Hansruedi Kugler (Literaturkritiker): Wer mit dem Zug in Biel einfährt, kommt um Robert Walser nicht herum. In Richtung See landet man auf dem Robert-Walser-Platz. Das riesige Dreieck ist mit Bäumen vollgestellt. Kein Platz für Thomas Hirschhorns Skulptur. Also zurück zum anderen Ausgang Richtung Stadt. Der Empfang auf dem Bahnhofplatz: Eine knallige Liebeserklärung auf einem Transparent. «ROBERT WALSER né à Bienne 1878 mort à Herisau 1956», daneben ein rotes Herz «For ever». 35 000 Passanten gehen jeden Tag unter dieser Liebeserklärung hindurch. 

Sabine Altorfer (Kunstredaktorin): Liebeserklärung für dieses Werk tönt aber ziemlich schräg. Hirschhorn ist bekanntlich der Mann für krude Ästhetik, nagelt, klebt und bastelt aus Alltagsmaterial seine Werke. Hier steht ein Wirrwarr aus Hütten, Podesten und Brücken aus rohem Holz, Spanplatten und Paletten, bekritzelt und mit Transparenten behängt. Ein Provisorium, das an besetzte Häuser, Favela-Siedlungen oder die Hüttendörfer von Protestierenden erinnert.

Ich bleibe bei Liebeserklärung. Denn statt politischer Slogans liest man Zitate von Robert Walser wie: «Die Erfolglosigkeit ist eine bitterböse, gefährliche Schlange. Sie versucht unbarmherzig, das Echte und Originelle im Künstler abzuwürgen.» Das schrieb ein Schriftsteller, der die literarische Moderne mitgeprägt hat, gesellschaftlicher Aussenseiter blieb, nach frühem Erfolg in Berlin in der Schweiz kaum mehr Verleger fand, mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht durchkam und ab 1929 auf eigenen Wunsch bis zu seinem Tod 1956 in psychiatrischen Anstalten lebte.

Das weisst du – und das ist prima zusammengefasst. Hier stringente Informationen zu Robert Walsers Leben und Werk zu finden, ist aber schon etwas schwieriger. Im grossen Patchwork wird man ja nicht chronologisch durch Leben und Werk geführt.

Aber in der Arena, in Ateliers und Zimmern, an jeder Ecke entdeckt man neue und überraschende Zugänge. Da wird das Scheitern, dort mit einer Ausstellung mit Utensilien der stadtbekannten Domina Lady Xena das schwierige Verhältnis zu Frauen thematisiert. Und im L’institut Benjamenta kann man sich mit Walsers Dieneridee auseinandersetzen. Ich verweile da gerne.

Interessant ist das Kabäuschen über den Begriff Erfolg und Misserfolg. In einer Art Ausstellung sehen wir Gemälde, nicht originale natürlich, von Ferdinand Hodler oder Vincent van Gogh. Künstler, die um Anerkennung kämpfen mussten – oder gar daran scheiterten.

In der Vitrine liegen Dutzende Löffel, alle mit «Erfolg« angeschrieben.

Erfolg bekommt man also wohl in unterschiedlich grossen Dosen verabreicht. Ein lustiges Bild.

Thomas Hirschhorn ist omnipräsent auf der Plattform, räumt da auf, gibt dort Anweisungen, setzt sich zu Besuchern, redet mit ihnen.

Ein Gespräch mit uns? Da ist Hirschhorn einverstanden: «Aber wir machen das in unserem Fernsehstudio. Journalisten zitieren mich immer falsch, ich will Beweise dafür, was ich gesagt habe.» Das Studio ist eng, heiss, der Techniker professionell.

Wie erklärt Thomas Hirschhorn Robert Walsers Scheitern? «Ich glaube, und das ist bloss eine Hypothese eines Fans, nicht eines Wissenschafters: In der Berliner Zeit, wo er nahe bei seinem Bruder Karl war, der seinen Erfolg ausgelebt hat, war er genau deshalb skeptisch gegenüber dem Erfolg. Er wusste, was es kostet, Erfolg zu haben. Meine Vermutung ist, dass er bewusst den Nichterfolg gewählt hat, sich entschieden hat für Reinheit, Radikalität.»

Wer zum Bahnhof will, passiert Thomas Hirschhorns Liebeserklärung an Robert Walser.

Wer zum Bahnhof will, passiert Thomas Hirschhorns Liebeserklärung an Robert Walser.

