Buchbesprechung

Vorsicht verlorene Seelen! Dieser Erzählband bietet sarkastischen Feminismus aus Irland

Die irische Schriftstellerin Nicole Flattery blickt mit schwarzem Humor auf ihre verstörten Figuren.

Die irische Schriftstellerin Nicole Flattery blickt mit schwarzem Humor auf ihre verstörten Figuren.

Die irische Schriftstellerin Nicole Flattery fügt acht Erzählungen zum kunstvoll-gnadenlosen Reigen eines Frauenlebens mit Totalerschöpfung. Literarisch eine Wucht!

Das ist eines jener Bücher, vor denen man sich in Acht nehmen sollte. Ausser man wolle sich ganz bewusst mit der Frage konfrontieren, warum man das Leben als eine ausweglose, lähmende Enttäuschung empfinden kann und Figuren im Leben nur immerzu «einen weiteren qualvollen Atemzug» nehmen. Denn Aufmunterung oder Zuversicht sucht man in Nicole Flatterys wuchtigem Début vergeblich.

Warum also lesen? Weil die Art, wie die junge irische Schriftstellerin erzählt, originell und kunstvoll sowie gleichzeitig präzis, hoch empfindsam und mit grandiosen Sätzen gespickt ist. Und weil man darin ein Lebensgefühl einer jungen Generation oder wenigstens von jungen Frauen erzählt bekommt, die das komplette Gegenteil verkörpern von Optimismus, Lebensfreude, Strebsamkeit, Selbstsicherheit, also den Geboten gesellschaftlich geforderter Lebenstüchtigkeit.

Das Scheitern daran war immer ein wichtiges Thema der Literatur. Spass ist der exakte Gegenpol zur Erschöpfung der Erzählfiguren, der Buchtitel «Zeig ihnen, wie man Spass hat» ist deshalb ein sarkastischer Einstieg. Das bohrende Grundgefühl ihrer weiblichen Hauptfiguren ist Überflüssigkeit, was man als literarisch-existenzialistischen Boden einer unaufdringlichen Gegenwartskritik auffassen mag.

Sie flüchten ambitionslos in die Stadt und kehren ruiniert zurück

Geprägt vom Herkunftstrauma der muffigen Provinz, von weinerlichen oder gewalttätigen Geliebten, gescheiterter Flucht in die Stadt, lustlos ab­gebrochener Bildung, Talentlosigkeit, exzessiver Selbstbeobachtung, Ab­treibungen, Suizidversuchen und Depressionen wirken Flatterys Frauen in ihrer Totalerschöpfung antriebslos, neurotisch und fatalistisch. Das zeigt schon die Vielschichtigkeit von Flat­terys acht Erzählungen.

Nicole Flattery: Zeig ihnen, wie man Spass hat. Storys. Übersetzt von Tanja Handels, Hanser Berlin, 260 Seiten.

Nicole Flattery: Zeig ihnen, wie man Spass hat. Storys. Übersetzt von Tanja Handels, Hanser Berlin, 260 Seiten.

Man kann sie gleichzeitig existenzphilosophisch, sozial­kritisch, feministisch und psychologisch lesen und deuten. Die Frauen heissen Natasha, Lucy und Angela oder einfach «die Frau», zwischendurch wird aus der Ich-Perspektive berichtet. Zwischen 14 und 41 Jahre alt sind die Hauptfiguren.

Nicole Flattery lässt sie aus der Provinz in die Stadt und an die Uni in die weinerlichen Arme eines Professors oder eines prügelnden Pornoregisseurs fliehen, enttäuscht und ruiniert zurückkehren, in New York die stumme Geliebte eines neurotischen Comedian spielen, in Paris zur Adoptivmutter werden und in der Schlussepisode als ramponierte Geschiedene reihenweise Dates in einem abgetakelten Restaurant abwickeln.

Acht Frauenfiguren fügen sich zu weiblicher Kollektiverfahrung

Immerhin: Vor dem Weltuntergang, den das Ende des Buches mit einem rosa Himmel ankündigt, schenkt uns Flattery ein paar lustige Abschiedssalven – wenn man sarkastische Dialoge schätzt. Etwa: «Meine Ex-Frau hat meinen Hund umgebracht.» Angela erwidert lakonisch, denn sie hat den Kerl nach wenigen Minuten durchschaut: «Das hatte ich mir schon gedacht», und dann: «Ich glaube, ein paar der glücklichsten Momente meines Lebens hatte ich in einem Supermarkt.»

Wenn man das Motto ernst nimmt («Schliesslich waren die Möglichkeiten einer einzelnen Frau auf der grossen, gnadenlosen Bühne begrenzt»), könnte man das Buch als feministischen Existenzialismus bezeichnen. Ein Konzept­buch ist es aber gerade nicht, sondern in erster Linie erzählerisch grossartig. Überzeugend ist die Komposition, denn die Frauenfiguren fügen sich allmählich zu einer weiblichen Kollektiv­erfahrung. Vor allem in der anspruchsvollen Zentralerzählung «Abtreibung: Eine Liebesgeschichte» verschmelzen die Figuren.

Es sind verlorene Seelen, die Watte in die Ohren stecken, um die Wirklichkeit auf Abstand zu halten, und sich mit sarkastischen Sprüchen selbst betrügen: «Armut war etwas für Frauen, die keine sanften gesellschaftlichen Anpassungen vornehmen konnten», wird etwa der Studentinnenjob als Gelegenheitsprostituierte zynisch legitimiert. «Ich hatte längst alle Bemühungen aufgegeben», sagt eine Figur stellvertretend für alle Frauenfiguren. Einzig auf den weichen Teppichen ihrer temporären Geliebten liegend, finden sie zu einem Zustand wie in einem «ruhigen Flug.»

Wenn man die surrealen Momente und die immerzu diskreten Andeutungen, das Verweigern einfacher Psychologie und die schrille Figurenvielfalt in den Erzählungen dazuzählt, muss man sagen: Zweimal lesen lohnt sich – auch dank der hervorragenden Übersetzung von Tanja Handels.

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Autor

Hansruedi Kugler

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