Literatur

Wo ist das Problem, Jimmy Green? Schriftsteller Richard Ford, lässt viele seiner Figuren scheitern

Richard Ford, der Meister des scheinbar Beiläufigen.

Richard Ford, der Meister des scheinbar Beiläufigen.

Richard Ford liefert mit «Irische Passagiere» grossartige neue Erzählungen. Und tiefe Einblicke in das Leben der amerikanischen Südstaatler.

In jeder der Geschichten ist irgendwer irisch. Wie Mae, die beim Schritt aus der Heimat in die Neue Welt Amerika ihren Taufnamen Maeve um die verräterischen beiden letzten Buchstaben kürzte. Wobei Peter, ihr Mann, bis zum Schluss in ihr das irische Bauernmädchen erkennt. Auch noch, als die früher mal runden Wangen fahl und eingefallen sind, als die Krankheit Mae zeichnet und es überhaupt immer schwieriger wird, Mae in ihren rätselhaften Ausbrüchen und Aussprüchen zu begreifen.

Aber Peter hält ihr die Stange. Sie hatten ein langes gemeinsames Eheleben, sie haben sich geliebt. Dass es dann doch eine ganz und gar einsame Entscheidung ist, die Mae trifft, während Peter jene von ihr bestellten Melonen fürs Abendessen besorgt – das stürzt wiederum Peter in eine seltsame und erst langsam zu entziffernde Einsamkeit.

Mehr noch als Iren sind diese Figuren in Richard Fords neuen Erzählungen aber in der Tat Passagiere. Reisende im Zug des Lebens, der oft verworrene und unbegreifliche Wege nimmt. Und so ist «Irische Passagiere» ein treffender Buchtitel, auch wenn er mit dem originalen «Sorry For Your Trouble» wenig zu tun hat.

Geld ist für diese Jungs das grosse Thema

Sie sind Anwälte: wie Peter, Maes Mann. Oder wie Walter in «Aufbruch nach Kenosha», der vor langer Zeit aus Mississippi nach New Orleans gekommen war, um «mit einem guten Blatt in das lukrative Spiel um Öl und Gas einzusteigen, inzwischen längst ausgespielt. Da war ein ganzer Schwall von ihnen gekommen – Jungs, die sich unbedingt durchsetzen und reich werden wollten.»

Ja, Geld ist für diese Anwaltsgarde, die Ford in den «Irischen Passagieren» auftreten lässt, das grosse Thema. Es sind wohlhabende Leute, die spät und schockhaft inmitten ihrer überaus komfortablen Verhältnisse erfahren, wie armselig man trotzdem da stehen, und wie sehr man, Geld hin oder her, verloren gehen kann in dieser Welt. Eine Welt, die oft von irgendwo im amerikanischen Süden, – Louisiana, Mississippi, – bis nach Maine reicht, dem malerischen Neuengland-Staat am Atlantik, und manchmal hin­über bis nach Europa.

Auf der Achse Amerika–Europa

Wie bei Jimmy Green aus Cadmus, Louisiana: Einst «überaus beliebt, bewundert und erfolgreich», dem ein paar Fehltritte so um die Ohren flogen, dass er plötzlich alles los war, und auch in New York und Maine nicht wieder auf die Füsse kam. Er sei ein «schwacher Mensch, aber nicht unbedingt ein schlechter schwacher Mensch», hätte sein Vater gesagt. So lässt sich Jimmy, der nie mehr arbeiten möchte, nach Paris treiben, und zu Nelli, deren unbewegtes Gesicht hinter der Schaufensterscheibe eines Geschäftes ihn anzieht – bis nach einem vielversprechend beginnenden Abend auch hier alles schief läuft. Wo ist das Problem, Jimmy Green?

Wie beiläufig streut Richard Ford, dessen eigenes Leben ja auf dieser geografischen Achse spielte und spielt – 1944 in Jackson, Mississippi, geboren, seit langem in Maine lebend –, unter die neun Erzählungen eine ganz persönliche Geschichte. Dass er selbst, 16-jährig, nach dem plötzlichen Herztod des Vaters «der Junge war, dessen Vater fehlt», weiss, wer Fords autobiografisches Elternbuch «Zwischen ihnen» kennt. «Um dich herum ist die Luft anders. ­Früher umgab sie dich völlig. Und jetzt ist da etwas aufgeschnitten ...», heisst es in «Am falschen Ort». In solchen Sätzen verbirgt Ford, der Meister des scheinbar Beiläufigen, jenes Grosse und Ganze, das als Überschrift über allem stehen könnte: «Du bist allein auf eine derart vielschichtige Weise, dass es kein Wort dafür gibt.»

Was übrigens für nahezu alle seiner irischen – und amerikanischen – Passagiere gilt. Richard Fords tiefgründige, harte und stellenweise umwerfend komische Geschichten sind komplexe Bauwerke, in denen er die vielfältigen Ebenen des äusseren und inneren Lebens kunstvoll ins Gespräch miteinander bringt. Sie sind aufgeladen mit Bedeutung, geladen wie Pistolen, die geradewegs hineinzielen in die grossen Schmerzfelder des Lebens: existenzielle Verluste und die Einsamkeit danach. Schuld. Versäumtes Leben. Der scharfe Blick des Erzählers enthält Menschenliebe, aber auch das unerbittliche Erkennen all dessen, was Menschen ungelöst mit sich herumschleppen, was sie mit Bitterkeit und Hass erfüllt, sie zu seelischer und körperlicher Hässlichkeit verzerrt.

Nicht zuletzt erzählen Fords Geschichten auch über das Schreiben als Suche des Lebens. «Jeder Versuch, das Wort zu finden, verwirrt dich», heisst es in «Am falschen Ort». Also: «Versuche, das Wort zu finden.»

Richard Ford, Irische Passagiere. Hanser Verlag.

Richard Ford, Irische Passagiere. Hanser Verlag.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1