Kultur

Viele Aargauer Kulturhäuser machen trotz Besucher-Obergrenze weiter – Verluste nehmen sie in Kauf

Auch das Kiff in Aarau schliesst eine Wiedereröffnung nicht aus.

Auch das Kiff in Aarau schliesst eine Wiedereröffnung nicht aus.

Die wichtigen Player des Aargauer Kulturlebens wie das Kurtheater Baden oder Stapferhaus Lenzburg wollen ihr Programm auch nach dem Bundesratsbeschluss wie geplant fortsetzen. Und greifen dabei zu unkonventionellen Mitteln.

Man hatte schon befürchtet, das kulturelle Leben käme wie im März in diesen Tagen wieder komplett zum Erliegen. Dass die Kulturhäuser über Wochen ungebraucht in der Landschaft herumstehen würden. Dass man seinen Kulturkonsum nur noch vor dem Bildschirm befriedigen kann. Mit dem gestrigen Entscheid des Bundesrats, auf unbestimmte Zeit nur noch 50 Besucherinnen und Besucher an Veranstaltungen zuzulassen, bleibt immerhin etwas Spielraum. Sollte der Kanton Aargau heute die Daumenschraube für Kulturveranstaltungen nicht noch weiter anziehen, bleibt den Aargauer Kulturhäusern ein kultureller Lockdown wie in Solothurn (30 Besucher) oder Bern (15 Besucher) erspart.

Unkonventionelle Lösungen sind gefragt

Und man will diese Chance nutzen. Schon beinahe trotzig klingen die Rückmeldungen der Veranstalter. Das kulturelle Leben soll auch unter widrigen Bedingungen weitergehen. Zum Wohle der Bevölkerung.

Das gerade erst wiedereröffnete Kur­theater Baden, das bereits in abgespeckter Version seine Wiedereröffnung feiern musste, ist fest entschlossen, den Spielbetrieb fortzusetzen. «Wir wollen für die kulturelle Grundversorgung der Menschen sorgen, auch wenn das zusätzliche Kosten generiert», sagt der künstlerische Direktor Uwe Heinrichs.

Die für Donnerstag und Freitag geplanten Vorstellungen des Theaters Marie finden statt. Dazu greift man zu unkonventionellen Mitteln. «Wir werden die auf 50 Plätze beschränkten Tickets in einem Lotteriesystem auslosen», so die Verwaltungsdirektorin Lara Albanesi. Wer leer ausgeht, kriegt sein Geld zurück.

Die Bühne Aarau hat sich bis gestern Abend noch nicht definitiv entscheiden können, wie der Betrieb fortgesetzt wird. Sicher stattfinden werden die Vorstellungen «Mit der Zeit muss man gehen» (30.10.) und «Heute über morgen» (3.11.) der Gruppe Proberaum Zukunft. Theaterleiter Peter Kelting kündigt aber «einschneidende» Veränderungen an.

Besonders bitter wäre ein kultureller Lockdown für den nationalen Publikumsmagneten Stapferhaus Lenzburg gewesen, der gewöhnlich Zehntausende in seine Räume lockt. Am Sonntag wird hier die neue Ausstellung «Geschlecht. Jetzt entdecken» eröffnet. «Die geforderten Abstandsregeln können eingehalten werden, dank eines neu entwickelten digitalen Reservationstools», sagt die Kommunikationsverantwortliche Noemi Fraefel. Der Besucher reserviert sich für ein Zeitfenster ein Ticket. Das erspart ihm im besten Fall lange Wartezeiten beim Einlass. Zudem erhält jeder Besucher beim Eingang ein persönliches Desinfektionsmittel und ein Taschentuch mit auf den Rundgang.

Die Badener Kinobetreiberin, die Sterk Cine AG, hatte ihr Schutzkonzept letztes Wochenende schon verschärft und lässt sogar zwei Sitze zwischen den Besuchergruppen frei. Auch wenn man mit den aktuellen Besucherzahlen nicht «kostendeckend arbeiten» könne, wolle man Kinos als Orte, «wo Menschen geistige Zerstreuung und damit wertvolle Unterstützung für ihre Psychohygiene finden» weiter offen behalten, so Geschäftsführerin Alexandra Sterk. Das Royal Baden zieht eine Wiedereröffnung in Erwägung. Vorerst ist der Betrieb aber bis Mitte November eingestellt. Ebenso das Aarauer Kiff, das sich wegen der kantonalen Beschränkungen für Bars und Clubs schon früher zur Schliessung entschlossen hatte. «Wir werden in den nächsten Tagen prüfen, wie und ob die Veranstaltungen im Kiff weitergehen. Es werden nur kleine Veranstaltungen mit hohen finanziellen Einbussen durchführbar sein», so Geschäftsleiterin Nadia Zanchi. Die Baronessa Bar in Lenzburg hat den Betrieb bis Ende Dezember eingestellt. Schon länger hat das Nordportal Baden die Konzerte und Partys in der Halle bis Ende Jahr abgesagt. Jetzt folgen auch noch die Konzerte im Fjord. Offen ist noch ein Konzert des Bluus Club.

Weitermachen trotz finanzieller Einbussen

Das Meck in Frick und das Böröm in Oberentfelden bleiben dagegen trotz finanzieller Einbussen offen, ebenso das Salzhaus Brugg. Auch die Konservi in Seon, obwohl sie schon jetzt weiss, dass sie keinen Franken Unterstützung von Bund und Kanton bekommen wird. «Wir haben uns entschieden, trotzdem zu veranstalten, vor allem auch deshalb, weil wir die Angst der Bevölkerung durch Absagen nicht bestätigen, sondern einen Gegenpunkt setzen möchten. Langfristig können wir das aber nicht stemmen», sagt Markus Schamberger von der Konservi.

Das Künstlerhaus Boswil will die drei anstehenden Beethoven-Meisterkonzerte am Wochenende mit 50 Besuchern durchführen. Dabei werden die Gäste nach dem ursprünglichen Bestelleingang berücksichtigt. Die Besucher werden vorab informiert. «Uns ist sehr wichtig, dass diese drei Konzerte noch stattfinden können, denn die Musiker haben bereits geprobt, die Vorbereitungen sind getroffen, und wir wollen hier nicht kurzerhand den Stecker ziehen. Das wäre jammerschade», sagt Geschäftsführer Samuel Steinemann. Das weitere Vorgehen bespricht der Stiftungsrat am kommenden Montag.

Das Aargauer Literaturhaus in Lenzburg hatte schon am Montag seine Veranstaltungen bis Ende November abgesagt. «Wir mussten feststellen, dass sich immer mehr Leute wieder abmelden und auch viel weniger Leute als sonst in unsere Veranstaltungen kommen», so Literaturhausleiterin Bettina Spoerri. Der organisatorische, personelle und finanzielle Aufwand lohne sich nicht mehr.

Autor

Julia Stephan

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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