White & Siegenthaler

Wenn Industrie auf Kunst trifft: Das Ehepaar White & Siegenthaler haucht rostigem Stahl neues Leben ein

Das Museum Eduard Spörri zeigt zum Start seiner neuen Reihe «Künstlerpaare» erstmals präsentierte Miniaturen und Modelle von Gillian White und Albert Siegenthaler. Auch in der Ausstellung «Freidimensional» wird Industriegut zu Kunst.

Wenn zwei Künstlerseelen aufeinandertreffen, ist der Austausch unabdingbar. Auch im Museum Eduard Spörri ist er allgegenwärtig. Dann zum Beispiel, wenn die von Gillian White erschaffene Miniatur der Brugger Friedhofsskulptur «Hermes» auf die dazu passende und dreissig Jahre zuvor von Albert Siegenthaler erstellte Zeichnung trifft. Das die Autobahn beim Schinznacherfeld verschönernde Modell von «Da und Dort» auf zwei Bilder von in der Landschaft liegenden Frauenkörpern.

«Künstlerpaare» heisst die neuste Ausstellungsreihe des Museums, verantwortlich zeigt sich dafür der seit September waltende Kurator Marc Philip Seidel. Gestartete wird die Reihe mit teils erstmals präsentierten Miniaturen und Modellen des Ehepaars White & Siegenthaler. Dank den Werken und der dahinter liegenden Zusammenarbeit wird einmal mehr sichtbar gemacht, wie existenziell Dialoge sind. Sie helfen uns, einander besser zu verstehen. Probleme zu lösen, Sachverhalte zu klären, voranzukommen. Nicht nur in der Kunst sind sie ein hoch geschätztes Gut.

Die Kraft der Thematik und die Begeisterung dafür ist auch Seidel anzumerken. «Das Wort Künstlerpaare hat etwas sehr poetisches. Dass zwei Menschen, die sich sehr nahe stehen in den Dialog treten und sich befeuern, inspirieren und ermutigen, aber doch eigene Wege gehen, fasziniert mich», sagt der als Nachfolger von Rudolf Velhagen auserkorene Seidel.

Die schönen Künste mit einem Industriematerial vereint

Packend sind auch die ausgewählten Ausstellungsstücke. Die in Leibstadt wohnende 80-jährige Gillian White und ihr mittlerweile verstorbene Mann haben zu ihrer Schaffenszeit liebend gerne Grenzen verschoben. Dank ihrem Sinn für Poesie haben sie die schönen Künste mit einem eigentlich seelenlosen Industriematerial vereint, ihre Werke mit dem Kontext in einen Dialog treten lassen. Auch ihre Miniaturen beherrschen dieses Spiel perfekt. «Ich finde sie wunderschön. Trotz ihrer Formstrenge sind sie bezaubernd, irgendwie süss, beseelt», sagt Seidel.

Verstärkt wird ihr Reiz durch die museale Inszenierung. Nie wirken die Objekte vereinnahmend oder alles absorbierend. Die Brutalität ihres Materials wird durchbrochen, der rostige Stahl weist da und dort gezielt freie Stellen und Lücken auf, lässt Raum für Gedanken und das geschickt eingesetzte Licht. Die Freiräume und die Helligkeit umspielen sich, ein nie endender Tanz findet auf der knapp bemessenen Ausstellungsfläche statt.

An die Wand genagelt, auf flachen Präsentationsflächen oder hohlen Sockeln liegend, aber nie auf einem Podest stehend, präsentieren sich die Werke. Schliesslich soll das Ganze nicht zu akademisch wirken. «Ich glaube man kann sich in dieser Ausstellung dem Künstlerpaar und den Menschen dahinter annähern. Das finde ich wichtig. Kunst sollte nie elitär, sondern zugänglich sein», so Seidel.

Das Erbe des Kantons wird sichtbar gemacht

Gelungen ist ihm diese Nahbarkeit auch mit der parallel stattfindenden Ausstellung «Freidimensional», welche Teil des Projekts ZeitsprungIndustrie ist. Zehn Plakate aus der Industriegeschichte werden den skulpturalen Werken zeitgenössischer Künstler gegenübergestellt. Auf diese Weise soll das Erbe des Aargau als Industriekanton sichtbar gemacht und die Neugier der Bevölkerung auf hierzulande Entstandenes geweckt werden.

Überhaupt setzt Seidel stets auf den Einbezug der lokalen Bevölkerung. Das Museum sieht er als Begegnungsort an. Am einst in Spörris Atelier gestandenen Tisch sollen sich zeitgenössische Künstler austauschen, die Wettinger einen Platz zum Verweilen finden. Der Bezug zur heutigen Gesellschaft soll dabei helfen, das Museum zu positionieren, um die Werke Spörris sowie zeitgenössischer Kunstschaffender vermitteln zu können.

«Kunst ist identitätsstiftend. Wenn eine Gesellschaft ihr Kulturgut schätzt, dann kennt sie ihre Wurzeln, weiss wo sie sich befindet und wohin sie will», sagt Seidel. Dass ihm ganz genau bewusst ist, auf welche Art und Weise er in die Zukunft schreiten will und wie er mit dem Erbe von Spörri in den Dialog zu treten hat, ist deutlich spürbar.

Meistgesehen

Artboard 1