Das sind die Stichworte für Thomas Hirschhorn selber. Er ist ein Künstler unserer Zeit, einer der aber öfter mal aneckt, der «an gesellschaftspolitischen Wunden rühren» will – und der doch für die Öffentlichkeit, der für und mit den Menschen arbeiten will. Wie hier in Biel verbindet er oft eine Hommage an einen für ihn wichtigen Denker, eine Schriftstellerin mit aktuellen Themen. Der 62-Jährige ist in Bern geboren, er lebt seit Jahrzehnten in Paris, baut seine Arbeiten aber in vielen Ländern, oft an grossen Ausstellungen.

Die grössten Schlagzeilen über ihn gab es 2004, als er im Centre culturel Suisse in seinem Werk «Swiss Swiss Democrazy» einen Schauspieler andeutungsweise ein Bild von Christoph Blocher anpinkeln liess.

Grandios und furios war sein Auftritt für die Schweiz 2011 an der Biennale Venedig mit der Installation «Crystal of Resistance».

Hirschhorn kümmert sich um vieles, ...

Hirschhorn kümmert sich um vieles, ...

Doch zurück zu Walser, warum baut Hirschhorn dem Bieler Schriftsteller dieses riesige Monument? Warum ist er Fan? Will er Walser quasi retten? «Nein, ich bin kein Retter. Ich finde die Frage der Einsamkeit interessant und als Künstler habe ich auch eine gewisse Erfahrung, was das heisst. Zumindest am Anfang meines Schaffens. Ich wollte eine Plattform, auf der genau solche Fragen besprochen werden können.»

Gegen diese Idee kann niemand etwas einwenden. Was aber zu reden gibt, ist die Erscheinung von Hirschhorns Arbeit. Ihre Ästhetik. Provisorisch und roh zusammengebaut ist das Monument. Die Spanplatten, gebrauchte Paletten und das ganze Mobiliar wirkt billig. Stühle und Sofas suchte Hirschhorns Equipe auf Biels Strassen, überklebte sie mit braunem Klebband. Kunst aus dem Alltag für den Alltag.

... während Besucherinnen Walsers Mühe mit Frauen erkunden oder ...

... während Besucherinnen Walsers Mühe mit Frauen erkunden oder ...

Man fragt sich, ob man sich wirklich daraufsetzen soll. Oder ob Hitze und Sonne einem Leimspuren an den Kleidern bescheren?

Meine weisse Hose bleibt weiss ...

Und das Sofa in einem schattigen Eckchen ist lauschig, um den Betrieb, das Kommen und Gehen zu beobachten.

Die Frage ist eher: Passt diese Ästhetik zu Robert Walser? Thomas Hirschhorn hat auch hier eine Antwort parat: «Die passt nicht unbedingt zu Robert Walser. Es ist meine Ästhetik, meine Art zu arbeiten.» Und mit den omnipräsenten hässlichen braunen Klebbändern versuche er, «in dieser Welt etwas zusammenzukleben, das Sinn macht, etwas, so prekär es auch immer sein mag, auf die Beine zu stellen.» Ihm sei es egal, wenn das jemanden störe. «Ich kann es nicht anders und will es auch nicht anders.» Und dann kommt der entscheidende Satz: «Ich wähle Materialien, die niemanden einschüchtern. Die nicht von vorneherein einen Mehrwert der Kunst behaupten. Ich mache eine Arbeit, die nicht Perfektion in der Ausführung anstrebt, sondern eine Präzision der Idee.»

... Passanten auch mal wegschauen.

... Passanten auch mal wegschauen.

Wer kommt? Nur Kulturtouristen, oder auch das «nichtexklusive Publikum», das Hirschhorn erreichen will? Die Bielerinnen und Bieler sowie die Randständigen des Bahnhofplatzes? «Ja, immer mehr. Das war eine wichtige Herausforderung an mich, dass die, welche sonst jeweils auf dem Bahnhofplatz sind und hier zum Teil viele Stunden verbringen, dass diese Menschen nicht ausgeschlossen sind. Das ist nicht immer einfach, weil es Leute sind, die manchmal Probleme haben, und ich muss mich dann mit diesen Problemen auseinandersetzen», sagt der Künstler.

Ein Taxifahrer erklärt mir, er empfinde die Skulptur einfach nur als störend. «Ein Gestell voller Gratis-Bücher von Walser wäre billiger», meint er.

Gerade beklagte auch ein junger Schwarzer, dieses Monument für einen Aussenseiter-Künstler nütze den heutigen, realen Aussenseitern, den Flüchtlingen und Gefangenen, gar nichts.

