Filmkritik

Zwei Wutbürger rasten aus: zum Glück nur im Kino – zwei Filme stimmen nachdenklich

So verstört wie in «Unhinged» hat man Russel Crowe noch nie gesehen.

So verstört wie in «Unhinged» hat man Russel Crowe noch nie gesehen.

Endlich bringt Hollywood zwei mit Stars besetzte Filme. Doch können «The King of Staten Island» und «Unhinged» die Kinos füllen?

Auf für den Sommer 2020 als Blockbuster angekündigte Filme wie den neuen James-Bond, die Live-Action-Verfilmung von «Mulan» und Christopher Nolans «Tenet» muss man weiter warten. Doch nachdem in den ersten Wochen nach dem Kino-Neustart vorerst einige Schweizer-, Arthouse- und Independent-Filme den Kinostart wagten, folgen erste Filme aus den USA. Nach der leichtfüssigen Pop-Romanze «The High Note» und dem Kindertrickfilm «Scoob!», kam letzte Woche mit Keith Thomas’ «The Vigil» ein Horrorfilm ins Kino.

Nun stehen mit Judd Apatows «The King of Staten Island» und Derrick Bortes «Unhinged» gleich zwei US-Produktionen neu im Programm. Beide sind keine supergrossen Filme. Doch sie sind mit dem Stand-up-Comedian Pete Davidson, mit Marisa Tomei und Russell Crowe in den Hauptrollen starbesetzt. Und sie formulieren als Trauma-Drama und Rage-Movie ein Unbehagen an der Gesellschaft, das sich durch die Pandemie noch verschärfen könnte.

Der Wutentbrannte in «Unhinged»

Man hat Russell Crowe («Robin Hood», «Gladiator», «Noah») noch kaum je derart verstört gesehen wie in «Unhinged». Minutenlang sitzt er in dunkler Nacht in seinem Pickup. Die Scheibenwischer quietschen. Er schluckt Pillen. Wirft seinen Ehering aus dem Fenster. Brennt ein Zündholz ab. Zieht seine Jacke aus. Holt schliesslich ein Beil und einen Benzinkanister aus dem Wagen und geht durch den strömenden Regen aufs Reihenhaus zu, in dem seine Ex-Frau wohnt. Der von Russell Crowe gespielte Namenlose war einst glücklich. Doch seine Frau lebt nun mit einem anderen. Und sein Job ist weg. Bereits der Vorspann – eine wild-wirre Nachrichten-Collage, die von zunehmendem Stress und Überforderung der Gesellschaft berichtet und von dem daraus resultierenden «Road Raging», nimmt vornweg, was der Film exemplarisch durchspielt: die Geschichte eines Mannes, dem die Nerven reissen, nachdem er alles verloren hat.

Der Verstörte in «The King of Staten Island»

«The King of Staten Island»: Scott (Pete Davidson) rastet aus.

«The King of Staten Island»: Scott (Pete Davidson) rastet aus.

Auch der Protagonist von «The King of Staten Island» war einst glücklich. Doch dann – Scott (Pete Davidson) war gerade sieben Jahre alt – kam sein Vater bei einem Feuerwehreinsatz ums Leben. Inzwischen ist Scott 24. Er hat die Schule geschmissen, keinen Job, haust mit seiner Mutter Margie (Marisa Tomei) und seiner Schwester auf Staten Island. Als man ihn als Zuschauer zum ersten Mal sieht, rast er mit geschlossenen Augen über die Autobahn. In letzter Sekunde weicht er einer Kollision aus, sein Manöver allerdings bringt andere Autos ins Schleudern. Sorry, zig Mal sorry, murmelt Scott hinter dem Steuer seines Wagens und zieht die Sicherheitsgurte an. Später sagt er zu seiner Freundin Kelsey (Bel Powly), er ticke nicht richtig und geht auf Abstand. Dabei ist Kelsey, die davon träumt, in der Gemeindeverwaltung zu arbeiten und Staten Island wieder auf Vordermann zu bringen, das Beste in Scotts Leben. Seine anderen Freunde sind Slacker. Man hängt zusammen ab, dröhnt sich zu, schaut in einem Keller billige Horrorfilme. Um seinen Traum vom eigenen Tattoo-Studio zu verwirklichen, fehlt es Scott sowohl an Wille, wie auch an Talent.

Dann tritt ein neuer Mann ins Leben seiner Mutter Margie. Er ist, wie Scotts Vater, bei der Feuerwehr. Scott flippt aus und geht auf Konfrontation. Es ist weniger eines Widerspenstigen Zähmung, als eines traumatisierten Kindes spätes Coming-of-Age, von dem Judd Apatow in «The King of Staten Island» erzählt. Zugrunde liegt seinem Film die Lebensgeschichte des Hauptdarstellers Pete Davidson, der seinen Vater bei einem Einsatz 9/11 verlor.

Das rohe Unbehagen

Sowohl «The King of Staten Island», wie auch «Unhinged», der davon handelt, wie eine an einer Ampel mit ihrem Auto zufällig hinter dem Pickup des Wutbürgers stehende Frau, zu dessen Opfer wird, sind rohe Filme. Packend, aber unbeschönigt. Nicht nur in der Darstellung männlicher Verstörtheit und Wut, sondern auch in der Schilderung der Hilflosigkeit, der ihnen ausgelieferten Frauen: der Mutter, die ihrem Sohn keine Grenzen zu setzen vermag, der Autofahrerin, die selber nervlich angespannt in der Begegnung mit dem Ausrastenden alles falsch macht.

Caren Pistorius ist das Opfer des Wutbürgers in «Unhinged».

Caren Pistorius ist das Opfer des Wutbürgers in «Unhinged».

Obwohl beide Film relativ glimpflich ausgehen, Apatows «The King of Staten Island» sogar eine Spur hoffnungsvoll, stimmen sie nachdenklich. Denn man ahnt, dass beide – fiktionalen – Geschichten gesellschaftlichen Probleme schildern – Arbeitslosigkeit, Verzweiflung, Enthemmung –, die sich als Folge der Corona-Pandemie verschärfen dürften. Ob solche Filme die grossen Massen finden und dem darbenden Kinogeschäft auf die Beine helfen, ist zu bezweifeln. Sehenswert aber sind sie alleweil.

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