Theater

Wir sind dann mal weg

Ein Brett vor dem Kopf haben die drei Nachwuchsschauspieler des Theaters Junge Marie nur, wenn es die Szene verlangt. Andreas Bächli

Ein Brett vor dem Kopf haben die drei Nachwuchsschauspieler des Theaters Junge Marie nur, wenn es die Szene verlangt. Andreas Bächli

Zum vierten Mal präsentiert die Junge Marie ein Stück, das ausschliesslich von jungen Schauspielerinnen und Schauspielern zur Aufführung gebracht wird. «Heroes of the Overground / Die Erben» ist schmerzhaft aktuell.

Es beginnt mit einem Zaubertrick, und mit Nebel, der wie Luft aus einem Ballon entweicht; wie ein Sturm, der durch lose Holzscheite pfeift. Dann kommt ein Geheimnis. Das Geheimnis von «Z». «Z» die Schwester, «Z» die Freundin. «Z» bleibt ohne Gesicht, sie ist die grosse Unbekannte im Stück «Heroes of the Overground / die Erben», sie wird zum Ursprung einer Jugendbewegung. Und sie taucht erstmals auf, als sie verschwindet.

Junge Spielende, grosses Talent

«Es ist ein Diskurs-Stück für Jugendliche», sagt Sophie Achinger im Theater Tuchlaube nach einer Hauptprobe. Die Dramaturgin, die beim neusten und vierten Stück des Theaters Junge Marie auch die Produktionsleitung innehat, kann nicht genug betonen, dass es darum geht, denjenigen eine Stimme zu geben, die sonst kaum gehört werden: den jungen Menschen, denen sie damit den Diskussionsraum für politische Themen auf neue, frische Art zu öffnen hofft. Denn das Thema des Stücks betrifft die Jungen am direktesten: Ob die Zielgruppe aber nun Schüler ab 14 oder junge Erwachsenen ab 18 Jahren sind, da ist sich das Ensemble kurz vor der Premiere noch nicht ganz einig; schliesslich geht es auch um die Erwachsenen ab 30, und zur Verantwortung gezogen wird in erster Linie die Elterngeneration.

Doch nicht nur das Zielpublikum von Schülern oder Schulabgängerinnen passt zu «Heroes of the Overground / Die Erben»: auch die Schauspielerinnen und Schauspieler sind betroffen: Sie wurden von der jungen Marie extra für dieses Stück gecastet und sind zwischen 20 und 24 Jahre alt. Auch wenn man an ihrer Energie zu bemerken glaubt, dass es für sie alle ein grosser Schritt war, bei einer professionellen Inszenierung dabei zu sein, merkt man an ihrem Spiel nicht, dass es das erste derart intensive Projekt ist. Sophie Angehrn, Friederike Karpf und Ener Yagcioglu sind entschlossen, spielen gut und arbeiten hart. Für sie geht es nicht nur inhaltlich um die Zukunft: Sie wollen herausfinden, was es bedeutet, professionell Theater zu spielen; und ob sie diesen Weg dereinst definitiv einschlagen wollen.

Tücken und Vorteile

Seit vier Jahren gibt es die Junge Marie, die als Nachwuchs-Labor der Aargauer Theatergruppe Theater Marie fungiert. Alle drei Jahre wechseln die Intendanten, und Dramaturgin Achinger und Regisseur Simon Kramer entschlossen sich, für das erste gemeinsame Stück den Schweizer Autor Lucien Haug an Bord zu holen. Erst, nachdem die Recherche gemacht war und das Projekt in einem losen Rahmen bereits bestand, wurden die Schauspielerinnen und Schauspieler ausgewählt. Fünf waren es anfangs – drei blieben übrig. «Keine Katastrophe», wie Sophie Achinger versichert; immerhin seien die beiden drei Wochen vor der Premiere abgesprungen, nicht drei Tage. Für Angehrn, Yagcioglu und Karpf war der Ausstieg der zwei anderen Schauspielerinnen vielleicht gar ein Gewinn, konnte man sich doch von da an besser auf sie persönlich konzentrieren. Sophie Achinger kommt zum Schluss: «Es war wohl für alle Beteiligten die beste Lösung – auch wenn ich gerne ein Stück mit fünf Leuten gemacht hätte.»

Was die drei Jungschauspieler auf die Bühne des Theaters Tuchlaube bringen, ist tatsächlich alles andere als laienhaft. Vor einem einfachen, aber sehr zweckmässigen Bühnenbild (Andreas Bächli) präsentieren die Schauspielerinnen und Schauspieler, die nebenbei arbeiten und studieren, ein Stück über Heimat, Aufopferung, Mut, Wut und Verantwortung. Ohne mit dem Finger auf Schuldige zu zeigen, stellen sie die Frage nach handfesten Lösungen, wobei sie ihre eigene finden.

Radau ist erlaubt und erwünscht

Sie fühlen sich sichtlich wohl in ihren Rollen: «Sie sollen nicht jemand total anderes spielen, als sie sind», bestätigt Sophie Achinger, der es wichtig ist, in ihrem Schaffen aktuelle, brennende Themen aufzugreifen; auch wenn sie geradezu untheatralisch, unpoetisch sind, wie eben die Erderwärmung. «Wir mussten uns also genau überlegen, was unsere kleine Gruppe von Öko-Terroristen anstellt», sagt sie mit einem Augenzwinkern. Sie wolle eine mögliche Lösung präsentieren, im Wissen, dass auch diese letztendlich zum Scheitern verurteilt ist. «Die drei Schauspielerinnen und Schauspieler stellen auf ihre ganz eigene Art Archetypen einer Revolution dar.» Die, die am Ende aufgibt, der, der findet, alle müssen es ihm gleichtun, und die, die alles noch viel weiter treibt: In «Heroes of the Overground / die Erben» verschwinden drei Jungschauspieler auf Nimmerwiedersehen; mit so viel Radau wie möglich – und nötig.

«Heroes of the Overground / Die Erben». Theater Tuchlaube Aarau. Premiere ist am Sonntag, 6. Mai, um 20.15. Für weitere Spieldaten siehe www.theatermarie.ch

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