mal waschen konnte und den Jungen verwahrlosen liess. Das Vergewal­tigungsopfer wird am Ende zur Mör­derin und Selbstmörderin. Selten hat man einen so krassen Romananfang gelesen.

Auch sie, die moderne Pariserin, ist überfordert

Was folgt, ist ein Rückblick, das Protokoll eines Untergangs bis zum bitteren Ende. Die Autorin gönnt Marie kein Entkommen aus ihrem Hass, ihrem Ekel, ihrer kompletten Entwertung.

Mit ihren Figuren zielt die Autorin auf die Schicht ihrer Leserinnen und Leser: Ein perfektes Paar um die ­dreissig in der Pariser Oberschicht. Sie lieben sich, haben einen intakten Freundeskreis, und planen nun ein Kind. Sie setzt die Pille ab. Alles wäre bereit für das perfekte Familienglück. Dann ist auf einen Schlag nichts mehr wie es war.

Dem Schock der Verge­waltigung folgt die Scham und die Angst, der Partner würde es nicht verkraften, die Polizei ihr nicht glauben. Auch sie, die moderne Pariserin, ist komplett überfordert. Innerlich erstarrt, vergisst sie auch das Nahelie­gende: Pille danach, Aids-Test. Erst Monate später, bereits hochschwanger, kommt es ihr in den Sinn, und sie ­versinkt in Selbstvorwürfen. Auch eine heimliche Abtreibung schafft sie nicht.

Sprachlich betont karg ist Bayards Aussenblick auf das Geschehen. Die unterkühlte Perspektive ist an der Litera­tur der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek geschult. Inès Bayard zitiert sie im Roman. ­Deren Grundsatz: Sich im Schreiben jede Melo­dramatik, jede Rührseligkeit verbie­ten, damit das Beschriebene des Einzelfalls wird und wie ein düsterer Zwang, wie eine zynische Gesellschaftsregel wirkt – und zu politischer Literatur wird.

Erzählerische Wucht mit ein wenig Effekthascherei

Man mag dem Roman Konstruiertheit und Effekthascherei vorwerfen. Die Anlage ist holzschnittartig, die Szenerien sind forciert: Die Vergewaltigung ist besonders sadistisch; die Verwandten und Freunde inklusive dem Ehemann sind übertrieben treuherzig und übersehen in ihrer Verzückung über die Schwangerschaft das Martyrium der Marie.

Aber die Dynamik dieser Untergangsspirale und die radikale weibliche Perspektive haben eine enorme realistische Wucht, die einen das Buch bis zur letzten Seite nicht mehr aus der Hand legen lässt. Man kann nicht anders, als es in einem Stück zu lesen.

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