Interview

«Wie haben es die Kirchen geschafft, was die Kultur nicht konnte?» – Dirigent Stephen Smith über Musik in Zeiten von Corona

Predigt mit Bach: Stephen Smith auf der Kanzel der Matthäuskirche Luzern.

Predigt mit Bach: Stephen Smith auf der Kanzel der Matthäuskirche Luzern.

Wieso ist Musik in Gottesdiensten, aber nicht in Konzerten erlaubt? Stephen Smith sucht und gibt darauf Antworten mit einem neuen Kantatenzyklus von Bach. Die Frage, wann Musik systemrelevant ist, wird dabei auch zur persönlichen Glaubensfrage.

Im Oktober haben Sie einen Brief, der sich gegen ein Chorverbot wandte, nicht unterschrieben. Aber in den Gottesdiensten in der Mat­thäuskirche führen sie Musik mit Gesang auf. Ist das kein Widerspruch?

Stephen Smith: Nein. Ich habe die Diskussionen um Aerosole intensiv mitverfolgt. Und bin für mich zum Schluss gekommen, dass die Gefahr einer Ansteckung über Aerosole in Chorkonzerten ziemlich gross ist. Das haben wir in der Matthäuskirche früh berücksichtigt. Schon zur Zeit, als Chöre noch erlaubt waren, verzichteten wir auf Auftritte der Matthäuskantorei und beschränkten uns auf ein Vokalquartett. Und die Schutzregeln wendeten wir so streng wie möglich an.

In welcher Hinsicht?

Mir war von Anfang an wichtig, dass die Sänger mit Maske singen, obwohl das nicht vorgeschrieben ist. Die erforderlichen Abstände stellen wir sicher, indem wir kleine Besetzungen weit weg vom Publikum auf der Orgelempore platzieren. Bei grösseren Besetzungen, mit vier Sängern und bis zu acht Instrumentalisten, singen und spielen wir im Chorraum, weil dieser genügend Abstand zwischen den Ausführenden zulässt. Das ist zum Teil der Fall in den Bach-Kantaten, mit denen ich jetzt, auf meine Pensionierung hin, einen auf zwei Jahre angelegten Zyklus starte.

Können Sie als Kirchenmusiker nachvollziehen, wieso Musik seit Ende Oktober nur in Gottesdiensten erlaubt und da offenbar systemrelevant ist?

Ich frage mich tatsächlich, wieso Politiker Gottesdienste als systemrelevanter betrachten als Musik in Konzerten. Wie haben es die Kirchen geschafft, was die Kultur nicht konnte? Vielleicht hatten sie die bessere Lobby. Oder die Entscheidungsträger hatten, symbolisch gesagt, Angst vor dem Zorn Gottes.

Und das hiesse?

Eine Rolle spielen könnte der Respekt vor einer Tradition, die wie keine zweite unsere Kultur und Geschichte bestimmt hat. Die Texte der Bibel sind ja bis zu 3000 Jahr alt. Und Gottesdienste sind der Ort, in dem diese alten Schriften und die Figur von Jesus bis heute vergegenwärtigt werden. Ich denke, allein schon das gibt ihnen eine Sonderstellung, unabhängig davon, ob man an einen Gott glaubt, dessen Hilfe wir anrufen können.

Gehört zum Job des Kirchenmusikers, dass man an einen solchen Gott glaubt?

Das ist eine schwierige Frage. Ich war zum Kirchenmusiker berufen, weil mein Vater Pastor war und ich in Gottesdiensten in meiner Heimat, den USA, schon mit 14 Jahren die Orgel spielte. Trotzdem fällt es mir schwer, an einen helfenden Gott zu glauben.

Weshalb?

Ich kann mir schwer vorstellen, dass sich Gott um jeden von uns kümmern soll oder kann. Aus einer übergeordneten Perspektive sind wir Menschen ja das, was für uns die Ameisen sind (lacht). Aber die Bescheidenheit, die sich daraus ergibt, hat zwei Seiten. Zum Beispiel masse ich mir gar nicht an, dass Gott sich ausgerechnet um mich kümmern soll.

Und die andere Seite der Bescheidenheit?

