Ägypten

Vom Kinder- direkt ins Ehebett: So beugen sich junge Menschen dem Druck einer konservativen Gesellschaft

Der soziale Druck bei einer Heirat hat etwas Gewalttätiges, für Männer wie Frauen.

Der soziale Druck bei einer Heirat hat etwas Gewalttätiges, für Männer wie Frauen.

Die Welschschweizer Regisseurin Julia Bünter hat in Kairo drei Paare auf dem Weg vom Elternhaus in die Ehe gefilmt. «Fiancées» läuft am 23. Juli in den Deutschschweizer Kinos.

Mamnua. Verboten. Das ist in Ägypten so einiges, das in der Schweiz wie selbstverständlich erlaubt ist. Sex vor der Ehe. Mamnua. Sich abends allein mit dem Angetrauten treffen. Mamnua. Verhüten. Na ja, nicht gerade mamnua, aber in konservativen Kreisen verpönt. Für junge Menschen bedeutet dies, dass sie vor der Ehe keine intimen Beziehungen führen dürfen. Mamnua. Vorsichtshalber kommt der Bruder mit, wenn die Schwester ihren Verlobten trifft. Als «Anstandswauwau», wie einer von vielen Aufpasser-Brüder im Film «Fiancées» genannt wird. Er hätte an so manchem freien Abend gern was anderes gemacht, als über die Ehre seiner 23-jährigen Schwester Randa gewacht. Es gehe nicht mehr lange, vertrösten ihn die angehenden Brautleute, Randa und Abdelrahman; die Hochzeit steht kurz vor der Türe.

Kaum getraut, geht es dann vom Elternhaus direkt ins Haus des Ehemannes. Dass es für junge Ägypter in der Regel keinen Zwischenraum gibt, um sich auszuprobieren, habe sie bei diesem Thema am meisten überrascht, ja schockiert, sagt die junge Filmregisseurin Julia Bünter. Die 30-jährige Welschschweizerin hat Randa und Abdelrahman sowie zwei weitere Paare in Kairo auf dem Weg von der Verlobung zur Hochzeit – beziehungsweise zur Trennung – mit der Kamera begleitet. In einer Szene räumt die angehende Braut Randa ihre alten Kinderspielsachen in eine Kiste. «In Ägypten bist du jemandes Kind und dann jemandes Elternteil, der Übergang ist fast nahtlos. Das war schon sehr eindrücklich für mich», sagt die Regisseurin in einem Telefoninterview.

Drei Jahre hat Julia Bünter in Kairo gelebt, bis zu zwei Jahre hat sie jedes ihrer drei Paare begleitet. «Fiancées» ist ihr erster Langspiel-Dokumentarfilm. Sie und ihr Assistent seien schon fast ein Teil der Familien gewesen. Die Kamera geriet in Vergessenheit. Dank dieses vertraulichen Umgangs konnte die Regisseurin auch bei privaten Gesprächen dabei sein.

Die Grossmutter gibt eine Art Vorehekurs

Für das westliche Publikum dürften die Eheberatungsgespräche besonders pikant sein: Da sitzt Randa in einer Wohnzimmerhöhle voller Teppiche, Tücher und Vorhänge mit zwei älteren Frauen. Die eine erinnert mit ihrem weissen Käppchen und Schleier an Uriella; es würde einen nicht wundern, wenn sie gleich zur Kristallkugel griffe. Die andere trägt von Kopf bis Fuss dunkle, schwere Kleidung. Es sind Randas Grosstante und Grossmutter, die ihr eine Art Ehevorkurs geben. Weshalb sei im Ehevertrag von der «erwachsenen Jungfrau» die Rede aber nie vom «jungfräulichen Mann», fragt Randa. Sie ist für mehr Gleichberechtigung und dafür, dass die Hausarbeit aufgeteilt werden soll. Ausserdem möchte sie die ersten drei Jahre verhüten, nicht sofort Kinder haben. Doch die Grosstante findet es peinlich, wenn ein Mann den Abwasch macht. Und die Grossmutter betont, eine Ehe sei nicht zum Spass da, sondern um eine Familie zu gründen.

Das koptische, also christliche, Paar im Film wirkt aufgeklärter. Doch deren Eheberater sagt beim Traugespräch etwa dasselbe: Verhütung sei falsch. Ebenso gilt Sex vor der Ehe bei Christen wie Muslimen als verboten. Das sind in Ägypten nicht primär Fragen der Religion, sondern der Kultur. Die Frauen haben sich offenbar den Ratschlägen der Älteren gebeugt: Sie sind inzwischen Mütter.

Der soziale Druck habe etwas Gewalttätiges, für Männer wie Frauen, findet Regisseurin Julia Bünter. Es hätte noch krassere Themen gegeben. Arrangierte Ehen sind vor allem auf dem Land noch üblich; in konservativen Gegenden werden viele Mädchen genital verstümmelt; sexuelle Übergriffe sind ein weiteres grosses Problem, das gerade derzeit nach dem Fall eines seriellen Vergewaltigers auf sozialen Medien heiss läuft.

Julia Bünter wollte aber bewusst auf das allzu Schockierende verzichten. Wichtiger war ihr, dass das hiesige Publikum sich trotz Unterschieden im Anderen noch zu erkennen vermag: «In der Tat hätte ich schockierendere Dinge filmen können. Aber ich wollte recht banale Situationen aufzeigen. An ein westliches Publikum denkend wollte ich verhindern, dass die Zuschauer sich nicht mehr in den Personen und den Situationen wiedererkennen können. Ich hatte Lust, normale Begebenheiten zu filmen, sodass die Leute sich sagen können: ‹Ah, das ist ein wenig wie bei uns, diese Leute sind ein wenig wie wir.›»

Der Film hat trotz der Schwere, die auf den Protagonisten lastet, etwas Frisches, Fröhliches. Man fühlt mit den sympathischen Protagonisten, vor allem mit den jungen Frauen. Ihr Drang, sich in einer konservativen, patriarchalen Gesellschaft etwas mehr Freiheit zu erschaffen, macht Hoffnung.

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