Thomas Hirschhorn ist unübersehbar der Chef auf dem Walser-Monument. Ins Rollen gebracht hat das Ganze aber Kathleen Bühler. Die Kuratorin des Berner Kunstmuseums für zeitgenössische Kunst erzählt uns, sie habe sich mit der Geschichte der traditionsreichen Bieler Plastikausstellung beschäftigt, die nur alle paar Jahre mal stattfindet. «Ich habe mir überlegt, was wäre für eine heutige Ausgabe richtig und wer war noch nie dabei.» 2014 habe man die damals wieder aufkommende Performance in den Mittelpunkt gestellt. Bühler: «Ich fand, heute wäre eine Soziale Skulptur richtig und Thomas Hirschhorn der Geeignete. So bin ich zum Mandat gekommen.» Ganz neu ist der Begriff der sozialen Plastik nicht: Seit den 1970er-Jahren arbeiten Künstler mit gesellschaftlichen Themen, ungewöhnlichen Materialien mitten im alltäglichen Leben.

Im Vorfeld gab es Polemiken über Kosten und Grösse und die Okkupation des Bahnhofplatzes. Der Stiftungspräsident der Bieler Plastikausstellung trat zurück. Wie siehts mit dem Budget aus? Kathleen Bühler: «Wir haben ein Budget von 1,6 Millionen Franken, 1,43 Millionen sind gesichert. 700 000 Franken davon sind allein für Löhne budgetiert.» Und sie fügt an: «Thomas Hirschhorn bekommt für seine ganze Arbeit übrigens nur 30 000 Franken.»

Literaturredaktor und Kunstredaktorin: Hansruedi Kugler und Sabine Altorfer schwitzen in Biel.

Literaturredaktor und Kunstredaktorin: Hansruedi Kugler und Sabine Altorfer schwitzen in Biel.

Der Ansatz der Sozialen Plastik passt bestens in unsere Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, der Verunsicherung. Eigentlich hätte die 13. Bieler Plastikausstellung 2018 stattfinden sollen, erklärt Bühler, «aber wegen Einsprachen, der schwierigen Geldbeschaffung und Thomas Hirschhorns intensiven Vorarbeiten, findet sie nun eben erst 2019 statt.»

Das Ganze wirkt lebendig. Eine Genfer Künstlergruppe schart sich um einen Laptop. Sie haben sich vom Spaziergänger Walser zu einer eigenen Geschichte inspirieren lassen und nehmen Besucher auf eine tägliche Stadttour mit.

Daneben kann man mit einer Frau über ihre Walser-Erfahrungen reden, einem Mann zuschauen, wie er den Walser-Roman «Seeland» abschreibt. Geboten wird aber nicht nur Kultur, sondern auch afrikanischer Kaffee, und in der Cantina etwas zu essen. Ich bin froh, dass ein IT-Mann für Wi-Fi sorgt und schnappe mir gerne die täglich erscheinende Zeitung.

Die Robert-Walser-Sculpture ist seit zwei Wochen eröffnet. Insgesamt 86 Tage lang, bis zum 8. September soll sie Treffpunkt sein für das «nicht exklusive Publikum» wie Thomas Hirschhorn sagt. Er hat seine Sculpture nicht nur in dreijähriger Arbeit entworfen, Feldforschung betrieben, Leute angeheuert, sondern ist täglich hier. Von 10 Uhr morgens bis abends um 10. Ein Gewalts-Programm. Vor allem bei der Hitze.

Im TV-Studio der Robert Walser-Sculpture im Gespräch mit Thomas Hirschhorn: Sabine Altorfer und Hansruedi Kugler.

Als was sieht er sich selber hier? Als Chef? Als Animator? «Als Hausabwart.» Wie meint er das? «Da kam vorher eine Ladung Papier an, da muss ich schauen, dass das mit dem Lastwagen klappt. Ich muss schauen, dass die Mikrofone und der Lift für die Behinderten funktionieren.» Das gefällt Ihnen? «Es geht nicht darum, ob es mir gefällt. Es ist meine Mission. Ich bin nicht hier als Künstler, sondern als jemand, der schaut, dass das Kunstwerk zusammenhält und wirkt. Und dass die Idee von Robert Walser immer im Zentrum steht.

Die Sonne brennt auf die Hütten. Ein lebendiges – früher hätte man gesagt: alternatives – Kulturzentrum auf Zeit ist entstanden.

Man kann sich aber fragen, ob man Walser nachher besser kennt? Hirschhorn auf jeden Fall.

Ich finde, Hirschhorn respektiert grell, aber passend Robert Walsers Warnung: «Niemand ist berechtigt, sich mir gegenüber so zu benehmen, als kenne er mich.»