Kultur

Zwischen Realität und Absurdität: der neue Roman des Literaturkritikers Philipp Tingler

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Am 8. Oktober erscheint der neue Roman des Literaturkritikers Philipp Tingler. Das Buch bleibt in Erinnerung.

Es ist laut, chaotisch, verwirrend. Und hinterlässt nach dem Lesen eine gewisse Leere, wie sie nur selten vorkommt. «Rate, wer zum Essen bleibt», das neue Buch von Philipp Tingler, Literaturkritiker im SRF Literaturclub, erscheint heute. Der Roman bleibt in Erinnerung – gewisse Teile davon positiv, andere hingegen negativ.

Auf einen bestimmten Eindruck habe Tingler nicht abgezielt, sondern auf Unterhaltsamkeit, wie er gegenüber dieser Zeitung erklärt. «Unterhaltsamkeit bedeutet für mich nicht, dass man während der Lektüre aus dem Lachen nicht mehr rauskommt, sondern dass einen das Buch packt, engagiert, verstrickt, beschäftigt, also idealerweise auch im Gedächtnis bleibt und nachwirkt», so Tingler.

Buch basiert auf wahrer Geschichte

Die Handlung des Romans ist unkompliziert: Franziska hat den Dekan der soziologischen Fakultät und dessen Frau zum Abendessen eingeladen. Sie will einen guten Eindruck hinterlassen, denn die Soziologin liebäugelt mit der Stiftungsprofessur, die neu zu vergeben ist. Doch kurz vor den Gästen klingelt unerwünschter Besuch an der Türe: Conni, eine alte Studienfreundin von Franziskas Ehemann Felix. Und mit Conni kommt das Chaos.

Conni bleibt zum Essen. Dabei beleidigt sie die Gastgeberin, den Dekan und seine Frau. Sie ist laut, unterbricht Gespräche und übergibt sich zum Ende des Abends am Esstisch. An Erbsenfieberkrankheit leidend bleibt sie bei Franziska und Felix, nur um in den kommenden Tagen noch mehr Probleme zu stiften.

So unrealistisch die Situation auch wirken mag: Die Geschichte ist von wahren Geschehnissen inspiriert. «Ich nehme immer ein paar Anlässe aus der Wirklichkeit und dichte dann drum herum», so Tingler. Die Idee zu diesem Roman basiere unter anderem auf einer Anekdote, die Essayistin Fran Lebowitz vor knapp 10 Jahren in einem Dokumentarfilm erzählt hat: Sie war zum Essen eingeladen, die Konversation verlief etwas schwierig, und dann wurde sie auch noch schlagartig krank und musste dableiben.

Wenn die Figur den Leser ärgert

Die Gefühle, die sich im Verlauf der Geschichte in der Leserin ausbreiten, sind durchmischt. Mal glücklich, dass Franziska doch eine Chance auf die Professur haben könnte, mal konfus, wenn es um ihre Kindheit geht, mal verständnisvoll, als sie in eine Lebenskrise rutscht. Manchmal muss man grinsen oder kichern über den trockenen Humor des Autors und die Absurdität der Story. Und manchmal möchte man die Figuren anschreien, sie sollen einfach mal still sein.

Conni beispielsweise ärgert nicht nur die Gastgeberin, sondern auch die Leserin mit ihrem fehlenden Anstand und der unangenehmen Art. Wie er mit ihr befreundet sein könne, fragt Franziska ihren Mann, und beim Lesen fragt man sich dasselbe. Es ist nicht nur der Fakt, dass eine Person, wie sie im echten Leben wohl niemandes Freundin sein würde, derart befremdlich wirkt. Ihre blosse Rolle und Figur wirken unrealistisch. Man kann sich kaum vorstellen, dass sich jemand gegenüber fremden Menschen so verhalten würde, wie Conni es tut. «Eines meiner Ziele beim Schreiben ist, dass die Figuren den Leser nicht kaltlassen», erklärt der Autor. «Das heisst natürlich nicht, dass man jede Figur immer lieben muss, im Gegenteil. Wenn man sich beim Lesen auch mal über den einen oder anderen Charakter aufregt, identifiziert man sich womöglich noch intensiver mit den anderen, seinen Mit- und Gegenspielern.»

An Tingler scheiden sich die Geister

Unbewusst geschieht dies wohl tatsächlich so, wie Tingler es beschreibt. Denn mit den anderen Figuren kann sich die Leserin im Gegensatz zu Conni gut identifizieren. Ihre Probleme, Gefühle und Gedanken sind nachvollziehbar. «Das Identifikationspotenzial mit dem Innenleben der Figuren in Verbindung mit einer temporeichen äusseren Handlung, die ruhig auch das Absurde streifen kann», sei die gewünschte Mischung gewesen.

Die Absurditäten sind einer der Gründe, weshalb sich an Tinglers Romanen die Geister scheiden. Denn die Rückmeldungen zu seinen Büchern würden in der Regel ähnlich ausfallen wie die Rückmeldungen zu seiner Person, sagt er. «Entweder die Menschen lieben es, finden es unterhaltsam und inspirierend, oder sie finden es viel zu laut, zu drastisch und auch noch mit Humor belastet – furchtbar.»

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