Aus dem Moos ihres Baus
Steigen nächtlich die Dachse.


Schwarz schiesst
Aus dem Quell das Wasser hervor: trink’s!

An die Kruste drückt,
unten, die Hölle: sie lebt.


Schmücke dich finster heut Nacht. Leg dir
Pailletten aus Pechkohle um.

Und schon ist man mittendrin im nächtlichen Abenteuer. Auch in der Übersetzung entfalten die Verse der Italoschweizerin Donata Berra ihren dunklen Sog. Das Gedicht «Schwarz» ist Teil einer Auswahl, die kürzlich als zweisprachige Ausgabe in Italienisch und Deutsch erschienen ist. Titel: «Maddalena». Magdalena, die biblische Verführerin, passt gut zur erotischen Dichtkunst der Mailänderin, die heute in Bern lebt.

In ihrer Muttersprache spielt Berra virtuos mit dem Klang der Worte, die nicht selten Liebesworte sind. «Dimmelo dammelo ombra di Vico / dammelo molle morbido fico» beginnt ein Gedicht, «Sag’s mir, verrat’s mir, Schatten von Vico / gib sie mir, fruchtige, frisch-feuchte Feige».

Kunstvoll hat der auf Sizilien lebende Übersetzer Christoph Felber die Lautmalerei ins Deutsche übertragen. Dennoch: Um wie viel schmeichelnder umgarnt sie uns Italienisch! Es macht Spass, beim Lesen vom Original auf der linken zur deutschen Version auf der rechten Seite zu springen.

«Kitzle mit Wörtern mich» heisst es weiter in Berras Gedicht, «fammi i galitti delle parole». Ja, unbedingt, denkt man, und ist schon ein wenig süchtig danach.

Ein Gedicht kann man in wenigen Minuten lesen: Wie gmacht für unsere Zeit

Lyrik ist wie geschaffen für uns, zumal in unserer Situation. Die ganze Zeit über unterwegs von Zeitfenster zu Zeitfenster, haben wir gleichwohl nicht den Atem für epische Lektüren.

Ein Gedicht hingegen oder ein Stück lyrische Kurzprosa kann man in wenigen Minuten lesen – und sie wirkt maximal nach. Zudem erscheinen Gedichte meist in handlichen Bändchen, die mobilitätstauglich in jede Tasche passen.

Trotzdem hält sich das Gerücht, Lyrik sei nicht zeitgemäss und werde nur noch von einer winzigen, wirtschaftlich irrelevanten Zielgruppe nachgefragt. Neuere lyrische Formen im Bereich Spoken Word haben zwar die Lust an rhythmischer, lautmalerischer Sprache wieder geweckt, doch wie der Oberbegriff sagt, sind solche Texte vor allem zum Hören gemacht – wobei die Performance des Dichters, der Dichterin ebenso wichtig ist wie die Dichtung selbst.

Lyrik zum Lesen braucht keine Performance. Sie ist intim und verschafft auch den Lesenden Momente der Intimität mit sich selbst.

Nachklänge aus dem Engadin – gepaart mit Erinnerungen aus Honduras

Sehr intim ist die Lyrik von Luisa Famos (1930– 1974). Die mit dem Schillerpreis ausgezeichnete Autorin schrieb in Vallader, einem rätoromanischen Idiom, das beim Lesen in der zweisprachigen Ausgabe erstaunlich leicht zugänglich wird.

«Alle sind gegangen ...» beginnt das Gedicht «Gonda», Hommage an ein verlassenes Dorf der Surselva – «Tuots sun passats ...». Eine tiefe Melancholie wohnt Famos’ Gedichten inne. Der Kirchturm, die Sterne und die Schwalben; die Sehnsucht nach der Ferne und nach Gott sind Motive, die immer wieder auftauchen.

In ihrem kurzen Leben verbrachte Luisa Famos viel Zeit in ihrem Dorf Ramosch und in Honduras und Venezuela, wo sie mit ihrem Mann einige Jahre lebte. Dort hat sie das «Increschantüm» gepackt, das sprichwörtliche Heimweh der Rätoromanen.

So vergleicht sie, im Flugzeug sitzend, das «monotone Rauschen», «monoton schuschurar» einerseits mit dem Meer der Karibik, das unter ihr liegt, andererseits mit «nos En», «unserem Inn», dem heimischen Fluss, den sie verlassen hat.

Stark verwurzelt in der Landschaft des Unterengadins, fasst die Dichterin, die mit 44 Jahren an Krebs starb, auch ihr Bangen um die schwindende Lebenszeit in ein rurales Bild.

Bin ich wohl imstande
Alle Ähren
Zu lesen
Meines Feldes
Alle Garben zu binden
Für dich
Bevor die Sonne
Scheidet?

Lyrik kann auch ein philosophisches Puzzle sein

Ungleich moderner kommt die lyrische Prosa der Bernerin Li Mollet daher. Statt mit «Es war einmal ...» beginnen ihre wenigen Zeilen langen Textstücke mit konjunktivischen Formeln. «Wie wäre es ...» «Man könnte ... » oder «Jemand will jemandem ...».

Kein Wunder: Mollet ist Philosophin. Ihre Texte wägen das eine gegen das andere ab, schöpfen aus Märchen wie aus tagesaktuellen News, verdichten Gedanken zu dreizeiligen Dogmen, um sie auf der gegenüberliegenden, ansonsten leeren Seite mit einem Satzfragment gleich wieder umzustossen.

Kunst ist zu nichts nütze.
Malerei kann Leute zum Sprechen bringen.
Rot ist nicht jedermanns Farbe.
und taste mich nach Wunderblau und Jubelrot.

Man kann «und jemand winkt», das in Klagenfurt erschienene neue Bändchen von Li Mollet, chronologisch lesen – und kaum mehr aufhören damit. Oder man pickt alle rechts angeschlagenen Dreizeiler heraus, oder alle «Was wäre wenn ...»-Fragmente und fügt sie zu neuen Sinneinheiten.

So hat Li Mollet hier das Schlusswort zur Lyrik: «Man könnte der kleinen Form den Vorrang geben. Man könnte wissen, dass es viele verschiedene Perspektiven gibt, sage ich.»