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Verglichen: Rolf Lyssys Film «Die letzte Pointe» und das «Original» - sind die Parallelen blosser Zufall?

Gewisse Ähnlichkeiten von Figuren, Konstellationen und Handlungen sind zu offensichtlich.

Gewisse Ähnlichkeiten von Figuren, Konstellationen und Handlungen sind zu offensichtlich.

Die neuesten Filme von Rolf Lyssy sollen auf unfaire Weise entstanden sein. Autorin Katja Früh wundert sich über von ihr erfundene Elemente in «Die letzte Pointe». Ein Vergleich zeigt: Die Paralellen sind in der Tat verblüffend. Alles Zufall?

Der Verdacht wiegt schwer. Für Rolf Lyssys zweitletzten Film «Die letzte Pointe» soll unfairerweise bei der Autorin eines nie umgesetzten Sterbehilfefilms abgekupfert worden sein. Zu offensichtlich sind gewisse Ähnlichkeiten von Figuren, Konstellationen und Handlungen. Die Drehbuchautorin Katja Früh wirft zusammen mit dem Kabarettisten Patrick Frey dem Drehbuchautor der beiden letzten Lyssy-Filme, Dominik Bernet, vor, sich für «Die letzte Pointe» bei ihr bedient zu haben.

Der Verdacht schwelte seit Jahren. Am vergangenen Wochenende beförderte ihn ein Tweet an die Oberfläche. Anstoss war ein Artikel in der «SonntagsZeitung» über Lyssys jüngsten Film «Eden für jeden», der am Zurich Film Festival Premiere feierte. Er basiert auf dem Dokumentarfilm «Unser Garten Eden» von Mano Khalil aus dem Jahr 2010.

Khalil wurde zwar entschädigt, doch mit der Umsetzung willigte er nur widerwillig ein. Zu viele Details aus seinem Film fanden für Khalils Geschmack Einzug in der aktuellen Komödie von Lyssy. Auf Twitter solidarisierten sich die Autorin Güzin Kar und der oben genannte Patrick Frey mit Khalil (CH Media berichtete). Frey schrieb, jemand solle einmal das Drehbuch von Katja Früh lesen, um zu sehen, wie «schamlos» sich Lyssys Drehbuchautor Dominik Bernet daraus bedient habe für «Die letzte Pointe».

Genau das taten wir, nachdem ­Katja Früh uns das Drehbuch zur Verfügung stellte. Parallel dazu schauten wir uns «Die letzte Pointe» an. An ihrem Drehbuch schrieb Katja Früh bereits 2010, Bernet und Lyssy begannen später mit ihrem Projekt. Ihr Film wurde 2016 gedreht, 2017 lief er im Kino.

Diese Parallelen zwischen Film und «Original» fallen auf

Der Vergleich zwischen Frühs Drehbuch, das nie in einem Film, dafür in einer Theaterkomödie mündete, zeigt einige Auffälligkeiten. Die wichtigsten Parallelen.

  • Die lebensmüde Hauptprotagonistin hat eine Enkelin, die Musikerin ist und von ihrer Grossmutter unterstützt wird.
  • Der Sohn der Hauptprotagonistin ist wenig empathisch mit seiner Mutter und hat eine Frau, die vor allem am Geld ihrer Schwiegermutter interessiert ist.
  • Der Sterbehelfer wird zu einem Freund der Familie und verliebt sich schliesslich in die Enkelin (im Drehbuch von Früh in die Tochter).
  • Die Pointe: Die Hauptprotagonistin benötigt die Dienste der Sterbehilfeorganisation gar nicht und stirbt eines natürlichen Todes im Rahmen einer Familienzusammenkunft. Vom Rest der Familie vorerst unbemerkt.

Freunde seien auf sie zugekommen, nachdem sie vor drei Jahren den Film gesehen hätten, so Früh. Sie hätten Frühs Handschrift im Film wiedererkannt. Das könne kein Zufall sein.

Lyssy und Bernet streiten kategorisch ab, mit dem Inhalt von Frühs Drehbuch auch nur in Berührung gekommen zu sein. «Entsprechend entschieden weise ich die haltlosen Vorwürfe zurück», schreibt Bernet in einem Mail. Auf eine wiederholte Anfrage, wie die Überschneidungen anders zu erklären seien, will Bernet nicht eingehen.

Alles nur ein Zufall

Dafür ruft Rolf Lyssy an, der am Drehbuch zusammen mit Bernet schrieb. Er betont, auch für Bernet zu sprechen. Lyssy wiederholt, vom Inhalt keinen Schimmer gehabt zu haben. Auf die einzelnen Überschneidungen will Lyssy gar nicht erst eingehen. Die Parallelen der Geschichte, die Konstellationen der Figuren – alles also nur ein Zufall? «Ja», sagt Lyssy, «das gibt es.»

Stellt sich die Frage: Kam es zu einer Verletzung der Urheberrechte? Dazu brauche es mehr als ein paar übernommene Ideen, sagt der Berner Urheberrechtsexperte Thomas Tribolet auf Anfrage. Er hat den Schrebergartenfilm-­Regisseur Mano Khalil im Fall «Eden für jeden» beraten. Und erklärt:

Rechtlich liesse sich also für Früh wenig machen. Wie sie betont, gehe es ihr jedoch nicht darum, sondern um einen ethischen Aspekt. Sie weist darauf hin, dass Dominik Bernet und dessen Kollegin Claudia Puetz mit ihrem Drehbuch in Berührung gekommen seien, als sie gemeinsam an der SRF-Serie «Der Bestatter» schrieben. Früh selbst betont, Lyssy nicht Absicht zu unterstellen und sagt:

Katja Früh Regisseurin

Katja Früh Regisseurin

Ideen werden ausgetauscht, gemeinsam weiterentwickelt, verworfen: Könnte es sein, dass über den münd­lichen Austausch Ideen von Früh ins Drehbuch von Bernet und Lyssy geflossen sind? Lyssy streitet ab, Bernet hüllt sich in Schweigen, und die kontaktierte Claudia Puetz erinnert sich nicht, wer damals mit wem und wie über Sterbehilfe-Inhalte sprach.

Ein «Ja contre cœur» um der Aufträge von der SRG willen

Früh, Lyssy und Bernet sind Freunde. Eine Freundschaft, die Risse bekommt. Die eine Seite ruft «Plagiat!». Lyssys Seite ruft «Neid!». Trotz der Polemik ist die Frage natürlich berechtigt: Warum wird in alter Wäsche gewühlt; zu dem Zeitpunkt notabene, zu dem ­Lyssy für seine Filme gefeiert wird? Warum sagte Früh 2017 nichts, als sie die Überschneidungen bemerkte?

Katja Früh sagt, sie hätte die Öffentlichkeit nicht gesucht. «Doch wenn man mich danach fragt, dann antworte ich.» Sie habe sich einmal ans Schweizer Fernsehen gewandt, das Lyssys Filme mitproduzierte. «Die TV-Macher haben mir aber nicht geglaubt und meinten, dass all diese Übereinstimmungen nur Zufall seien.» Auf Anfrage antwortet SRF nicht inhaltlich zum Fall.

Urheberrechtsverhandlungen bei Filmen wie «Die letzte Pointe» und «Eden für jeden» liefen auch übers SRF. Weil Drehbuchautoren in der Schweiz auf diese Zusammenarbeit angewiesen sind, halten sie zurück mit Kritik. Das ist mit ein Grund, weshalb im Fall von «Eden für jeden» Mano Khalil doch noch Ja sagte zum Spielfilmverschnitt seines Dokufilms.

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