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Wenn Disney-Filme auch schwul werden: So viel Zündstoff wie in einer Tischbombe

Schau mir in die Augen, Kleiner: In «Beauty and the Beast» sprühen zwischen Dorf-Macho Gaston (Luke Evans, links) und LeFou (Josh Gad) die Funken. Disney

Schau mir in die Augen, Kleiner: In «Beauty and the Beast» sprühen zwischen Dorf-Macho Gaston (Luke Evans, links) und LeFou (Josh Gad) die Funken. Disney

In «Beauty and the Beast» ist Disneys erste schwule Filmfigur zu sehen. Einige Kinos weigern sich deshalb, den Film zu zeigen. Regisseur Bill Condon und Darsteller Luke Evans über ihr gezieltes Spiel mit Rollenklischees

Noch vor Kinostart ist der neue Disneyfilm «Beauty and the Beast» von einer Kontroverse eingeholt worden. Ein Boykott-Aufruf im Internet hat über 120 000 Unterschriften gesammelt, russische Kinos geben den Familienfilm erst ab 16 Jahren frei und Spielstätten in Malaysia und im US-Bundesstaat Alabama haben ihn sogar ganz aus dem Programm gekippt.

Stein des Anstosses war ein Kommentar von Regisseur Bill Condon gewesen, der im Vorfeld der Filmpremiere einen «exklusiven homosexuellen Moment» in seinem Film anpries. Die Macher der Online-Petition glauben darin «eine schädliche sexuelle Propaganda» zu erkennen, die «in Kinderfilmen nichts verloren» habe. Gesehen hatten sie «Beauty and the Beast» allerdings noch nicht.

Beauty and the Beast – Official Trailer

Beauty and the Beast – Official Trailer

Heute startet der Disneyfilm offiziell im Kino. Die «anstössige» Szene sieht so aus: Ober-Macho Gaston (gespielt von Luke Evans) sitzt in einer Kneipe und lässt seine Vorzüge von seinem Handlanger LeFou (Josh Gad) anpreisen. Dieser singt wie bereits 1991 in der Trickfilmversion: «Wer ist schick wie Gaston, wer ist flink wie Gaston, wessen Hals ist so unglaublich dick wie Gastons …» Neu ist, dass LeFou dabei Gastons Schultern massiert, auf dessen Schoss sitzt und schliesslich Gastons Arme um sich wirft. Dann fragt LeFou (wohl auch uns Zuschauer): «Too much?» – und grinst.

Filmteam hält Ball flach

Zu viel? Keineswegs. In dieser Szene steckt etwa so viel Zündstoff wie in einer Tischbombe an Silvester. Im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» in London hält das «Beauty and the Beast»-Filmteam den Ball entsprechend flach. «Ich glaube, LeFou ist gar nicht bewusst, dass er in Gaston verliebt ist», sagt Gaston-Darsteller Luke Evans. «Er hofft einzig, dass Gastons Sternenstaub eines Tages auf ihn runterrieselt.» LeFou sei aber schon jene Figur, die für den neuen Film am stärksten verändert wurde.

Der Vorschlag, LeFous Rolle umzuschreiben, sei von Darsteller Josh Gad gekommen, erzählt Bill Condon: «Dass LeFou während des Filmverlaufs einen Wandel durchläuft und plötzlich Selbstzweifel hat, war Joshs Idee. Dadurch gerät die Filmfigur in eine Art Gefühlschaos. An manchen Tagen möchte LeFou wie Gaston sein, an anderen möchte er mit Gaston zusammen sein.» Der Regisseur lacht.

Wer den Trickfilm «Die Schöne und das Biest» von 1991 kennt, weiss: Gaston und LeFou sind ein unzertrennliches Duo, das unterschiedlicher nicht sein könnte: Hier der selbstverliebte Muskelprotz, der die schöne Belle zu erobern gedenkt, dort der gnomartige Kauz, der sich ständig in Lobhudeleien hineinsteigert. Sie sind ein ulkiges Duo wie Dick und Doof – oder, findet Luke Evans, wie Donald Trump und sein Sprecher Sean Spicer. Das satirische Potenzial, das darin steckt, wollten sich die Macher des neuen Kinofilms auf keinen Fall entgehen lassen.

Rollenklischees unterwandert

So erzählt US-Regisseur Condon, er habe in der Beziehung der beiden Filmfiguren eine Art Rollenspiel erkannt. «Gaston repräsentiert eine Art Hyper-Maskulinität, die LeFou mit seiner Art unterwandert. Gaston möchte lieber nicht zu fest überlegen, weshalb er LeFous Aufmerksamkeit derart geniesst.» Solche Rollenklischees gegeneinander auszuspielen, habe dem Regisseur, der wie Darsteller Luke Evans offen homosexuell ist, grossen Spass bereitet.

LeFou als Disneys ersten homosexuellen Filmhelden abzufeiern, sei aber nie das Ziel des Filmteams gewesen. «LeFou massiert zwar Gastons Ego, Schultern, Füsse und weiss Gott was sonst noch», sagt Schauspieler Luke Evans. «Er merkt dann aber auch, dass Gaston viele schlechte Entscheidungen trifft und vielleicht gar nicht so heldenhaft ist, wie LeFou jahrelang gedacht hat. Vielleicht glaubt er sogar, er könne Gaston zum Besseren bekehren.»

Der neue Kinofilm leiste vor allem eines, sind seine Macher überzeugt: Er verwandelt die schablonenhafte Trickfilmfigur aus den Neunzigern in einen Menschen aus Fleisch und Blut.

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