Überraschung! Nach Jahrzehnten kehrt Disney mit «Rapunzel – Neu Verföhnt» wieder zurück zur klassischen Märchenverfilmung. Schon die letztjährige Produktion «Küss den Frosch» basierte auf einem bekannten Märchen der Brüder Grimm, war jedoch unkonventionell umgesetzt.

Beim Küssen des Froschkönigs ging etwas gehörig schief: In der Folge verbrachten die beiden Hauptfiguren den grössten Teil des Films nicht in menschlicher Gestalt. Der Film spielte im New Orleans der 1920er-Jahre, hatte zum ersten Mal in Disneys Geschichte eine Protagonistin mit dunkler Hautfarbe. Bei Tiana, so hiess sie, kam die grosse Liebe auf der Prioritätenliste erst nach dem Traum vom eigenen Restaurant.

Den Prinzen erst mal k.o. schlagen

Ein totaler Kontrast zum neuen Film «Rapunzel»: Hier geht es um eine Prinzessin, wie sie im Märchenbuch steht. Ihr Prinz Eugene, der genau genommen gar keiner ist, ist ein geldgeiler Dieb, ein Bad Boy, der als Waisenjunge gross wurde.

Warum produziert Disney jetzt wieder einen Märchenfilm? Nathan Greno, Regisseur des Films, sagt dazu: «Das Publikum denkt, es wisse, was es von einem Film wie ‹Rapunzel› zu erwarten habe. Wir haben diese Erwartungen auf den Kopf gestellt, um einen Film zu machen, der relevant, frisch und anders ist.» Tatsächlich:

Rapunzel will Welt erobern

Wo in Disneys «Dornröschen» von 1959 die Prinzessin noch auf die grosse Liebe wartete, ist Rapunzel 2010 zwar eine Gefangene, aber alles andere als eine Jungfer in Nöten. Sie will endlich die Welt erobern und raus aus dem häuslichen Alltag. Ihre Bratpfanne benutzt sie, um Eugene erst einmal k.o. zu schlagen, als er in ihrem Turm auftaucht.

Er greift daraufhin zu ziemlich femininen Waffen: Mit einem James-Dean-Blick will er Rapunzel betören – was sie überhaupt nicht beeindruckt. Hier ist der Prinz das Fräulein und sie gibt die Spielregeln durch. Einmal draussen in der für Rapunzel unbekannten Welt, erschrickt sie zwar erst einmal über ihren eigenen Mut, paukt sich und Eugene dann aber aus einigen brenzligen Situationen raus.

Nahe dem Grimm-Märchen

Der in 3-D, aber mit typischer Disney-Optik umgesetzte Film strotzt in der ersten Hälfte vor witzigen und actionreichen Szenen. Es ist ein Film übers Erwachsenwerden und die Abnabelung von zu Hause, mit starken psychologischen Metaphern und damit trotz des neuen Ansatzes nahe an Grimms Märchen, in denen die Geschichte nie für sich selber steht. «Verfolge deine Träume!» «Lass dir nicht einreden, du seist zu schwach!» «Wage Neues!» – das sind die Aussagen von «Rapunzel».

«Die weibliche Kraft ist das vorherrschende Thema des Films», sagt die US-Schauspielerin Mandy Moore, die in der Originalversion Rapunzel die Stimme leiht. «Rapunzel ist viel stärker, als sie selbst realisiert.»

Prinzessinnen als Rollenvorbilder

Dem Aufruhr nach zu urteilen, den die Hochzeit von Prinz William mit Kate verursacht, oder dem Erfolg von Kinderprodukten wie Prinzessin Lillifee sind Prinzessinnen auch im Miley-Cyrus- und Lady-Gaga-Zeitalter noch Identifikationsfiguren für das weibliche Geschlecht.

Prinzessinnen sind etwas Besonderes, sind – zumindest im Märchen – die Schönsten und Liebsten von allen. Doch ist es gut, wenn sich Mädchen über diese Attribute mit einer Figur identifizieren?

Dagmar Pauli, Chefärztin am Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Universitätsspital Zürich: «Wenn es nur das ist, fehlt tatsächlich etwas», sagt sie. «Mädchen brauchen auch mutige und starke Rollenvorbilder wie Pippi Langstrumpf oder die kluge Hermine aus ‹Harry Potter›.

Kitschige Szenen

In dieser Hinsicht taugt das traditionelle Rollenverhalten der Prinzessin, die vom Prinz gerettet werden muss, als Modell für unsere Gesellschaft nicht mehr ganz.» Genau dieses Modell wird von Disney im «Rapunzel»-Film auch auf den Kopf gestellt. Das alte Rollenmodell, entweder hübsch und passiv oder hässlich und aktiv, wird aufgelöst und am Schluss ist auch die Schönheit unwichtig. Die Prinzessinnen haben sich auch bei Disney emanzipiert, die alten Zöpfe wurden abgeschnitten.

Wie in allen Disney-Klassikern gibt es in «Rapunzel» auch wunderbar romantische bis kitschige Szenen. Zuletzt geht es nicht mehr um Unabhängigkeit, sondern doch wieder um die grosse Liebe. Für Dagmar Pauli eine positive Wendung: «Die Aussage, dass ein Mann eine Frau auch lieben kann, wenn sie ihm ebenbürtig oder in manchen Situationen sogar überlegen ist, finde ich sehr gut.»

Disneys letzte Märchenverfilmung

«Rapunzel», der 50. abendfüllende Disney-Film, wird auf ungewisse Zeit die letzte Märchenverfilmung der traditionsreichen Produktionsfirma sein. «Filme und Genres gehen mit der Zeit», sagte Ed Catmull, Chef der Pixar Animation Studios und zusammen mit John Lasseter Leiter der Disney- Animationsfilme. «Vielleicht kommen Märchen eines Tages zurück, wenn sie jemand aus einer frischen Perspektive erzählt.

Aber wir haben keine neuen Musicals oder Märchenverfilmungen geplant.» Märchen sprechen vor allem Mädchen an, das engt den Markt wohl unnötig ein. Schade – immerhin war Disneys erster Langfilm «Schneewittchen und die sieben Zwerge» (1937). Ob das Märchenschloss als Disney-Logo nun ausgedient hat?

Rapunzel – Neu Verföhnt (3-D) (USA 2010) 91 Min. Regie: Nathan Greno, Byron Howard. Ab 9. Dezember im Kino.