Ich masse mir auch nicht an, dieses Gottesbild zu verwerfen. Es gibt ja viel grössere Geister, als ich es selber bin (lacht), die daran geglaubt und aus diesem Glauben eine ungeheure Kraft gewonnen haben. Wie Johann Sebastian Bach zum Beispiel. Wer bin ich denn, dass ich sagen könnte, er habe sich geirrt? Es liegt also vielleicht an mir, dass ich für mich noch kein gültiges Gottesbild gefunden habe.

Sind die Gottesdienste damit auch ein Deckmantel, um jetzt trotz Corona noch Musik machen zu dürfen?

Nein, überhaupt nicht! Ich suchte schon vor Corona nach Möglichkeiten, Musik und Wort auch in freieren liturgischen Formen zu verbinden. Dazu gehörten die «Even Songs» mit der Mat­thäuskantorei, ein neues Format waren im Coronasommer die «Kommen-und-Gehen»-Gottesdienste: In ihnen wurden Gottesdienst- und Musikbeiträge in einer Art Loop so wiederholt, dass Besucher jederzeit ein- und aussteigen konnten.

Ist diese Aufführung mehr Konzertersatz oder neue Gottesdienstform?

Sie sind beides. Mir war immer schon wichtig, die Kantaten, die Bach für einen bestimmten Sonntag im Kirchenjahr geschrieben hat, in diesem Kontext aufzuführen. Dass wir die Kantaten integral und ohne Unterbrüche aufführen, ist zwar quasi ein konzertantes Element und in Gottesdiensten einzigartig in der Schweiz. Aber auch das entspricht, wie die solistische Besetzung der Chorstimmen, der Praxis zur Zeit von Bach.

Welcher Ablauf ergibt sich daraus?

Die Kantate dient als Klammer und steht im Zentrum. Wenn sie einen Eröffnungschor hat, singen wir diesen als Eingangsmusik, als Ausgangsmusik wiederholen wir den Schlusschoral. Vor der integralen Aufführung der Kantate gibt es ein Eingangsgebet, ein Kirchenlied zum Thema und die Lesung des Bibeltexts, den Bach meist als Grundlage verwendet hat. Auf die Kantate folgen die Predigt, die möglichst einen aktuellen Bezug herstellt, sowie die Fürbitten, das Abschlusslied und der Segen.

Bach schrieb mehrere Kantaten-Zyklen. Berücksichtigt Ihre Auswahl aktuelle Bezüge, die Sie von den Predigten erwarten?

Nein, für die Auswahl waren eher Fragen der Besetzung entscheidend. Wir beginnen, auch wegen Corona, mit sparsamen Besetzungen und heben uns die festlichen Kantaten mit Pauken und Trompeten für später auf. Möglichkeiten für aktuelle Bezüge gibt es ohnehin.

Worin liegt die Aktualität am kommenden Sonntag?

Die Kantate BWV 155 klagt mit den Worten «Mein Gott, wie lang, ach lange?» über das Warten auf das Ende der «Schmerzen» und «Sorgen». Da liegt ein Bezug zur Coronakrise und unseren Umgang mit ihr auf der Hand. Der Text der Kantate bezieht sich auf den Bericht von der Hochzeit zu Kana aus dem Johannesevangelium. Der Wein ist ausgegangen, und Maria wendet sich in dieser peinlichen Lage an Jesus. Auch das ist aus dem Leben gegriffen.

Ketzerische Frage: Wäre es denkbar, die Kantaten zu wiederholen – konzertant und mit einem minimalem Gottesdienstanteil? Zum Beispiel mit weniger Gebeten und ohne Fürbitte?

Ich habe mir das überlegt, aber bin rasch davon abgekommen, weil mich eben die Verbindung von Musik und Gottesdienst interessiert. Zudem will die kantonale Coronaverordnung genau das verhindern.

Was steht denn darin?

Musik lässt sie nur «als Teil der Gesamtveranstaltung Gottesdienst» zu. Die Musik darf «nur einen untergeordneten Teil der religiösen Veranstaltung» ausmachen. Und kulturelle Aufführungen sind ausserhalb des Gottesdienstes selbst dann verboten, wenn sie einen religiösen Inhalt haben. Ich wüsste auch gar nicht, was ich – neben Lesung, Predigt und Schlussgebet – weglassen würde. Die Fürbitte am Schluss jedenfalls nicht. Egal, ob man an einen helfenden Gott glaubt oder nicht: Dass man in einer Gruppe seinen Sorgen Ausdruck gibt, finde ich etwas Wertvolles und Schönes.

Meistgesehen

Artboard 1