Leonard Bernstein: Weit mehr als die «West Side Story»

Er prägte als Dirigent und Komponist die Musik des 20. Jahrhunderts. Zum 100. Geburtstag ist vieles von Leonard Bernstein wieder zu entdecken.

Rolf App
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Undatierte Aufnahme des amerikanischen Dirigenten, Komponisten und Pianisten Leonard Bernstein (1918-1990). (KEYSTONE/Str)

Undatierte Aufnahme des amerikanischen Dirigenten, Komponisten und Pianisten Leonard Bernstein (1918-1990). (KEYSTONE/Str)

Jahrestage sind immer eine Gelegenheit, das Werk eines Künstlers neu zu besichtigen – oder neu zu hören. Im Falle von Leonard Bernstein, der am 25. August 1918 in Lawrence, Massachusetts, zur Welt gekommen ist und am 14. Oktober 1990 starb, kann man dies tun, indem man zu den unzähligen Aufnahmen greift, die er als Dirigent oder auch als Pianist hinterlassen hat. Dirigieren, das war für ihn «fast wie eine Droge», sagt seine Tochter Jamie, die zusammen mit ihren Geschwistern Nina und Alexander Bernsteins Erbe hütet.

Diese Droge hat er auf Tourneen rund um den Erdball und in der Arbeit mit vielen Orchestern genossen. Zum Beispiel mit dem Orchestre National de France, mit dem er Berlioz’ «Symphonie fantastique» und «Harold en Italie», ausserdem Werke von Milhaud, Schumann Rachmaninow und Ravel aufgenommen hat. Eine Box mit 7 CDs vermittelt auch einen Einblick in Bernsteins Probenarbeit, die er in charmantem Französisch absolviert hat. Noch ein zweiter Ausflug ins französische Repertoire ist gerade auf CD erschienen: Drei CDs mit Georges Bizet «Carmen», mit Marilyn Horne in der Titelrolle.

«Jede Aufführung war völlig anders»

Auch für seine Begleiter war Leonard Bernstein eine faszinierende Erfahrung. «Jede Aufführung war völlig anders», erinnert der Pianist Krystian Zimerman sich an ausgedehnte Tourneen. «Das kleinste Etwas, das ihn emotional berührte, fand sofort einen Weg in seine Interpretation.» Damals hat Zimerman zum 70. Geburtstag ihres Schöpfers «Age of Anxiety» gespielt, Bernsteins zweite Sinfonie, die eine Kombination von Klavierkonzert und Sinfonie ist. Und die er jetzt mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle neu eingespielt hat.

Da entfaltet sich ein faszinierender Dialog zwischen Klavier und Orchester. Zwei wichtige Elemente von Bernsteins kompositorischem Schaffen werden hörbar: Dass er zeitlebens dem Tonalen verhaftet blieb, und dass er es über alles liebte, Stile zu mischen. Denn Amerika, das war für ihn nicht nur ein Schmelztiegel der Völker, sondern auch ein Schmelztiegel der Musik.

Eine grosse Box mit vielen Entdeckungen

Komponieren und Dirigieren standen immer ein wenig in Konkurrenz zueinander. Denn das Dirigieren raubte Bernstein jene Zeit, die er zum Komponieren gebraucht hätte. Dennoch hat dieser Rastlose ein ausserordentlich reiches Werk hervorgebracht, das die Deutsche Grammophon in einer Box auf 26 CDs und drei DVDs dokumentiert. Man kann da wunderschöne Entdeckungen machen. Etwa «Trouble in Tahiti», eine kurze Oper aus den 50er-Jahren. Oder die eindringlichen «Chichester Psalms», den Liederzyklus «Songfest», eine Hymne an die Heimat. Und - neben den Musicals - die grossen Werke: «Mass», die Opern «A Quiet Place» oder «Candide», über die ihr Regisseur sagte: «Es war, als hätten sich Rossini und Cole Porter zusammengetan, um Wagners Götterdämmerung neu zu arrangieren.»

Bernstein hat davon geträumt, die grosse amerikanische Oper zu schaffen. Vielleicht aber ist das Musical «West Side Story» diese grosse Oper. Jedenfalls hat Bernstein sie mit Opernsängern eingespielt. Eine DVD zeigt, wie Bernstein das gemacht hat, und zwei CDs das Resultat.