Fantoche

Wo die Augen staunen und das Herz hüpft

Der Waisenjunge und sein Drache: Der Schweizer Stop-Motion-Film «Ma vie de Courgette» eröffnet das Animationsfilmfestival Fantoche. Zuvor hatte er bereits im Ausland für Furore gesorgt.

Der Waisenjunge und sein Drache: Der Schweizer Stop-Motion-Film «Ma vie de Courgette» eröffnet das Animationsfilmfestival Fantoche. Zuvor hatte er bereits im Ausland für Furore gesorgt.

Das Animationsfilmfestival hat viel zu bieten: Handgemachtes, Virtuelles – und einen genialen Eröffnungsfilm.

Ein kühler Windstoss ist in heissen Sommertagen wie diesen ja äusserst willkommen. Und ein solcher wird alsbald auch in den Kinosälen in der Stadt Baden für angenehme Erfrischung sorgen. Er weht dort in Form eines blauhaarigen Jungen, der gerne Drachen steigen lässt, durch das Animationsfilmfestival Fantoche. Und eigentlich muss man sagen, er weht derzeit auch durch die Schweizer und die internationale Kinoszene. Denn: Der blauhaarige Junge ist der Hauptdarsteller des genialen Animationsfilms «Ma vie de Courgette», der am 6. September Fantoche eröffnet – und dort mit gewaltigen Vorschusslorbeeren heranbraust.

Schon bei seiner Weltpremiere in Cannes erntete der feinfühlige Animationsfilm um einen Knaben, der im Waisenheim neuen Lebensmut fassen lernt, eine fünfminütige Standing Ovation. Am Animationsfilmfestival in Annecy (F) heimste «Ma vie de Courgette» dann sowohl den Publikums- als auch den Hauptpreis ein. Und vor kurzem wurde das Werk des Westschweizers Claude Barras sogar dazu auserkoren, die Schweiz 2017 im Rennen um einen der begehrten Oscars zu vertreten.

Das Fantoche-Publikum sieht «Ma vie de Courgette» vor allen anderen Schweizern und darf sich auf ein cineastisches Bijou freuen, das auch den Vergleich mit weitaus teureren Animationsfilmen aus Hollywood nicht zu scheuen braucht. Als solcher wäre zum Beispiel «Kubo and the Two Strings» zu nennen, das zweite Highlight am diesjährigen Festival. Verantwortet hat ihn das amerikanische Animationsstudio Laika, das sich mit Filmen wie «Coraline» und «The Box-Trolls» auf düstere Animationsfilme voller Herz spezialisiert hat und das für seinen neuesten Streich derzeit von Kritikern mit Lob überschüttet wird.

Einblicke hinter die Kulissen

Auffallend: Sowohl «Ma vie de Courgette» als auch «Kubo and the Two Strings» wurden als Stop-Motion-Filme realisiert. Die traditionelle Animationsmethode mit Puppen ist in Zeiten von computeranimierten Trickfilmen ins Hintertreffen geraten, erfreut sich aber nach wie vor grosser Beliebtheit, sagt Fantoche-Leiterin Schindler: «Es gibt zwar weniger Stop-Motion-Filme, oft sind sie es aber, die am Fantoche das Herz der Zuschauer erobern.» Als Gründe nennt Schindler den taktilen Charme von Stop-Motion-Filmen sowie die emotionale Verbindung, die Filme wie «Courgette» und «Kubo» zu ihrem Publikum aufbauen.

Das Animationsfilmfestival Fantoche versteht sich von jeher auch als Ort der Begegnung – nicht nur zwischen Filmfans, sondern auch zwischen dem Publikum und den Profis. So bieten dieses Jahr Making-of-Präsentationen einzigartige Einblicke in die aufwendige Entstehung von «Courgette» und «Kubo».

Und neben deren Macher reist auch die schillerndste Schweizer Figur der Animationsszene nach Baden: Simon Otto, Chefanimator beim Hollywoodstudio DreamWorks. «Er hat eine absolute Traumkarriere hingelegt», schwärmt Schindler – und verspricht, dass Otto dem Fantoche-Publikum seinen Weg von der Ostschweiz in die Traumfabrik persönlich näherbringen wird.

Für seine 14. Ausgabe hat das Festival ein buntes und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Während mit «La tortue rouge» die erste internationale Ko-Produktion des berühmten japanischen Studio Ghibli (mit französischen und belgischen Produzenten) und mit der Kurzfilmreihe «Kein Willkommen» Werke über die aktuelle Flüchtlingskrise zu entdecken sind, hat Fantoche mit «Histoire de Mr. Vieux-Bois» einen animierten Stummfilm aus dem Jahr 1920 hervorgeholt, der am Festival live vertont werden wird.

Darüberhinaus laden interaktive Installationen (unter dem Stichwort Animation Multimedial) die Festivalbesucher dazu ein, mit Virtual-Reality-Brillen vollständig in die Filmwelten einzutauchen. Annette Schindler merkt dazu an: «Es ging uns weniger um die Technologie als um spannende Inhalte.»

Gespannt darf man auch auf jenes Programmfenster sein, das sich vordergründig an die jüngeren Festivalgänger richtet. Schindler ist es, wie sie sagt, unter beträchtlichem Aufwand gelungen, alle nötigen Rechte einzuholen, um ein Donald-Duck-Programm zusammenzustellen.

Donald Duck quakt auf Deutsch

Als Resultat werden am Fantoche seltene Filme über die berühmte Trickfilm-Ente aus den 40er-Jahren zu sehen sein. Und: Peter Krause, die offizielle deutsche Stimme von Donald Duck, reist als Ehrengast an. Er wird demonstrieren, warum die Cartoonfigur auf Deutsch anders quakt als auf Englisch oder Japanisch.

Und wer weiss, vielleicht kann man am Fantoche-Festival bereits einen Blick auf den nächsten Rohdiamanten der Animationsfilmszene erhaschen. Claude Barras war bereits 2011 vor Ort, um Interessierten Einblicke in seine Arbeit an «Ma vie de Courgette» zu geben. Fünf Jahre später kehrt er nun zurück und zeigt, wie ein Windstoss den Drachen eines blauhaarigen Jungen fliegen lässt und die Herzen der Zuschauer zu Luftsprüngen animiert.

Fantoche Internationales Festival für Animationsfilm. 6.–11. September. Baden.

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